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Lafontaine-Gauweiler-Auftritt: Stelldichein der Outlaws

Von , München

Pointen, Sprachmacht, Populismus: Bei einem skurrilen Wahlkampfauftritt auf dem Münchner Nockherberg spielen sich Linke-Chef Lafontaine und CSU-Renegat Gauweiler die Bälle zu - und wirbeln links und rechts durcheinander.

Peter Gauweiler kommt gleich zur Sache. Ganz wunderbar könne man über Dienstwagen streiten, sagt er in Anspielung auf den Ärger der SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt - aber die Lage sei so ernst, dass man sich im Wahlkampf nicht "nur mit Scheißhausthemen" beschäftigen könne.

Gauweiler, Lafontaine: Welche Mischung - linke CSU, rechte Linke Zur Großansicht
REUTERS

Gauweiler, Lafontaine: Welche Mischung - linke CSU, rechte Linke

An diesem Abend also soll das anders sein. Ganz anders. "Herzlich Willkommen zu einer Wahlkampfdiskussion der anderen Art", ruft CSU-Mann Gauweiler den über 600 Leuten auf dem Münchner Nockherberg zu. Die Stühle reichen nicht aus, man steht an der Seite oder sitzt auf dem Boden. Es ist dies der Saal, in dem sich jedes Frühjahr die Politiker derblecken lassen müssen. Normalerweise. An diesem lauen Augustabend aber, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, treffen sich zwei Politiker, um ihren Kollegen die Leviten zu lesen: Der linke Oskar Lafontaine und der rechte Peter Gauweiler machen Wahlkampf. Gemeinsam.

Es ist einfach skurril. Schon als die beiden begleitet von Marschmusik nach vorn laufen, schunkeln CSU- und Linke-Anhänger über Lagergrenzen hinweg mit. "Ich begrüße den mutigsten Mann des Abends, der sich in die Höhle des schwarzen Löwen gewagt hat", ruft Gauweiler Lafontaine zu. Nur stimmt die Mehrheit im Saal prompt in "Oskar, Oskar"-Rufe ein. Und an den CSU-Tischen schauen sie sich verdutzt um. "San denn vielleicht auch noch an paar CSUler da?", kontert Gauweiler. Jetzt jubeln auch die Schwarzen.

Darauf der CSU-Gastgeber: "Die Sache verspricht, ganz nett zu werden."

Das wird sie. Denn es sind zwei persönlich befreundete Renegaten, zwei Selbstdarsteller, zwei Populisten, die an diesem Abend antreten zur "Kontroverse um Deutschlands Zukunft", wie es auf den Plakaten heißt. Darauf groß die Namen Gauweiler und Lafontaine, aber klein, sehr klein ihre Parteizugehörigkeit. In der CSU-Zentrale haben sie von diesem Auftritt erst aus der Zeitung erfahren. "Na, der Gauweiler halt", haben sie gesagt und die Sache irgendwie abgehakt. Denn den Mann haben sie eh nicht mehr unter Kontrolle.

Zum Beispiel in der Europapolitik. Da ist Gauweiler gegen den Vertrag von Lissabon vors Bundesverfassungsgericht gezogen, Seit' an Seit' mit Lafontaines Linken. Ergebnis: Bundestag und Bundesrat müssen mehr Mitspracherechte in Brüssel bekommen. So ist die Europapolitik auch das erste Thema dieses Abends in München. Der Linke und der Rechte - sie beginnen mit den Gemeinsamkeiten.

Volksentscheide zu europäischen Richtungsentscheidungen fordert Lafontaine. Da nickt Gauweiler. Am CSU-Honoratiorentisch vorne rechts tun sie sich offensichtlich noch ein bisschen schwer, dem Gottseibeiuns aus dem Saarland dafür Applaus zu spenden. Aber Plebiszite zu Europafragen, das hat ihnen nun ja jüngst CSU-Chef Horst Seehofer selbst ins Wahlprogramm diktiert.

Zweite Runde: die Wirtschafts- und Finanzkrise. Gauweiler witzelt und stichelt gegen den linken Block auf dem Nockherberg mit einer Reminiszenz an den Untergang der DDR: "Jetzt haben wir ja die Krise des Kapitalismus, jetzt haben wir gleichgezogen mit Euch vor 20 Jahren." Die Linken buhen. Gauweiler verdammt dann noch die Manager und ihre "angelsächsische Denke", lobt aber den in der Region verwurzelten Familienunternehmer. Und für die Leistungsträger müssten die Steuern gesenkt werden.

Lafontaine grinst und nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Maß Bier: "Jetzt kommen auch jene hier auf ihre Kosten, die gern unterschiedliche Standpunkte hören." Denn Steuersenkungsversprechen seien "unverantwortlich". Stattdessen solle die Regierung lieber die Managergehälter begrenzen und Hedgefonds verbieten. "Aber es geschieht nichts, es wird nur rumgequatscht." Jubel bei den Linken.

Verbeugung vor der "Grande Dame Bayerns"

Und dann setzt Lafontaine auf die Sache mit den Parteispenden. Er wolle eine Demokratie, die nicht von Spenden beeinflusst werde. Deshalb sollten Großkonzerne und Banken nicht an Parteien spenden dürfen. Die Linke jedenfalls bekomme von Konzernen und Versicherungen "null Euro". Darauf Gauweiler: "Eure PDS-Leute haben ja immer noch die Millionen der SED." Buhrufe im Publikum. "Ihr seid Opfer Eurer Naivität", ruft der CSU-Mann dem linken Block zu. Längst seien nicht mehr die Spenden ausschlaggebend, sondern die Wahlkampfkostenerstattung durch den Staat, die die Parteien steuern würden. "Wir entwickeln uns zu einer Parteiapparateherrschaft, das ist viel bedrohlicher", ärgert sich Gauweiler.

Sein Rezept: Die Bürger sollen auf der Wahlliste einzelne Kandidaten und nicht die Liste, also den "Apparat", wählen können: "Wir brauchen den freien Parlamentarier." Die USA seien da Vorbild. Immerhin hätte dort das Volk bestimmt, welche Partei welchen Kandidaten zur Präsidentenwahl aufstelle. Und wie sei das in Deutschland gewesen?, fragt Gauweiler. Im letzten Jahr hätten ein paar Sozialdemokraten Frank-Walter Steinmeier zum Kanzlerkandidaten gemacht "und beim Frühstück in Wolfratshausen waren es nur zwei". Großer Jubel, diesmal parteiübergreifend. Die Anspielung auf den früheren CSU-Chef Edmund Stoiber und jenen Morgen im Jahr 2002, als die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ihm daheim am Frühstückstisch die Kanzlerkandidatur der Union antrug, sitzt.

Gauweiler meint es ernst. "Warum sind heute so viele hierher gekommen?", fragt er. "Weil man hier mal alles frei aussprechen kann." Tatsächlich, die Leute berauschen sich an dieser ungewöhnlichen Links-Rechts-Combo und deren Schlagabtausch auf dem Podium. Lafontaine und Gauweiler spüren das, sie genießen den Abend, ergötzen sich an eigenen Formulierungen, amüsieren sich über die Pointen des anderen. "Wenn es eine Konsequenz aus dem 20. Jahrhundert gibt", sagt Gauweiler, "dann die, dass ein Mensch nie ganz rechts und nie ganz links sein kann." Auf die Mischung komme es an, "rechte und linke Denke" dürften nicht gegenüberstehen, sondern müssten sich ergänzen.

Im Publikum sind sie ein bisschen baff. Auf beiden Seiten.

Lafontaine und Gauweiler haben die Lager auf dem Nockherberg kräftig durcheinandergewirbelt. Wann haben schon mal Hunderte Linke mit Hunderten Schwarzen ein paar Bier getrunken? Und dann war da ja noch Hildegard Hamm-Brücher. Ganz vorn, in der ersten Reihe hatte man die Münchnerin und prominente frühere FDP-Politikerin platziert. Anfang der achtziger Jahre sträubte sie sich gegen den Wechsel von der sozial-liberalen zur schwarz-gelben Koalition. Gauweiler nun begrüßt sie als "Grande Dame Bayerns" und Lafontaine deutet gar eine Verbeugung an, als er ihr die Hand schüttelt.

Welch' Mischung: Linke CSU, soziale FDP, rechte Linke. Großes Kino auf dem Nockherberg. Es ist ein Stelldichein der Outlaws. Der blitzgescheite Gauweiler galt immerhin mal als große Hoffnung der CSU, als potentieller Nachfolger gar von Parteipatriarch Strauß. Und Lafontaine war zur gleichen Zeit der Lieblingsenkel von Willy Brandt, war später Kanzlerkandidat und SPD-Vorsitzender. Alles perdu. Jeder der beiden ist ein bisschen mehr, ein bisschen weniger letztlich auch an sich selbst gescheitert.

Ihnen bleibt der Basisjubel in der Nockherberg-Nische. Dort spielen sie ihre Sprachmächtigkeit aus. Als Populisten, die sie nun einmal sind. Vor wenigen Tagen erst war SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier zu Besuch am gleichen Ort. Es war ein ebenso lauer Sommerabend, man reichte eine Maß - und die Leute im Biergarten draußen applaudierten, als der Sozialdemokrat auftauchte. Aber was machte Steinmeier? Er setze sich zu den Genossen, den örtlichen Intellektuellen, den Journalisten. Mit dem Volk aber sprach er kein Wort, ging nicht durch die Reihen.

Gauweiler übrigens macht in seiner Einleitung zum gemeinsamen Abend mit Lafontaine noch eine launige, recht eitle Bemerkung. "Sie wissen", sagte er, "dies ist kein Duell der Kanzlerkandidaten." Pause. "Das wäre aber vielleicht das G'scheiteste."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 74 Beiträge
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1.
mime 12.08.2009
Lustig, wie in dem Artikel die eine Seite als links, die andere als schwarz betitelt wird. Soviel dazu, welcher Begriff gesellschaftlich etabliert und differenziert nutzbar ist und welcher nicht.
2. populisten
autocrator 12.08.2009
dieses ewige gewäsch von "populisten" geht einem so langsam auf den sack: egal wie man nun zu Lafontaine und/oder Gauweiler steht: könnte es nicht sein, dass die einfach nur recht haben? vox populi vox dei. (für die nichtlateiner unter uns: die stimme des volkes ist die stimme gottes.)
3. Wie hat mein ...
UlliK 12.08.2009
... Gemeinschaftskunde-Lehrer (So hieß es vor 40 Jahren) schon gesagt: 'Manche sind soweit links, daß sie rechts schon wieder rausgucken!'
4. Mediale Populisten- Keule
buusami 12.08.2009
Sie bezeichnen die beiden, zugegebenermaßen ungewöhnlichen, Politiker als Populisten und kleben denen damit das Etikett an, das bei den meisten Lesern negativ behaftet ist. Ich bezeichne die Herren als außergewöhnlich, sind sie eben nicht durch ihre jetzigen (oder bei Lafontaine: früheren...) Parteien rundgelutscht. Große Leistung Gauweilers übrigens genau deshalb die e r f o l g r e i c h e Klage gegen den Vertrag von Lissabon! Was ist daran populistisch, dem (Wahl-)Volk zu seinem Recht zu verhelfen? Und wenn beide als Kanzlerkandidaten kandidieren würden, dann hätten die es nicht nötig, ihre alternden Busen, primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale auf Wahlkampfplakaten zu offerieren. Erstens haben die Herren richtig Humor und dann noch inhaltlich was zu bieten! Daß ich beide nicht direkt wählen kann, bedaure ich. Es führt jedoch nicht dazu, nicht wählen zu gehen. 2009- Klarmachen zum Ändern!
5. Outlaws sind ganz andere!
kellitom, 12.08.2009
Welch eine Überschrift! Outlows sind ganz andere! Z.B. betrügerische Bankmanager, die Riesenprofite kassieren und Verluste dem hart arbeitenden Volk aufladen. Lafontaine trtt hingegen derzeit im Saarland an, um Ministerpräsident zu werden. Einer der besten Redner und Denker dieser Republik! Guttenberg ist ein outlaw, weil er laws von einer englischen Anwaltskanzlei schreiben läßt, die zuvor betrügerische Finanzprodukte entwickelte. Er macht quasi die Drogendealer zu Drogenpolizisten! In der neoliberaeln Kampfpresse wird Lafontaine ganz bewußt mit negativen Verben und Adjektiven charakterisiert. 10 Familien in Deutschland kontrollieren die Presse in diesem unseren Lande. Hier noch von Pressefreiheit zu sprechen wäre ein intellektuelles Armutszeugnis!
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