Medienpolitik: Wie blutig darf ein "Tatort" sein?

Von Holger Kulick

Nach dem Amoklauf von Erfurt ist eine Debatte darüber entbrannt, wie gefährlich Gewaltszenen im Fernsehen sind. Gerhard Schröder lud die deutschen TV-Chefs zu Beratungen ins Kanzleramt. Greifbare Lösungen kamen nicht heraus, die Medienmacher sehen wenig Anlass zu Selbstkritik.

Die TV-Anbieter wehren sich gegen die Rolle des Buhmanns
REUTERS

Die TV-Anbieter wehren sich gegen die Rolle des Buhmanns

Berlin - Ein wenig Bammel hatten sie schon, die Herren des deutschen Fernsehens, als sie gestern Abend zu einer Premiere im Bundeskanzleramt eintrafen. Die 19 ranghöchsten TV-Macher waren kurzfristig eingeladen worden, um mit dem Kanzler und vier Ministern am Kabinettstisch über "die Frage der Wirkung von Gewaltdarstellungen im Fernsehen" zu debattieren. Zur Gastageberrunde zählten Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, Innenminister Otto Schily, Jugendministerin Christine Bergmann und der Staatsminister für Medien und Kultur, Julian Nida-Rümelin.

Noch vor Beginn lehnte ARD-Chef Fritz Pleitgen vorsorglich jede staatliche Einflussnahme ab, denn eine "Notwendigkeit, gesetzliche Vorschriften zu verschärfen", sehe er eigentlich nicht. Und Gerhard Zeiler, Geschäftsführer von RTL, warnte davor, überhaupt dem Fernsehen Mitverantwortung für Gewaltexzesse wie in Erfurt zuzuschieben. "Wir werden eine Diskussion nicht zulassen, wo wir in die Rolle der Sündenböcke hineingeraten", bekundete Zeiler vor Betreten des Kanzleramts. Vor dieser Buhmannrolle fürchteten sich die privaten Fernsehanbieter besonders. Dabei wäre es gestern Abend ein Leichtes gewesen, den RTL-Blick einmal auf das eigene Programm zu lenken: Zeitgleich zum Kanzlergipfel wurde in den RTL-Kanälen auf sehr viel gewaltträchtigere Filme gesetzt, als in anderen Programmen.

Runder Tisch als Patentlösung?

Zeilers Sorge blieb aber unbegründet, denn niemand zeigte in der Expertenrunde mit dem Finger auf einen seiner Nachbarn. Das berichteten alle Teilnehmer erleichtert. In der Kürze der 90 Minuten musste die Runde auch zwangsläufig unverbindlich bleiben. "Bei dem Treffen ist es nicht um vordergründige Schuldzuweisungen gegangen, sondern um das, was getan werden muss, damit sich solch ein Vorfall nicht wiederholt", sagte der Kanzler im Anschluss.

Schröder rühmte sich, am ovalen Tisch seines Kabinetts mit Erfolg die Idee eines Runden Tisches gegen Fernsehgewalt vorgebracht zu haben, um gemeinsam vorhandene Grundsätze zu überprüfen, neue zu entwickeln und das System freiwilliger Selbstkontrolle bei den Privaten gegebenenfalls zu verfeinern. Wie oft das Gremium tagen soll, ist aber noch unbekannt. Sicher ist nur, dass auch aus den Ländern Vertreter der Landesmedienanstalten teilnehmen sollen.

Zusätzlich sollen Internetanbieter wie AOL oder die t-online eingeladen werden - und Videoproduzenten. Für die Produzenten von Videospielen soll möglicherweise ein eigenes Kanzlertreffen organisiert werden, deutete Gerhard Schröder den Teilnehmern an. Ein einheitliches Meinungsbild habe es nicht gegeben. Einer der Teilnehmer habe sogar geäußert, mit "solchen Verbrechern" wolle er sich nicht an einen Tisch setzen, berichtete Jürgen Doetz, der Präsident des Verbandes Privater Rundfunk- und Telekommunikation gegenüber SPIEGEL ONLINE. Dieser Auffassung schloss sich Doetz aber nicht an.

Umstrittener Ehrenkodex gegen Gewalt

Für Ehrenkodex der Medien gegen Gewalt: ZDF-Intendant Markus Schächter
DPA

Für Ehrenkodex der Medien gegen Gewalt: ZDF-Intendant Markus Schächter

Umstritten blieb in der Runde, in welcher Form sich der Runde Tisch später äußern soll. ZDF-Intendant Markus Schächter schlug vor, als "Arbeitsgrundlage" eine Art Ehrenkodex zu formulieren, in dem sich alle Fernsehmacher nachprüfbaren ethischen Grundsätzen verpflichten. Mit der Erarbeitung einer solchen Fernsehverfassung als Ziel könnte auch verhindert werden, dass die weiteren Treffen des Runden Tischs nicht versanden, meinte er gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Während Schächter dafür großen Rückhalt der öffentlich-rechtlichen Veranstalter erhielt, zeigte sich der Vertreter der Privaten, Jürgen Doetz, ausgesprochen skeptisch. Er sehe nicht, wie solch eine Kodex nun als "Wunderwaffe" wirken solle. Schließlich gebe es bereits zahlreiche Grundsätze und funktionierende (Selbst-)Kontrollmechanismen der deutschen Fernsehmacher, das habe er auch dem Kanzler erläutert. Außerdem hätten an die 5000 Gutachten bis heute kein eindeutiges Ergebnis erbracht, ob Fernsehen überhaupt so gewaltanstiftend wirke, wie derzeit einige vermuten.

Große Einigkeit herrschte dagegen auf einem anderen Feld, berichtete der Aufsichtsratsvorsitzende des Nachrichtensenders n-tv, Karl-Ulrich Kuhlo. Es habe "große Übereinstimmung gegeben, dass medienpädagogischer Unterricht stark vernachlässigt worden" sei und dringend einen Ausbau verdiene. Außerdem sollen auf allen Kanälen Aufklärungsspots ausgestrahlt werden, in denen Gewalt als Methode zur Konfliktbewältigung geächtet wird.

Machen Gewaltfilme skrupellos?

Endlos-Puzzle: Die Psyche des Robert S.
DDP

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Dass aber auch "Tatort"-Krimis nun blutleerer werden, mochten die Fernsehgewaltigen nicht versprechen. Die dort gezeigten Bluttaten gelten gemeinhin auch nicht als Anstiftung zu Gewalt, schließlich lesen auch nicht wenige Bundesbürger Krimis. In der Regel vermeiden die Filme aber die Darstellung von Schmerz, Trauer, Traumata und Folgeschäden. Folglich ersparen die Morde im Fernsehen den Zuschauern die Gefühle von Trauer, Schmerz und Leid, die damit im wirklichen Leben einher gehen. Zudem werden Fernseh-Killer in der Regel als eiskalte, coole Typen dargestellt, die keine Gewissensbisse zeigen, sondern Skrupellosigkeit. Auch solche Darstellungen können schreckliche Vorbildwirkung haben - möglicherweise auch im Fall Robert S.

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