Papst-Bashing Carrell, Rushdie, Ratzinger - wer kommt als nächstes?

Der Papst bedauert die Missverständnisse - Entspannungsignale aus Rom. Doch wer in der politischen und philosophischen Auseinandersetzung mit dem Islam sein Recht auf Meinungs- und Gedankenfreiheit in Anspruch nehmen will, lebt gefährlich.

Von Claus Christian Malzahn


Vor 20 Jahren musste Rudi Carrell in Bremen von der Polizei beschützt werden, weil er in einer TV-Satire-Sendung einen schlüpfrigen Scherz über den damaligen iranischen Revolutionsführer Ayatollah Chomeini gemacht hatte. Iranische Massendemonstrationen, vom Regime freilich orchestriert, waren die Folge. Angesichts der unverhohlenen Drohung von Gewalt entschuldigte sich Carrell und machte nie wieder einen Witz über einen Moslem - jedenfalls nicht im Fernsehen.

Demonstranten in der Kaschmir-Region: Wütender Protest gegen den Papst
DPA

Demonstranten in der Kaschmir-Region: Wütender Protest gegen den Papst

Im Februar 1989 erließ Chomeini einen Mordaufruf gegen Salman Rushdie, der in seinem Roman "Die Satanischen Verse" einen Propheten auftreten ließ, dem im Traum Erzengel Gabriel erscheint. Gabriel entpuppt sich später als Satan. Diese literarische Idee kostete den japanischen Übersetzer Rushdies das Leben, auf andere wurden Attentate verübt. Rushdie selbst musste sich jahrelang verstecken, obwohl die iranische Staatsführung sich 1998 vom Mordaufruf, den sie Fatwa nannte, distanzierte. Gleichwohl gibt es noch immer fanatische Muslime, die Rushdie nach dem Leben trachten.

In ständiger Gefahr mit täglichen Morddrohungen lebt auch die Feministin und Islam-Kritikerin Ayan Hirsi Ali, die vor kurzem die Niederlande verlassen hat. Sie hat neben einigen lesenswerten Büchern über die Unterdrückung der Frauen in der islamischen Welt auch das Drehbuch zum Kurzfilm "Submission" geschrieben. Einer Frau werden dort Koranverse auf die nackte Haut projiziert, die Zeilen fordern dazu auf, sich stets dem Willen des Gatten zu beugen. Provokant? Klar. Der Regisseur des Films, Theo van Gogh, wurde nach dieser künstlerischen Intervention in die totalitäre Glaubenswelt des Islamismus auf offener Straße von einem islamischen Fanatiker getötet.

Um sein Leben fürchten muss auch Flemming Rose, jener dänische Redakteur, der vor einem Jahr eine Reihe Mohammed-Cartoons in sein Blatt gehoben hat. Die Zeichnungen sorgten ein halbes Jahr nach ihrer Veröffentlichung für einen Aufstand in der islamischen Welt. Auch Islam-Experten wie der Göttinger Professor Bassam Tibi, dem man wahrlich kein Appeasement gegenüber dem militanten Islamismus vorwerfen kann, hielten die Veröffentlichung der Cartoons seinerzeit für keine gute Idee. Nur eins muss klar bleiben: Der oft gewalttätige Protest auf der arabischen Straße wurde damals gezielt von interessierter islamistischer Seite geschürt - wie bei den Vorwürfen gegen den Papst heute auch.

Doch die Angriffe auf den Pontifex in Rom sind besonders grotesk. Die scharfe, oft auch mit der Androhung von Gewalt verbundene Kritik an der Regensburger Rede Benedikts XVI ist nicht nur eine Attacke auf das Oberhaupt der Katholiken. Die böswilligen Verdrehungen seiner Worte und absurden Unterstellungen von Islamvertretern sind auch ein frontaler Angriff auf den freien religionsphilosophischen Diskurs. Dass sich offenbar immer mehr Menschen in der islamischen Welt dazu verleiten lassen, diesem Protest zu folgen, zeigt, wie einflussreich islamistische Gruppen dort inzwischen sind. Das politische Kalkül ist klar: Eine Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam soll es nur innerhalb der Spielregeln geben, die vom politischen Islamismus festgelegt werden.

Darauf kann freilich verzichtet werden. Wer sich auf diesen "Dialog" einlässt, gibt sich und die Meinungsfreiheit auf. Was kommt denn als nächstes? Vielleicht die Ansage, dass Allah sich angesichts der vielen Frauen, die im Sommer im Bikini durch Europa laufen, beleidigt fühlen könnte. Oder durch Mettwurstbrötchen. Einen Anlass für den Kampf der Kulturen werden die militanten Islamisten immer finden. Und es wird sie begeistern, dass Zeitungen wie die "taz" sich heute nicht entblöden, den Papst "auf Kreuzfahrt" zu verorten. Das geht am Thema völlig vorbei. Auf dem Spiel steht nichts weniger als die Freizügigkeit von Rede und Diskurs. Jeder Versuch, den imaginären Gotteswillen zur obersten Richtschnur politischen Handelns zu machen, muss abgewehrt werden, wenn uns in Europa Demokratie und Freiheit lieb und teuer bleiben sollen.

Es gibt - wenige - ernstzunehmende Töne im anschwellenden Chor der Papst-Kritiker. Hätte Papst Benedikt XVI nicht ahnen müssen, dass sein von ihm selbst als "schroff" bezeichnetes Zitat missverstanden werden würde? Ist da der intellektuelle Theologe Ratzinger mit dem Papst durchgegangen? Selbst wenn. Es dürfte doch sogar für linke Agnostiker und Atheisten eine frohe Botschaft sein, dass wir einen Papst haben, der eine anspruchsvolle akademische Vorlesung halten kann. In seiner Rede ist jedenfalls kein einziger Muslim beleidigt worden.

Dass man im Kampf der Kulturen übrigens auch ganz gelassen bleiben kann, zeigt ein Beispiel aus Dänemark. Dort hatte eine Zeitung vor kurzem ziemlich geschmacklose Holocaust-Cartoons veröffentlicht, die zuvor in Teheran gezeigt worden waren. Die Reaktion des Rabbis von Kopenhagen unterscheidet sich ziemlich von der blutigen Protestwelle gegen die Mohammed-Cartoons, bei der 50 Menschen ums Leben kamen. Auf die Frage, ob er nun protestieren werde, sagte der Rabbi: "Ach wissen sie, ich hab schon Schlimmeres gesehen."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.