Papst in der Krise Der Entzauberte

Der Skandal um Bischof Williamson hat Benedikt XVI. dauerhaft beschädigt. Zwar fordert der Vatikan einen Widerruf von dem Holocaust-Leugner. Doch der Fall ist nicht erledigt: Viele Bischöfe, selbst enge Vertraute sind entsetzt - und die Deutschen verstehen ihren Papst nicht mehr.

Ein Kommentar von , Rom


Was hat der Papst mit der HypoRealEstate gemein?

Beide haben es geschafft, innerhalb weniger Tage ein enormes virtuelles Kapital zu zerstören. Beide haben, nolens volens, einen Vertrauensverlust ausgelöst, dessen Auswirkungen noch nicht abzuschätzen sind. Für den Vatikan ist die Affäre um Bischof Williamson, den Borat der schismatischen Ultrareaktionäre, mit der heutigen Erklärung beendet.

Auch das kennen wir von den Hypo-Managern. Die Frage ist, wann der nächste Vertrauenskredit fällig ist.

Papst Benedikt XVI.: Keine Lehren aus dem PR-Desaster
DDP

Papst Benedikt XVI.: Keine Lehren aus dem PR-Desaster

Papst Benedikt XVI. war nie ein Antisemit. Auch wenn er eine klammheimliche Sympathie haben mag für die Traditionalisten und ihre Treue zur alten Messe, diese unbeugsamen Gestalten im Reinst-Raum des Katholizismus.

Natürlich war der Skandal der vergangenen Tage auch ein Beweis für die Unfähigkeit der Kurie zur Kommunikation. Die Versöhnungsgeste an die Piusbruderschaft hätte von Anfang an mit der Absage an jede Form von Antisemitismus gekoppelt werden müssen.

Es hätte klargestellt gehört, dass diese Geste die Bischöfe nicht in ihr Amt wiedereinsetzt. Dass es sich um eine Vorleistung handelt, auf Grundlage der Kirche des Zweiten Konzils. Nichts davon ist passiert. Weder die Kurie, noch der Pressesaal, noch der Papst haben die Lehren aus dem PR-Desaster von Regensburg 2006 gezogen: Damals hatte Benedikt XVI. eine Rede an der örtlichen Universität gehalten und dabei erwähnt, dass Prophet Mohammed nur "Schlechtes und Inhumanes" gebracht habe. In der islamischen Welt löste das eine Welle der Empörung aus.

Der Vatikan hat es nun innerhalb weniger Tage geschafft, die Kluft zwischen den deutschen Bischöfen und Rom wieder aufzureißen. Seit dem Streit um die Schwangerenkonfliktberatung 1999 haben deutsche Kirchenfürsten nicht mehr so mutig aufbegehrt gegen ihren Pontifex. In den Gemeinden rumort es, Jungkatholiken distanzierten sich, Bischöfe machten gar keinen Versuch mehr, das Unerklärliche zu erklären.

Selbst so treue Gefährten wie Kardinal Meisner oder Regensburgs Bischof Müller sollen entsetzt gewesen sein angesichts der Stümperei im apostolischen Palast. Diese Scherben sind vielleicht wegzufegen, zu kitten sind sie nicht. Es wird eine Entfremdung, ein Misstrauen bleiben zwischen den deutschen Katholiken und ihrem Papst. Man wird genauer hinschauen, kritischer nachfragen, unabhängiger handeln.

Der Vatikan hat Bischof Williamson zum Widerruf aufgefordert. Vielleicht wird er das tun und erklären, er habe jetzt doch noch einmal nachgeblättert bei Raul Hilberg und das alles gar nicht so gemeint mit den Juden... Das ändert nichts. Es bleiben zu viele Fragen offen.

Etwa, wieso wird die barmherzige Hand des Oberhirten immer nur in eine Richtung ausgestreckt? Weshalb nicht zu den schwarzen Schafen Hans Küng oder Leonardo Boff, dem tieffrommen Theologen der Befreiung? Oder, wie präsent ist das Menetekel des vergangenen Jahrhunderts, die Shoah, tatsächlich im Weltverständnis des Vatikans, dass ein derart explosives Dossier wie die Ex-Exkommunikation notorisch antisemitischer Bischöfe derart schlampig verwaltet wird?

Schon im Jubeljahr 2000 hat es einen Fall Williamson gegeben, als der die "Protokolle der Weisen von Zion" verteidigte, jenes Pogrom in Gestalt eines Textes. Für den Vatikan ist die Affäre mit der heutigen Erklärung beendet. Wie sie auch schon vergangenen Mittwoch beendet war. Und dann am gestrigen Dienstag.

Beendet ist in jedem Fall der Honeymoon zwischen den Deutschen und ihrem Papst. Fast vier Jahre flirtete dieses durchsäkularisierte Luther-Land mit dem Prunk, der Selbstgewissheit, dem Unmodischen der römischen Kirche.

Die Feuilletons kokettierten mit der Strenge der tridentinischen Messe, die Medien begleiteten "unseren Papst" mit Wohlwollen, jedenfalls mit Neugier und Sympathie. Das ist vorbei. Das Pontifikat des Benedikt hat in den vergangenen Tagen seine Zeitenwende erfahren. Es wird, so steht zu befürchten, in ein Vorher und ein Nachher zerfallen. Der Skandal um Bischof Williamson und die Seinen hat diesen Papst entzaubert. Schade.

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