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Papst-Rede: Der Griff in die Geschichte

Von Alexander Schwabe

Muslime in aller Welt sind empört über die Rede des Papstes, sie sehen das Gottesbild des Islam angegriffen. Dabei ging es Benedikt XVI. eigentlich um eine Kritik am Westen - wo die Bedeutung von Religion und Glaube stetig schwindet.

Als am Montag nahezu die ganze Welt der Anschläge vom 11. September 2001 gedachte, besuchte Papst Benedikt XVI. den Marienwallfahrtsort Altötting und feierte eine Messe mit Tausenden Gläubigen. Dem Angriff muslimischer Terroristen der al-Qaida schenkte er in seiner Predigt kein Wort. Lediglich in den vorgetragenen Fürbitten wurde der Opfer der Attacken in Anwesenheit des Papstes kurz gedacht.

Papst Benedikt XVI. im Auditorium Maximum der Regensburger Universität: Kritik am Gottesbild des Islam
DPA

Papst Benedikt XVI. im Auditorium Maximum der Regensburger Universität: Kritik am Gottesbild des Islam

Am Dienstag kam der Papst auf seiner weiß-blauen Jubelfahrt durchs Heimatland Bayern in einem akademischen Vortrag an der Universität Regensburg auf den "Dialog der Kulturen", auf Christentum und Islam zu sprechen, eingebettet in einen grundlegenderen Diskurs über Glaube und Vernunft.

Ausgerechnet einen Dialog aus dem 14. Jahrhundert, geführt zwischen Kaiser Manuel II. Palaeologos mit einem gebildeten Perser, führte Benedikt XVI. an, um sein Thema zu erläutern. Und innerhalb des Dialogs zwischen Christ und Muslim griff der Papst zu einem, so seine Einschätzung, "eher marginalen Punkt" – ein Punkt, der nun zu einer gewaltigen Kontroverse zwischen dem Vatikan und weiten Teilen der muslimischen Welt führt.

Dieser "marginale Punkt" führte den Papst zu einem "Scheideweg im Verständnis Gottes" und "in der konkreten Verwirklichung von Religion". Er kritisierte das Gottesbild des Islam, so wie er es versteht. Daran erhitzen sich nun die Gemüter, auch wenn die eigentliche Intention seiner Rede war, die westliche Welt zu ermahnen, sich der eigenen, von Glaube und Vernunft geprägten Wurzeln zu besinnen.

Im Unterschied zur christlichen sei in der muslimischen Lehre Gott "absolut transzendent". In Übereinstimmung mit dem Herausgeber des Dialogs zwischen dem mittelalterlichen Kaiser und dem persischen Gesprächspartner zeichnete Benedikt den islamischen Gott zudem als ein Wesen der Willkür: "Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es der Vernünftigkeit." Gott sei durch nichts verpflichtet, nicht einmal durch und an sein eigenes Wort – offenbart für Christen in Jesus Christus, für Muslime in den im Koran niedergeschriebenen Worten Mohammeds.

Bedenkenswert ist der Einwand des Vorsitzenden des deutschen Islamrats, Ali Kizilkaya, der interkulturelle und interreligiöse Dialog werde nicht befördert, "wenn wir alle in die historische Kiste greifen wollten". Musste der Papst den Satz des Kaisers zitieren: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten"? Genügte es, sich von diesem Satz lediglich in seiner Form ("erstaunlich schroff"), nicht aber inhaltlich zu distanzieren? Musste er das "Thema des Dschihad" aufgreifen, um deutlich zu machen, "warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist"? Sicher nicht. Es hätte in der christlichen Tradition genügend Beispiele für eine verfehlte, Menschen verachtende Mission gegeben.

So erstaunlich es ist, dass sich der Papst ausgerechnet diesen Dialog aus der langen Geschichte der "Glaubensverbreitung durch Gewalt" herausgeklaubt hat, so wenig kommt man darum herum, in Rechnung zu stellen, dass es dem Papst nicht um eine historische Aufrechnung ging. Es ging Benedikt XVI. vielmehr um eine prinzipielle, systematische Aufarbeitung des Verhältnisses von Religion und Gewalt. Und darin ist dieser Papst geradezu brillant.

Im Abendland gilt Glaube als vormodern

Der Papst beklagt das Missverhältnis von Glaube und Vernunft in der westlichen Welt. Gleichzeitig kann man bei ihm eine Bewunderung der "tief religiösen Kulturen der Welt" heraushören. Der westlichen Welt hingegen gilt seine scharfe Kritik. Vorwürfe richten sich vornehmlich an sie, nicht an den Osten. Die Ursachen der Ablehnung westlicher Werte in der islamischen Welt sieht der Papst ursächlich im Westen, nicht nur im Osten. Weil im Abendland Religion und Glaube als irrational und vormodern abgetan werden, reißt der Okzident eine Kluft zu den "tief religiösen Kulturen der Welt" des Orients.

Der Papst bezweifelt die Fähigkeit des Westens, einem "Dialog der Kulturen" gewachsen zu sein: Weil heutzutage das Göttliche aus der Universalität der Vernunft ausgeschlossen ist. Weil in den westlichen Gesellschaften die Gefahr der Gottvergessenheit besteht. Weil eine "Schwerhörigkeit gegenüber Gott" besteht, wie der Papst es in München formulierte.

Dieser Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft sei es, der gegen die "innersten Überzeugungen" anderer Religionen verstoße. In westlichen Gesellschaften werde die Religion in den "Bereich der Subkulturen" abgedrängt – eine Parallele zu Erfahrungen vieler Muslime, die sich als Menschen zweiter Klasse stigmatisiert sehen.

Benedikt fordert vom Westen eine Selbstklärung darüber, was seine Stärke ist, nämlich die "Weite der Vernunft", die den vernunftgemäßen Glauben mit einbezieht. Nur so sei der Westen auf den "Dialog der Kulturen" vorbereitet. Die "Abneigung gegen die grundlegenden Fragen seiner Vernunft" sieht der Papst als Bedrohung der abendländischen Kultur.

Benedikts Botschaft an militante Islamisten

Gleichzeitig darf die Botschaft des Papstes auch an militante Islamisten oder deren Sympathisanten gerichtet gedeutet werden: Gewalt ist unvernünftig und daher auch nicht gottgemäß. Seine Begründung ist eine griechisch-christliche: Es ist der Logos, der laut dem Johannesevangelium Fleisch geworden ist. Ergo ist auch die "Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig". "Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele", so der Papst in Anlehnung an den "gelehrten byzantinischen Kaiser".

Wenn man die Erinnerung an die Vereinbarkeit von Glaube und Vernunft als Kernpunkt der Rede Benedikts sieht, muss man sich nur bedingt die Frage stellen, ob der Papst mit seiner Kritik am islamischen Gottesbild noch in der Tradition seiner Kirche seit dem Zweiten Vatikanum und in der seines Vorgängers Johannes Pauls II. steht.

In "Lumen Gentium", der dogmatischen Konstitution über die Kirche, erkennt das Konzil den Islam als eigenständige Religion an. Es hebt das gemeinsame monotheistische Bekenntnis hervor und gesteht Muslimen zu, nach dem Willen Gottes zu trachten, wie es auch Christen tun. Zuvor war der Islam über Jahrhunderte als eine häretische Form des Christentums gesehen worden.

Vor allem Johannes Paul II. hat den Dialog mit dem Islam forciert. Erster Meilenstein war eine Rede vor Jugendlichen in Marokko Anfang der achtziger Jahre. 2001 besuchte Johannes Paul II. die Omaijaden-Moschee in Damaskus. Die Kirche verpflichtete sich auf ein wechselseitiges besseres Verstehen und auf den Aufbau einer gerechteren, friedvolleren Welt.

Seit 1986 rief der Papst zum theologischen Dialog der Religionen nach Assisi. Die Friedensgebete waren auf Grund der Erkenntnis initiiert worden, dass die zivile Welt von Fundamentalismen und vom Extremismus gefährdet sei – lange bevor Samuel Huntington vom "Zusammenprall der Zivilisationen" sprach. Beim zweiten großen Friedensgebet in Assisi war die Botschaft: Gewalt kann nicht im Namen Gottes verübt werden. Und im Advent 2001 rief die katholische Kirche als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September während des Ramadans zu einem Solidaritäts-Fasten mit Muslimen auf.

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