Schriftsteller Beydoun Putsch und Barbarei in Nahost

Der Angriff der Hisbollah auf Israel und die Entführung von Soldaten war auch ein Militärputsch gegen die Regierung in Beirut, fürchtet der libanesische Schriftsteller Abbas Beydoun. Israel fragt er bitter: Warum wird ein Staat zerstört, dessen Institutionen Frieden schaffen könnten?


Gerade war im Libanon ein nationaler Dialog über die Waffen der Hisbollah im Gang, an dem auch der Vorsitzende der Miliz beteiligt war, da entführte diese plötzlich zwei israelische Soldaten. Das bedeutete das Ende der Diskussion. Hassan Nasrallahs Haltung war: Wir setzen unsere Waffen in unserem Krieg ein, und alle haben dabei mitzumachen.

Schriftsteller Beydoun: "Warum wird ein Staat zerstört, dessen Institutionen Frieden schaffen könnten?"
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Schriftsteller Beydoun: "Warum wird ein Staat zerstört, dessen Institutionen Frieden schaffen könnten?"

Man kann sich das Geschehene am ehesten wie einen Militärputsch vorstellen. Die Debatte über die Waffen der Hisbollah war eine Debatte über die Zukunft des Libanon: Soll das Land im revolutionären Zustand verharren und sich einer bewaffneten Avantgarde unterwerfen, oder soll es sich in ein demokratisches Land verwandeln, dessen Volksgruppen gemeinsam seine Zukunft bestimmen? Sieht der Libanon sich als Kriegsgesellschaft, die sich in der Schlacht um einen Führer schart? Oder verhält die Gesellschaft sich pluralistisch und sucht nach Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Gemeinschaften? Stellt es sich gegen das Völkerrecht, oder kehrt es in die internationale Gemeinschaft zurück? Die Mehrheit wollte Letzteres: Frieden, Pluralismus und Demokratie. Aber die Hisbollah, die ihre jetzige Stellung nicht mehr hätte halten können, beendete diese Debatte mit einem Militärschlag. Die Entführung der Soldaten war nur das erste Kapitel.

Dennoch ist die Hisbollah auch eine öffentliche Partei, die Minister in der Regierung stellt. Man kann sie nicht mit versprengten Al-Qaida-Kämpfern in den Höhlen von Tora Bora gleichsetzen. Ihre Kriegsideologie erlaubt ihr nicht, sich selbst ohne Waffen vorzustellen. Gleichzeitig repräsentiert sie einen großen Teil der libanesischen Schiiten, etwa ein Drittel der Gesellschaft. Von den Syrern nach deren Abzug alleine gelassen, fürchteten die Schiiten, dass die übrigen Konfessionen des Landes sich gegen sie zusammenschließen und sie selbst in die Bedeutungslosigkeit abgleiten würden. So wurde die Hisbollah zur Führungsgruppe der Schiiten, zur Schutzmacht, die kraft ihrer Waffen die Einheit der Schiiten und den Verbleib in ihrer Sonderstellung garantieren würde. Dadurch fiel der Hisbollah eine doppelte Rolle zu: Garant der Interessen einer Volksgruppe zu sein und diese Gruppe an ein globales revolutionäres Projekt anzubinden. Folglich musste das Land im Kriegszustand gehalten werden. Kurz: Die Partei musste ihre lokale Basis mit einem globalen Horizont, konfessionelle Interessen mit einem Kriegsprojekt verknüpfen. Sie musste die Legitimität des Konfessionalismus mit revolutionärem Gebaren und Staat mit Revolution vereinbaren.

Die Rettung Libanons mit Frieden und Demokratie

Nach der Ermordung von Rafik al Hariri kam es im Libanon zum Aufstand für die Unabhängigkeit. Aber das Projekt von Krieg und Revolution blieb das Markenzeichen eines Drittels der Gesellschaft, dessen Partei man nicht einfach verbieten konnte wie die Baath-Partei im Irak. Die Mehrheit der Gesellschaft wählte jedoch bewusst einen anderen Weg. Die Zeit war gekommen, endlich die richtigen Schlüsse aus 30 Jahren Erfahrung zu ziehen. Ein allgemeines kritisches Bewusstsein war entstanden: Nur ein friedliches, demokratisches Projekt käme für die Rettung Libanons in Frage.

Ein solches Vorhaben ist keine Selbstverständlichkeit in der arabischen Welt. Es geschieht selten, dass eine arabische Gesellschaft aus ihren Leiden lernt und dafür ein politisches und kulturelles Pendant findet. Viele arabische Gesellschaften haben das Trauma der Gründung Israels bis heute nicht verwunden, immer noch träumen sie vom militärischen Sieg. Die Gründung Israels beförderte eine Ideologie des Kriegszustandes, in der die Gesellschaft als festgefügte Armee gesehen wird, in der Abweichungen verpönt sind und die einer Hand voll Militärs uneingeschränkte Macht verleiht. Trotz aller Niederlagen ist dieser Traum virulent und macht jede Rückkehr zur Vernunft unmöglich. Die Entstehung eines Friedenslagers in Palästina und im Libanon war etwas Neues in der Region: die Begründung eines demokratischen Bewusstseins und demokratischer Kräfte. Die Kritik des Krieges eröffnete eine andere Zukunft, eine andere Kultur.

Frieden kann aber nicht einseitig betrieben werden. Die Frage war, ob auch Israel ins Friedenslager wechseln würde. Aber nichts deutete bisher darauf hin, dass die israelischen Regierungen tatsächlich Interesse an einem friedlichen Dialogpartner haben. Israel hat dem palästinensischen Friedenslager um Mahmud Abbas keine Hand gereicht. Im Gegenteil: Die Zerstörung von Regierungs- und Wirtschaftseinrichtungen sowie die Entführung von palästinensischen Abgeordneten und Ministern schwächen die einigenden Kräfte; Chaos und Terrorismus sind damit Tür und Tor geöffnet. Israels Armee hat die Regierung von Präsident Abbas zur Farce degradiert und kein Interesse an seinem legitimen friedlichen Projekt gezeigt.

Krieg gegen den Wiederaufbau

Und was macht Israel jetzt im Libanon? Die Hisbollah hat zwei israelische Soldaten entführt. Israels Antwort war ein Krieg gegen Brücken, Flughäfen, Häfen, Straßen und Fabriken: gegen den Wiederaufbau Libanons, der die Grundlage jedes friedlichen Projekts im Lande wäre. Israel wirft Bomben auf die Infrastruktur, aber auch auf Radaranlagen der libanesischen Armee. Damit beseitigt Israel de facto den Staat, der durch die Hisbollah schon genug Schaden genommen hat. Dieser Staat scheint nun schwach und ohne Autorität zu sein. Wenn die Friedensbemühungen auf der anderen Seite kein Echo finden, erscheint Frieden als ein hohler Begriff und Krieg als die letztlich unausweichliche Realität.

Israels Luftwaffe hat auch zahllose zivile Gebäude zerstört. In Zabqin kam eine dreizehnköpfige Familie ums Leben, in Marwahin beschoss ein Helikopter mit eindeutigen Befehlen der Armeeführung ein Fahrzeug, in dem Vertriebene unterwegs waren, und tötete 21 Menschen. Tagtäglich kommt es zu Massakern: in Tyros, Aitarun, Srifa, Al Qleile, in Kasernen der libanesischen Armee sowie in den südlichen Vorstädten von Beirut, die mit Tonnen von Bomben beworfen wurden. Alle Opfer waren Zivilisten.

Man argumentierte, dass die Hisbollah ihre Raketen unter den Bewohnern verstecke – also auch in Privatwohnungen in 14stöckigen Gebäuden. Ist es vorstellbar, dass die Hisbollah vor den Augen der Bewohner ihre Katjuschas in Häusern einlagert? Auf der Suche nach diesen angeblichen Raketen bombardierte Israel auch LKW, die als Medikamententransporte ausgewiesen waren. Wie können solche angeblichen Fehler sich dermaßen häufen? Können wir bei solchen Gräueln gute Absichten unterstellen, abgesehen davon, dass sie gegen die Genfer Konvention verstoßen? Dienen solche Verstöße der Demokratie und dem Weltfrieden?

Warum nennt es niemand Barbarei?

Man spricht von übertriebener Gewaltanwendung. Warum nennt keiner es Barbarei? Warum wird ein Staat zerstört, dessen Institutionen Frieden schaffen könnten? Wie kann man angesichts solcher Kriegshysterie Zivilisten von der Notwendigkeit des Friedens überzeugen? Und liefert dieses Verhalten nicht Argumente für die Hisbollah, für die Feindschaft und Krieg die einzig mögliche Beziehung zu Israel darstellen? Die israelische Luftwaffe beherrscht den libanesischen Luftraum. Ihre Flugzeuge können tun, was sie wollen, ohne Eile und meistens ohne jede Gegenwehr. Dieser Krieg kann als ein Krieg ohne Schlachtfeld bezeichnet werden, als Strafexpedition. Aber gegen wen oder was? Gegen das Projekt von Wiederaufbau und Frieden und gegen Zivilisten.

Die Hisbollah tut ihrerseits dasselbe. Sie schießt Raketen nach Naharija, Tiberias, Haifa und gelegentlich ins arabische Nazareth. Sie wendet ebenfalls blinde Gewalt an und tötet Zivilisten, wenn auch wegen der ungleichen Kräfteverhältnisse weniger als Israel. Zum ersten Mal wurde der Krieg tief ins israelische Kernland getragen, was als symbolischer Sieg betrachtet wird. Wie immer das Ergebnis dieses Krieges aussehen wird, es wird die Kriegshoffnungen der Hisbollah stärken und Israel zusätzliche arabische Feindschaft einbringen. Die Hisbollah wird in arabischen Augen symbolisch gesiegt haben, und es wird zu neuer Gewalt kommen.

Am Ende werden die israelische Armee und die Hisbollah gemeinsam gesiegt haben. Die zerstörten Vorstädte Beiruts dagegen und hunderte getöteter Zivilisten werden die Verlierer sein.

Aus dem Arabischen von Günther Orth. Der Text erschien zuvor im Berliner Tagesspiegel.

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