Schwarz-rot-goldener Boom Flaggenparade der WM-Patrioten

So viel Schwarz-Rot-Gold war seit der Wiedervereinigung nicht. Deutsche Flaggen an Autos und Balkons oder als Schals und Hüte der Fans bestimmen das Stadtbild im Land. Das Wir-Gefühl gibt sich aber entspannt, die angestrengte Patriotismusdebatte findet nur in den Feuilletons statt.

Von Jens Todt


Berlin - Sie weht im Grunde überall. Aus Fenstern, aus Taxis, an Bierständen und auf Werbeplakaten. Man kann der deutschen Fahne nicht entgehen in diesen Tagen, sie ist omnipräsent in der Hauptstadt. So viel Schwarz-Rot-Gold haben die Gastgeber der Weltmeisterschaft wohl selten zuvor gewagt.

"Wir sind auf Klassenfahrt in Berlin und wollen die deutsche Mannschaft unterstützen", sagt Tobias aus dem schleswig-holsteinischen Glückstadt. Er trägt ein Trikot der Nationalmannschaft, einen schwarz-rot-goldenen Schal und eine Fahne. Aufgekratzt lässt er sich mit seinen Mitschülern über die Fanmeile auf der Straße des 17. Juni treiben. Probleme mit nationalen Symbolen hat er nicht. "Wir sind Fans, es ist doch normal, dass wir die deutsche Fahne tragen", sagt er.

Der Handel mit Fanartikeln läuft zu Beginn der WM hervorragend an, vor allem die deutsche Flagge ist der Renner bei den Besuchern der Fanmeile. "Wir verkaufen sehr viele Fahnen", sagt Christina, die in einem Fanshop arbeitet, "auch bei Touristen sind sie enorm beliebt."

Anja und Nadine kommen aus Berlin, haben aber keine Karten für die Spiele in der Hauptstadt bekommen. Anja trägt einen schwarz-rot-goldenen Schal, ihre Freundin das Nationaltrikot. "Natürlich habe ich kein Problem mit der deutschen Fahne", sagt Nadine, "ich bin ja deutsch."

Berlins Ordnungshüter sind allerdings ausgenommen vom schwarz-rot-goldenen Jubel. Per Dienstanweisung hat Polizeipräsident Dieter Glietsch den Polizisten untersagt, nationale Symbole zu tragen oder sie an ihren Fahrzeugen anzubringen. Polizeibeamte im Dienst seien auch während der WM nicht "in ihrer Eigenschaft als deutsche Fans unterwegs", heißt es in einem Schreiben an alle Berliner Dienststellen.

Ein Verbot, das nicht überall auf Zustimmung stößt. "Wenn die holländischen Fans Leipzig in Oranje hüllen, dann muss doch die Hauptstadt während der Fußball-WM ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer sein", so Frank Henkel, der innenpolitische Sprecher der Berliner CDU-Fraktion. "Als Fans und Patrioten sind wir hier gefordert", so Henkel.

Die Debatte über Patriotismus in Deutschland wird offenbar vor allem in Redaktionen geführt, auf der Straße und in den Stadien ist die verdruckste Scham im Umgang mit nationalen Symbolen offenbar einem unverkrampften Verhältnis gewichen. Selbst die Nationalhymne, in den vergangenen Jahrzehnten von vielen Länderspielbesuchern eher peinlich berührt zur Kenntnis genommen, wird heute von einem Großteil der Fans, wenn nicht gar mitgeschmettert, so doch zumindest klammheimlich mitgesummt.

Für den Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler ist das neuentdeckte Selbstbewusstsein der deutschen Fans kein Zeichen für aufkeimenden Nationalismus. Der Sport rufe vielmehr einen "Ersatznationalismus" hervor, "weil er mit Nationalfarben und einer Nationalmannschaft operiert." Für Wehler ist die Wiederentdeckung der Deutschlandflagge ein "außerordentlich flüchtiges Phänomen", ein gefährlicher Nationalismus werde dadurch nicht hervorgerufen.

Selbst das "Wunder von Bern", der deutsche WM-Sieg von 1954, sei in seiner Wirkung "sehr wenig gefährlich" gewesen, so Wehler, die Begeisterung sei in erster Linie dem "Leistungsstolz" entsprungen. Zu erwarten ist also, dass der Fahnen-Boom verweht wie der Grillgeruch, der überall wabert.  

Salim Hadij steht vor einem Verkaufsstand auf der Fanmeile und nimmt eine Fahne aus der Halterung. Er freut sich darüber, dass das Verhältnis der Deutschen zu nationalen Symbolen unverkrampfter wird. Der Deutsch-Algerier ist mit seinem Lob allerdings nicht ganz uneigennützig. Er betreibt in Charlottenburg einen Großhandel mit Fanartikeln und freut sich über reißende Absätze. "Auch die Deutschen wollen stolz sein auf ihr Land", so Hadij, "das muss doch auch so sein."

mit dpa



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