Sieger Obama Der Winterkönig von Iowa

Es war einmal ein junger, schwarzer Bewerber, der Präsident werden wollte - und die Vorwahlen in Iowa gewann. Barack Obamas Story klingt wie ein Märchen, und man würde es gern glauben. Doch im nächsten Kapitel wird der edle Ritter wohl entzaubert werden.

Von Gabor Steingart, Des Moines, Iowa


Des Moines - Kinder lieben Märchen, weil sich in dieser Erzählform das Wunderbare und die Wirklichkeit vermischen. Das vor Urzeiten Erlebte, von Generation zu Generation weitererzählt und verfremdet, wärmt die kleinen Seelen.

Die Leidenschaft für das Märchenhafte bleibt auch im Alter erhalten. Eines der modernen Märchen heißt "Iowa".

Barack Obama klatscht seinen Anhängern und sich Beifall: Wie lange noch?
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Barack Obama klatscht seinen Anhängern und sich Beifall: Wie lange noch?

In diesem amerikanischen Bundestaat, wo der Winter noch weiß und bitterkalt ist, wird der Überlieferung zufolge alle vier Jahre der mächtigste Mensch dieser Erde auserwählt. Nach monatelangen Debatten in Wohnzimmern und Kneipen entsteigt wie aus einem demokratischen Urbad in einer sternenklaren Januarnacht der neue amerikanische Präsident. Die Wählerschaft wird die Vorentscheidung der Bürger Iowas später in einer formellen Wahl bestätigen.

Gestern Nacht war es wieder so weit: In Iowa haben sich rund 240.000 Menschen nach monatelangem Palaver entschieden. Für Barack Hussein Obama, den Anwalt aus Chicago, jung, schwarz, visionär. Als eine Mischung aus Martin Luther King und John F. Kennedy ist er aufgetreten. Er werde eine neue Seite im Geschichtsbuch aufschlagen, sagt er mehrfach jeden Tag. Er sei ein "agent of change", ein Agent des Wechsels. Nach den bitterbösen Bush-Jahren, so hoffen nun viele weltweit, werde Amerika nun wieder gut und friedlich.

Doch die Chancen, dass der Winterkönig von Iowa das Weiße Haus in Washington erreicht, sind denkbar gering. Dafür ist er zu jung, zu unerfahren, zu undeutlich, für viele Amerikaner auch zu schwarz. Seine Wunderworte vom Wechsel, der nun begonnen habe, von der Hoffnung, die wieder real sei, von dem Amerika, das er vereinen werde - all das wird verschwinden wie der Morgennebel.

Die Ergebnisse von Iowa
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Die Ergebnisse von Iowa

Man wünschte, es wäre eine Polemik, aber es ist nichts als die Wahrheit: Obama ist bisher ein politisch unbeschriebenes Blatt Papier. Erst drei Jahre sitzt er im US-Senat, ohne jede Auffälligkeit. Eine eindringliche Rede auf dem Parteitag in Boston 2004, das war's.

Das Votum von Des Moines gilt keineswegs zwangsläufig für Amerika. Die Märchenfreunde hören es zwar nicht gern, aber: Wer in diesem Farmerstaat siegt, schafft es nicht zwingend, in seiner Partei als Spitzenkandidat nominiert zu werden. Einige Präsidenten der USA hatten die Vorwahlen in Iowa verloren.

Bill Clinton wurde 1992 mit erschütternden drei Prozent bedacht, weil eine Lokalgröße ihm die Schau stahl. Ronald Reagan unterlag 1980 gegen George Bush - bevor er Präsident wurde. George Bush Senior trat zwei Wahlen später wieder an, wurde nur noch Dritter in Iowa, aber bald darauf Nummer eins in Washington. Selbst der legendäre Wahlsieg von Jimmy Carter im Iowa des Jahres 1976 (28 Prozent) ist nur deshalb legendär, weil die Zahl der Stimmen für einen Parteitagsdelegierten ohne Kandidatenbindung (37 Prozent) mit den Jahren in Vergessenheit geriet.

Mittlerweile ist die Gefühlswelt der Menschen in Iowa ähnlich akribisch erforscht wie die von exotischen Urwaldvölkern. Daher weiß man, dass die hohe Aufmerksamkeit ihrer Wahl und die nur relative Bedeutung ihres Votums die Einwohner dazu verleitet, ein möglichst aufmerksamkeitsheischendes Symbol zu setzen. Der Iowaner, auch das gilt als gesichert, ist weniger kriegerisch als der Durchschnittsamerikaner, geht häufiger in die Kirche und hat eine Vorliebe für das politisch Ungewöhnliche.

Auch gestern Nacht haben die Iowaner keinen Präsidenten gewählt - sondern ein Symbol ihrer Unzufriedenheit mit der als lausig empfundenen Gegenwart. Obama ist, wie übrigens auch sein republikanischer Mitsieger Mike Huckabee, ein relativ unbeschriebenes Blatt und taugt deshalb als Projektionsfläche. Nach den kühlen, kriegerischen Bush-Jahren verkörpern beide den Traum vom besseren, dem anderen, dem wärmeren Amerika. Der Baptistenprediger Huckabee und der ehemalige Sozialarbeiter Obama sind von Hause aus große Versöhner, keine Spalter.

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