Souffleure der Macht: Adenauers Mann für die Moneten

Von Franz Walter

Der Kölner Robert Pferdmenges war der große Geldeintreiber für Kanzler Konrad Adenauer. Dass sich die CDU in den Wahlkampfschlachten mit der SPD während der 1950er Jahre durchsetzte, hatte die Kanzler-Partei hauptsächlich ihm zu verdanken. Unermüdlich akquirierte der Bankier Spenden aus Industrie- und Bankenkreisen.

Kanzlersouffleure haben einen denkbar harten Job. Sie opfern für ihre politischen Herrn und Meister Familienleben, Privatheit, Freizeit. Der 16-Stunden-Tag ist im Zentrum des Kanzleramts eher die Regel als die Ausnahme. Und selbst wenn man spät abends nach Hause kommt, muss man jederzeit noch mit einem Anruf des großen Bosses und einem eiligen Auftrag rechnen. Regierungschefs pflegen mit ihren engsten Mitarbeitern nicht sehr schonungsvoll umzugehen.

Kanzlerberater Pferdemenges auf altem SPIEGEL-Titel: Sammelte in den zwanziger Jahren für die Kölner Uni Geld
DER SPIEGEL

Kanzlerberater Pferdemenges auf altem SPIEGEL-Titel: Sammelte in den zwanziger Jahren für die Kölner Uni Geld

So fing es bereits mit Konrad Adenauer an. Er forderte seine Berater rund um die Uhr; aber freundschaftlich näher kam er ihnen dabei nicht. Adenauer achtete sorgfältig auf Distanz, wahrte auch noch nach langen gemeinsamen Arbeitstagen, selbst an erfolgreichen Wahlabenden untereinander den Abstand. Mit warmen Worten des Zuspruchs geizte er chronisch. Und das "Du" bot er niemandem in seiner Entourage jemals an, nicht einmal seinem engsten Mitarbeiter und Schattenmann Hans Globke, der sich für den Kanzler gesundheitlich nachgerade aufrieb.

Auf "Du" und "Du" war Konrad Adenauer allein mit einem einzigen Mann: Dem Kölner Bankier Robert Pferdmenges. Und selbst in diesem Fall mussten die beiden erst über 80 Jahre alt werden, bis es zur vertraulichen Form der Anrede zwischen ihnen kam. Erzählt jedenfalls wird, dass Adenauer seinem jahrzehntelangen Weggefährten das "Du" an seinem 85. Geburtstag, am 5. Januar 1961, angeboten habe. Seither gilt Pferdmenges den Historikern als einziger veritabler Freund des ersten deutschen Bundeskanzlers. Allein der Berliner Zeitgeschichtler Arnulf Baring blieb misstrauisch. Nach seinem Eindruck war Adenauer durchweg unfähig zu Freundschaft, da er sich nur mit Menschen zusammen getan hatte, die ihm in irgendeiner Weise nützlich gewesen waren.

Gleichviel. Denn nützlich war Robert Pferdmenges ohne Zweifel über viele Jahrzehnte. Man kann es aber auch ein wenig anders ausdrücken und gewichten: Er half Adenauer oft genug in der Not; war auch dann zur Stelle, wenn andere sich verdrückt hatten; spendete Trost und materiellen Beistand, als es ganz düster aussah für die Familie Adenauer. Das mag dann doch am Ende so etwas wie freundschaftliche Gefühle beim kühlen Adenauer ausgelöst haben.

Pferdmenges war wichtig für Adenauer, schon in den Weimarer Jahren. Der Kölner Bankier – dessen angeheirateter Onkel kein Geringerer als Friedrich Engels war – agierte als der große Geldeintreiber für den Kölner Politiker. Er sammelte in den 20er Jahren Spenden für den Neubau der Kölner Universität, mit dem sich der ambitiöse Oberbürgermeister Adenauer ein Denkmal setzen wollte. Als Adenauer 1930 durch Fehlspekulation am Aktienmarkt sein gesamtes Vermögen verlor, soll es – so wurde es wieder und wieder kolportiert – unter anderem auch Pferdmenges gewesen sein, der ihm durch undurchsichtige Kontenverschiebungen die verheerenden Verluste kompensiert hatte. In der vollentwickelten Mediengesellschaft unserer Tage hätte dergleichen das sichere politische Aus Adenauer bedeutet; Bundeskanzler wäre er nie mehr geworden. Für die Beteiligung Pferdmenges an diesen Transaktionen haben Historiker Beweise in den Archiven allerdings nicht finden können. Belegt hingegen ist, wie sehr sich die Familie Pferdmenges in den nationalsozialistischen Jahren um die Familie Adenauer gekümmert hatte. Dies dürfte schon ein recht sicheres Fundament für das gelegt haben, was man als freundschaftliche Beziehung bezeichnen mag.

Doch gewiss blieb diese Beziehung für Adenauer immer auch nützlich. Politisch konnte Adenauer Pferdmenges nach 1945 für sein bürgerlich-interkonfessionelles Sammlungskonzept gut einsetzen. Schließlich sollte die neue christdemokratische Union keine Neuauflage der früheren katholischen Zentrumspartei werden, sondern die bürgerlich-protestantischen Kreise mit einbeziehen. Dazu aber benötigte Adenauer gerade in der Anfangs- und Aufbauzeit der CDU, als ihr katholischer Kern noch dominant war, Symbolfiguren bzw. Brückenköpfe aus den bürgerlich-evangelischen Milieus. Aus diesem Grunde ermunterte und drängte Adenauer den Kölner Bankier und frommen Protestanten, in die Politik zu gehen, in die CDU einzutreten und ein Abgeordnetenmandat im deutschen Bundestag anzustreben. Pferdmenges wurde gewissermaßen zu einem Türöffner für Adenauers Vorstoß in das evangelische Bürgertum Deutschlands.

Und Pferdmenges, privat ein äußerst sparsamer Mensch, besorgte ihm – um mit Helmut Kohl zu sprechen – den "Bimbes". Bürgerliche Parteien sind aus sich heraus finanziell merkwürdigerweise chronisch klamm. Bürgerliche Parteien haben oft wenige Mitglieder; und die wenigen Mitglieder zahlen überwiegend äußerst ungern Parteibeiträge. So ging es auch der CDU in der Adenauer-Ära; die Hälfte ihrer Zugehörigen entrichtete keinen einzige Groschen an die Parteikasse. Dass sie sich dennoch harte und erfolgreiche Wahlkampfschlachten mit den Sozialdemokraten liefern konnte, hatte die Adenauer-CDU hauptsächlich Robert Pferdmenges zu verdanken, der 1949, 1953, 1957 und 1961 unermüdlich und mit großem Erfolg Spenden aus Industrie- und Bankenkreisen akquirierte. Auch der hauptamtliche Mitarbeiterstab, über den die CDU verfügte, wäre ohne die Finanzierungskünste von Pferdmenges nicht zu unterhalten gewesen. Pferdmenges war nicht der offizielle, so aber doch der geheime, mächtige Schatzmeister der deutschen Christdemokratie in den 1950er Jahren.

So spann sich eine Aura des Geheimnisvollen um die Person von Robert Pferdmenges. Die einen nannten ihn "Multimillionär"; andere bezeichneten ihn gar als "reichsten Mann" der Republik. Die Schweizer "Weltwoche" charakterisierte schon zu Beginne der fünfziger Jahre seine Macht als solche, "die eines politischen Diktators nahe kommt." Doch Genaues wusste niemand. Denn Pferdmenges war – das verband ihn mit Hans Globke, dem anderen Schattenmann Adenauer – ebenfalls ein hartnäckiger Schweiger. Die Journalisten bekamen nicht viel aus ihm heraus. Er war äußerst diskret, verhielt sich in der Öffentlichkeit eher bescheiden, exponierte sich zumindest nicht durch Prunk und Protz. Und auch im Plenum des deutschen Bundestages, dem er von 1950 bis zu seinem Tod 1962 angehörte, war er nicht zu hören. Nur einmal überhaupt musste er, mehr übel als wohl, eine Rede halten: als Alterspräsident zur Eröffnung der 4. Legislaturperiode Mitte Oktober 1961. Ansonsten aber operierte er nur aus dem Hintergrund. "Nicht im Plenarsaal", schrieb 1954 der SPIEGEL, "das Konferenzzimmer ist sein Arbeitsfeld. Er zieht das gedämpfte Licht des Salons den Jupiterlampen der Öffentlichkeit vor." Pferdmenges galt daher wie Globke als "graue Eminenz" Adenauers, mehr noch: als ein machtvoller, finanzkapitalistischer Drahtzieher der Politik in jenen Jahren der ersten bundesdeutschen Kanzlerschaft.

Aber eine Pferdmenges-Globke-Republik war es gleichwohl nicht, in der die Bundesdeutschen in den Aufbaujahren der zweiten deutschen Demokratie lebten. Es war schon eine Adenauer-Republik, wenn man es denn personalisieren möchte. Gewiss, Pferdmenges durfte sich bei Adenauer mehr herausnehmen – an leisen Rügen und dezidierten Ratschlägen – als jeder andere; und ohne Zweifel war der Bankier in wirtschaftspolitischen Fragen der bevorzugte Experte des Kanzlers. Aber das politische Vollzugsorgan des finanzkapitalistischen Magiers war Adenauer ebenso sicher nicht. Die großen Linien der Politik zog Adenauer selbst, nicht der Bankier und Hinterbänkler im Bundestag. Als Ratgeber für die Außenpolitik war Herbert Blankenhorn wichtiger; für die Innenpolitik war es Hans Globke; beim Management zwischen Regierung und Fraktion kam es zuvörderst auf den Fraktionsvorsitzenden Heinrich Krone an. Überhaupt war Pferdmenges nicht so sehr der Typus des machtehrgeizigen Intriganten, zielsicheren Strippenziehers; er war eher ein leiser Mittler, Makler – so half er entscheidend dabei, die Mitbestimmung in der Montanindustrie im bürgerlichen Lager durchzusetzen - und auch Schlichter von Disputen, in die der streitlustige Kanzler nur zu schnell hineingeriet. Pferdmenges hatte oft zwischen verschiedenen Bundestagsabgeordneten ausgleichend vermittelt, auch zwischen der Bundestagsfraktion der Union und dem Kanzleramt moderiert. Vor allem hatte er versucht, die heillosen Spannungen zwischen dem Bundeskanzler und seinem Wirtschaftsminister zu dämpfen. Ohne Pferdmenges hätten es Konrad Adenauer und Ludwig Erhard nach 1959 wohl nicht noch einige Jahre gemeinsam in der Regierung ausgehalten.

Kein Zweifel: Pferdmenges hielt aus dem Rückraum der politischen und finanziellen Macht die äußerst heterogene und höchst fragile Union zusammen. Dergleichen ist heute nicht mehr zu erwarten: Die Superstars der Wirtschaftwelt bringen für die Mühsal parlamentarischer Kompromissbildung und politischer Integration weder Zeit noch Interesse auf. Nicht zuletzt deshalb eben schwinden die Bindekräfte der Merkel-CDU derzeit so rasant dahin

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