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Stimmungsturbo WM: Heiter so, Deutschland!

Von Claus Christian Malzahn

Die deutsche Elf hat mit ihrem Kampfgeist und ihrer Spielfreude in drei Wochen mehr für die Stimmung im Land getan als die bleierne Koalition in einem dreiviertel Jahr. Fußballanarchist Klinsmann sei Dank. Die politische Klasse könnte einiges von ihm lernen.

Berlin - Nach dem Abpfiff wurde es in Berlin ganz ruhig. Das kommt äußerst selten vor in einer Stadt, die permanent von sich reden macht und am liebsten lautstark über sich selber spricht. Kein Hupkonzert, aber auch kein Frust-Grölen, kein Weinkrampf, dafür aber viele leise Seufzer. Wehmut und stille Trauer legte sich über die deutsche Hauptstadt. Wir kennen das Gefühl: Wenn wir ein spannendes Buch zu Ende gelesen haben und wünschten, es würde noch 100 Seiten weiter gehen; oder wenn wir am Bahnhof einen geliebten Menschen verabschieden mussten, den wir nun für längere Zeit nicht mehr sehen können.

Kämpfer Klinsmann: Die Party muss nicht vorbei sein
DPA

Kämpfer Klinsmann: Die Party muss nicht vorbei sein

Doch bevor wir nun völlig sentimental werden und anfangen, den alten Schlager von Freddy Quinn "So schön, schön war die Zeit" mit glasigem Blick vor uns her zu singen, sollten wir festhalten: Seit dem Fall der Mauer war die Stimmung nicht mehr so gut in Deutschland. Je mehr wir davon mit in die großen Ferien und den Alltag nehmen, desto besser. Dass Deutschland in den vergangenen Wochen von einer geradezu unteutonischen Leichtigkeit befallen wurde, hat mehrere Gründe. Es hat Spaß gemacht, Podolski und Klose beim kongenialen Zusammenspiel zuzuschauen, und wenn Odonkor als Turbo eingewechselt wurde, dann war es fast so, als hätte jemand die Vorspul-Taste gedrückt, weil wir dann schneller gewonnen haben. Gestern hat das leider nicht geklappt, aber das ist ok. Italien steht verdient im Finale; Frings drin oder draußen.

Doch der größte Spaßfaktor dieser Weltmeisterschaft war die fröhliche Internationalität. Es war ein Festival der Jugend - ohne bleiernen ideologischen Überbau. Deutschland hatte die Welt zu Gast und die Deutschen erkannten, dass sie selbst längst viel multikultureller und internationaler sind, als sie von sich und andere über sie annahmen. Deswegen fiel es so leicht, eine deutsche Flagge am Balkon zu hissen: Schwarz-rot-gold repräsentierte zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik keinen politischen Anspruch - wie auch noch 1989 - sondern war das nationale Farbensymbol guter Stimmung. Wenn schon Patriotismus, dann diesen! Und wenn die deutsche Flagge inzwischen auch landauf landab in türkischen und arabischen Lokalen und Geschäften gehisst wird, dann kann es um die Integration vielleicht doch nicht so schlecht bestellt sein, wie so manche Politiker vor der WM noch glauben machen wollten.

Die von manchen befürchteten Übergriffe gegen Ausländer in No-Go-Areas blieben aus. Wir sollten froh darüber sein aber daraus keineswegs ableiten, die Existenz eines alltäglichen Rassismus in bestimmten Regionen Deutschlands sei lediglich die Erfindung bezahlter Berufspessimisten. Dagegen spricht leider die unbestechliche Kriminalstatistik, und die ist so trüb wie vor der Vorrunde. Aber mit der Verve dieser WM im Rücken fällt es auch in Deutschland leichter, die Stimmung und den Alltag weiter aufzuhellen.

Denn das Party-Gefühl muss gar nicht vorbei sein. Beim Spiel um den dritten Platz sollte die Bundesrepublik Klinsland sich noch einmal von ihrer heiteren Seite zeigen. Die Weltmeisterschaft um gute Laune haben die Deutschen diesmal gewonnen - und darauf dürfen wir wirklich stolz sein.

Der Großen Koalition ist es übrigens nicht gelungen, auf der Super-Stimmungswelle zu surfen. Im Gegenteil. Für ihre Reform-Schwalbe bekam die Kanzlerin die gelbe Karte. Auch das gibt Anlass zur Hoffnung: Nicht jedes positive gesellschaftliche Ereignis lässt sich heutzutage von der Politik instrumentalisieren oder ausdeuten. Andersrum wird ein Turnschuh draus: Wenn die Politik nichts mehr zu bieten hat, sucht sich das Volk eben von alleine Brot und Spiele. Die eiserne Entschlossenheit der deutschen Nationalmannschaft selbst in der Niederlage wirft einen rabenschwarzen Schatten auf Merkels Kryptokabinett. Die deutsche Elf hat zwar gegen Italien verloren - dennoch wird’s niemand bestreiten, dass 120 Minuten lang spannender Fußball gespielt wurde. Gestern stellte Merkel ihr Reformwerk vor - dennoch kann man durchaus bestreiten, dass Deutschland im Moment von irgendwem regiert wird. So gesehen ist Jürgen Klinsmann der erste wirkungsmächtige deutsche Anarchist seit Erich Mühsam. Mit einem kleinen Gedicht dieses großen Schriftstellers wollen wir diesen Besinnungsaufsatz über Ball und Nation denn auch beschließen:

"Nach all den Nächten, die voll Sternen hingen,
nun diese dumpfe, trübe, nasse Nacht,
als wär die Arbeit aller Zeit vollbracht
und niemals wieder Hoffnung auf Gelingen.

Wohin die Schritte weisen, da das Ziel
ertrank im nebeligen Grau der Wege?
Ich such nur noch, wo ich mich niederlege,
den stillen Platz. Verloren ist das Spiel.

Ich höre vieler Menschen Schritte tasten -
verirrte Menschen, einsam, müd und arm -
und keiner weiß, wie wohl ihm wär und warm,
wenn wir einander bei den Händen faßten."

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