Türkische Medien "Weg mit dem Verbot der Muttersprache"

In Deutschland geht die aufgeregte Debatte um die angebliche Deutsch-Pflicht auf einem Berliner Schulhof langsam vorüber. In der türkischen Presse geht sie erst richtig los - und mit den Fakten nimmt man es nicht immer genau. Deutsche Politiker sind daran nicht unschuldig.

Von Hani Yamak


Berlin - Die Schüler der Herbert-Hoover-Realschule in Berlin-Wedding kennt man mittlerweile aus Presse, Funk und Fernsehen. Dass sie die Verpflichtung zum Deutschsprechen für richtig halten, weil sie sonst kaum Gelegenheit haben, die für sie so dringend notwendige Sprache zu sprechen, haben die Schüler immer wieder betont. Doch das Thema ist damit vor allem in der türkischen Community Deutschlands noch lange nicht erledigt.

Während die aufgeregte Debatte in Deutschland schon fast wieder vorüber ist, wird die Stimmung besonders in türkischen Medien weiter angeheizt. Seitdem das türkische Massenblatt "Hürriyet" über die Praxis der Herbert-Hoover-Realschule in Berlin Wedding, auf dem Schulhof nur noch Deutsch zu sprechen, berichtete, reißt die Artikelflut in den türkischen Medien nicht ab. Die auflagenstärksten türkischen Zeitungen - neben "Hürriyet" die "Milliyet" und die "Türkiye" - empören sich nach wie vor über das "Muttersprachverbot", "Zwangsdeutsch" und die "Sprachdiskriminierung".

"Grundgesetzwidrig", "Diskriminierung"

Dass die Schule die Regelung in einem demokratischen Verfahren mit Zustimmung von Schüler- und Elternvertretern beschlossen hat und darüber hinaus fast alle Schüler der Lehranstalt die Regelung begrüßen, scheint die Blätter nicht zu interessieren. Auch manche deutsche Politiker scheinen das nicht verstehen zu wollen: Fast täglich werden immer noch Abgeordnete wie Claudia Roth und Özcan Mutlu (B90/Grüne) zitiert, die sich lautstark gegen die "grundgesetzwidrige" "Diskriminierung" äußern. Auch Sozialdemokraten spielen das Spiel mit: So zitierte die "Hürriyet" die türkischstämmige SPD-Abgeordnete Lale Akgün, die sogar erkennen will, dass es in Deutschland "eine Abneigung gegenüber der türkischen, russischen und arabischen Sprache" gebe.

Die Blätter empören sich vor allem über die angebliche Aussage des Hamburger CDU-Abgeordneten Robert Heinemann, der laut "Bild"-Zeitung sagte: "Wer kein Deutsch spricht, soll den Schulhof fegen." Dass Heinemann diesen Zusammenhang schriftlich längst dementiert hat, wird in der "Hürriyet" vom Dienstag in einer kleinen Spalte erwähnt - direkt neben dem Artikel, in dem man sich noch über die "Erniedrigung" ärgert.

Dabei vermischt die türkische Presse Themen miteinander, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben: Der baden-württembergische Einbürgerungsleitfaden - konsequent in den türkischen Medien als "Islam-Test" bezeichnet - geht der Diskussion über die Sprachregelung an der Berliner Schule voraus. Der Plan aus Baden-Württemberg wird von den türkischen Medien scharf kritisiert. Dabei sollen einbürgerungswilligen Muslimen Gesinnungsfragen gestellt werden. Auch der Vorschlag der niederländischen Integrationsministerin Rita Verdong von vergangener Woche, im ganzen Land Holländisch als Alltagssprache anzuordnen, facht die türkischen Diskriminierungsängste an.

Welche Rolle die türkischen Zeitungen für die Diskussion um das "Zuwanderungsland" Deutschland spielen, zeigen die Leserzahlen: "Hürriyet", "Milliyet", "Zaman" und "Türkiye" haben eine tägliche Auflage von über 200.000 Exemplaren und einen noch viel größeren Umlauf - mindestens die Hälfte aller Türkischstämmigen liest sie. Ihr Einfluss auf den Integrationsprozess in Deutschland ist größer als der vieler deutscher Medien.



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