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US-Außenpolitik: Bush bewegt sich - Richtung Abgrund?

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Die USA revidieren ihre Außenpolitik: Sogar mit dem Diktator in Nordkorea hat sich das Weiße Haus ins Benehmen gesetzt. Doch die Dauervorwürfe gegen Iran könnten eine gefährliche Eigendynamik entwickeln. Welchen Kurs steuert US-Präsident Bush?

Auch wenn wir es nicht so richtig glauben wollen: Amerika ist dabei, seine Außenpolitik einer größeren Revision zu unterziehen. Auch wenn George W. Bushs Begabung nicht gerade in der Selbstkorrektur liegt: Er kommt gar nicht drum herum. Das macht die Sache allerdings nicht weniger gefährlich.

Wo gehts lang, Mr. President?
REUTERS

Wo gehts lang, Mr. President?

Eine erstaunliche Veränderung zeichnet sich im Verhältnis Amerikas zu Nordkorea ab. Wie es aussieht, lässt Kim Jong Il seinen wichtigsten Reaktor abschalten und bekommt dafür größere Lieferungen an Öl. Wenn es dann ganz gut weiter geht, dann verzichtet dieser seltsame Diktator mit dem Faible für Hollywood-Filme auf sein geliebtes Nuklearprogramm und Amerika nimmt dafür im Gegenzug diplomatische Beziehungen zu seinem autistischen Land auf.

Es muss nicht so kommen, es kann aber soweit kommen, und falls es so weit kommt, ist dafür die Einsicht Bushs in die Notwendigkeit verantwortlich, dass Reden besser ist als Nicht-Reden und dass es auf Dauer wenig sinnvoll ist, Forderungen zu erheben, die Gespräche verhindern. Immerhin, es tut sich was.

Auch im Nahen Osten tut sich was, auch dort bemüht sich Condoleezza Rice darum, mit möglichst vielen netten und weniger netten Menschen zu sprechen, damit etwas in Gang kommt, etwas, das weniger nach ausuferndem Krieg an mehreren Standorten aussieht. Es wäre einfacher für sie, wenn sie den König von Jordanien, den Präsidenten Ägyptens, die Prinzen Saudi-Arabiens und dazu diese Hamas- und Fatah-Caudillos an einem Ort zur selben Zeit treffen könnte, zum Beispiel bei einer Konferenz unter amerikanischer Leitung. Aber soweit reicht der Wille zur Anpassung an die Wirklichkeit nicht.

Kriegsgewinner Iran

Im Irak müsste sich etwas ändern, in Bagdad wartet alles auf die große Offensive gegen die Milizen und ihre schiitischen oder sunnitischen Landsknechtsführer. Es stimmt ja, sie müssten zumindest in die Schranken gewiesen werden, von Besiegen redet eh niemand mehr. Es stimmt aber auch, dass die barbarische Wucht und damit die Zahl der Toten bei den fast täglichen Großanschlägen zunimmt, anstatt abzunehmen. Die 20.000 zusätzlichen amerikanischen Soldaten sind noch nicht da, und wenn sie in ein paar Wochen eingreifen sollten, ändert das irgendetwas?

Die wilde Polemik gegen Iran erklärt sich aus der niederschmetternden Folgenlosigkeit aller Anstrengungen Amerikas, den Irak zur Raison zu bringen. Es stimmt ja, dass Iran seine Finger im Spiel hält. Es stimmt aber auch, dass Iran in jedem Falle der passiv Begünstigte des Fiaskos in und um Bagdad ist. Es stimmt außerdem, dass es nur wenige Amerikaner gibt, die auf den Gedanken kommen, es liege Segen darauf, jetzt schnell noch Iran anzugreifen, obwohl einige davon vermutlich im Weißen Haus zu finden sein dürften. Eigentlich ist eine solche Intervention weder gegen den neuen Kongress noch gegen die Stimmung im Land zu machen. Aber es ist ja oft so, dass die Ereignisse ihre eigene Dynamik annehmen und die Akteure die Kontrolle darüber verlieren. Die täglichen Breitseiten gegen die Finsterlinge in Teheran sind bestens geeignet, einen eigenen Sog zu entfalten.

Natürlich ist es gut so, dass Amerika in Nordkorea dazu gelernt hat, und dafür soll es gepriesen sein. Vorrang kommt jedoch dem Mann in Pjöngjang nicht zu, Vorrang in einer Reihe konkurrierender Konflikte hat der Nahe Osten. Es brächte mehr Nutzen, wenn Präsident Bush im Irak ein paar Konsequenzen aus dem Scheitern ziehen würde, anstatt dazu überzugehen, die Kausalität zu verwechseln. Nicht Iran hat damit angefangen, die Konfliktherde im Nahen Osten zu vermehren, sondern Amerika, das ausziehen wollte, die Verhältnisse zu verändern. Das ist Bush anders gelungen, als er es absah und als es der Welt bekömmlich wäre.

Wer mit Nordkorea reden lässt, sollte eigentlich auch mit Iran reden lassen. Oder?

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