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Vatikan-Debakel: Papst am Pranger

Den alten "Benedetto" gibt es nicht mehr: Mit dem Piusbrüder-Debakel hat Papst Benedikt XVI. seinen Status als Popstar endgültig ruiniert. Der Skandal birgt noch eine weitere Lehre, findet Henryk M. Broder: Der öffentliche Umgang mit dem Thema Holocaust ist verheerend widersprüchlich.

Sic transit gloria mundi - zu Deutsch: So vergeht der Ruhm der Welt. Eben waren wir noch alle Papst, jetzt brechen wir den Stab über den Pontifex. Gäbe es eine Möglichkeit, den Stellvertreter Gottes zu degradieren wie einen Offizier, der seine Kompetenzen überschritten oder missbraucht hat, wäre der Heilige Vater schon auf dem Weg in ein Dorf in Kalabrien, um dort jeden Sonntag die Glocken zu läuten.

Mensch Ratzinger: Einen Beitrag zur Demokratisierung der Kirche geleistet
AP

Mensch Ratzinger: Einen Beitrag zur Demokratisierung der Kirche geleistet

Weil der Papst aber – neben Robert Mugabe, Muammar al-Gaddafi und Kim Jong Il – so ziemlich das einzige Staatsoberhaupt der Welt ist, das nicht zur Verantwortung gezogen, abgerufen oder vom Volk abgewählt werden kann, wird er jetzt wie ein Häretiker an den Pranger gestellt. Und wie jeder gewöhnliche Ketzer hat auch der Papst nur die Wahl zwischen falsch und verkehrt. Widerruft er seine Entscheidung und hebt die Ex-Exkommunikation des bischöflichen Antisemiten Richard Williamson auf, ist seine Autorität dahin. Tut er es nicht, hat er die moralische Basis seines Amtes demoliert. So herum oder so herum – "Benedetto" wird nie wieder das, was er noch vor kurzem war: ein Heiliger Vater zum Anfassen, dem sogar Jugendliche zujubeln, die sonst nur bei Auftritten der Jungs von Tokio Hotel ausrasten, ein Intellektueller, der auch Vorlesungen über Philosophie halten kann, ein Mann des Ausgleichs und des Dialogs.

Und das ist gut so. Mögen die Romantiker unter den Gläubigen aller Konfessionen ein Idol verloren haben, die Realisten sind um eine positive Erfahrung reicher: Auch der Papst ist nur ein Mensch, der sich irren kann. Egal ob er falsch beraten wurde oder wirklich von den Umtrieben Williamsons keine Ahnung hatte, nicht nur die Katholiken müssen ihm dankbar sein, dass er einen Beitrag zur Demokratisierung der Kirche geleistet hat. Anders als bei den 68ern kommt der antiautoritäre Impuls diesmal nicht von unten, sondern von ganz oben. Die Basis steht Kopf, und sogar leitende Mitarbeiter der Kirche, wie der Berliner Bischof Georg Kardinal Sterzinsky, sparen nicht mit offener Kritik am Firmenchef.

Wann hat es das in der katholischen Kirche schon mal gegeben? Giordano Bruno wurde verbrannt, Oskar Panizza ("Das Liebeskonzil") musste wegen Schmähung der Religion ins Gefängnis, der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner ("Kriminalgeschichte des Christentums") als säkularer Fanatiker diffamiert.

Offenbar wollen die Katholiken angeleitet, aber nicht in den Abgrund geführt werden. Viele setzen sich lieber mit Protestanten, Muslimen und Juden an einen Tisch als mit Antisemiten, Rassisten und Reaktionären aus den eigenen Reihen. Klarheit ist wichtiger als Einheit. Es kommt nicht darauf an, wo einer herkommt, sondern wohin er will.

So weit, so gut. Trotzdem haftet dem Sturm der Empörung, der dem Papst ins Gesicht weht, etwas Wohlfeiles an. Eine Äußerung oder Entscheidung des Papstes hat eine ganz andere Fallhöhe als das Statement eines Mullahs. Andererseits kann man bei dem Papst davon ausgehen, dass er nichts unternehmen wird, das seine Kritiker das Leben kosten könnte. Er mag sich beschweren und empören, wie vor kurzem über den "gekreuzigten Frosch" von Martin Kippenberger in einer Ausstellung des Museums für moderne Kunst in Bozen, er wird die Schweizer Garde nicht mobilisieren, keine Selbstmordattentäter losschicken, nicht einmal eine "Fatwa" aussprechen. Man kann also mit dem Papst gefahrlos Schlitten fahren, während jeder, der sich mit Mohammed und seinen Erben anlegt, von Salman Rushdie über Kurt Westergaard bis Robert Redeker, ein unkalkulierbares Risiko eingeht.

Eine Beleidigung für jeden, der den Holocaust überlebt hat

Vom Papst geht keine Bedrohung aus, es sei denn, man würde seine grenzenlos naive Nächstenliebe als gefährlich empfinden.

Ebenso wohlfeil ist der Casus belli, um den es bei der Affäre geht. Ein vom Papst ex- und wieder in-kommunizierter Bischof leugnet den Holocaust. Das ist absurd und widerlich, eine Beleidigung für jeden, der den Holocaust überlebt hat und sich nun anhören muss, die "Gaskammern" hätten der Desinfektion gedient. Aber es ist auch eine Idiotie, wie die Überzeugung, die Erde sei eine Scheibe, die noch weiter verbreitet ist als die, der Holocaust sei eine Erfindung.

Der Papst und die Piusbruderschaft
Papst
Der Papst ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und des Staates Vatikanstadt . Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die römische Kurie bilden.
Der Papst wird im Konklave , einer Versammlung von Kardinälen , auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im Apostolischen Palast neben dem Petersdom .
Römische Kurie
Die wichtigste politische Einrichtung der römischen Kurie ist das Staatssekretariat , das die gesamte Tätigkeit der Kurie und der außenpolitischen Beziehungen des Heiligen Stuhls koordiniert. Es ist in zwei Abteilungen – eine Art Innen- und ein Außenministerium – gegliedert. Beide leitet der Kardinalstaatssekretär – derzeit Tarcisio Bertone . Er wird vom Papst eingesetzt.
Die höchsten Verwaltungsbehörden sind die neun Kurienkongregationen , die nach Sachgebieten gegliedert sind – so gibt es eine für die Glaubenslehre, eine für Gottesdienst und die Sakramente, eine für die Ostkirchen, eine für die Mission etc.
Zur Kurie gehören auch drei Gerichtshöfe für katholisches Kirchenrecht: der Oberste Gerichtshof der Apostolischen Signatur , die Apostolische Pönitentiarie und die Rota Romana .
Außerdem setzt der Heilige Stuhl Päpstliche Räte ein, die keine Regierungsfunktion haben, sondern der Information und der Kontaktpflege auf verschiedenen Gebieten dienen. So befasst sich ein Päpstlicher Rat mit den Laien, einer mit der Einheit der Christen, der Interpretation von Gesetzestexten usw.
Ämter der Kurie sind die Apostolische Kammer , die Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls und die Präfektur für die Wirtschaftsangelegenheiten des Heiligen Stuhls .
Mit der römischen Kurie verbunden sind verschiedene Institutionen, darunter das Vatikanische Archiv , die Vatikanische Bibliothek und Radio Vatikan .
Piusbrüder
Die Piusbruderschaft ist eine der bedeutenderen Abspaltungen der katholischen Kirche . Sie wurde 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet und lehnt ab, zentrale Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen: Sie verweigert sich gegen die Anpassung an die moderne Welt, weshalb die Piusbrüder ihre Messen bis heute auf Latein lesen, und lehnt Religionsfreiheit und Ökumene ab. Nach jahrelangem Streit mit Rom kam es 1988 zum Schisma . Papst Johannes Paul II. exkommunizierte den Gründer Lefebvre und vier weitere Bischöfe. Im Januar hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation auf.
Antisemitismus
Leitende Brüder der konservativen Piusbruderschaft halten daran fest, dass die Juden kollektiv schuld am "Gottesmord" , der Kreuzigung Jesu Christi, sind – ein zentrales Motiv des Antisemitismus .
Indem Papst Benedikt XVI. die Piusbrüder zurück in den Schoß der katholischen Kirche aufnahm, geriet er selbst unter Antisemitismusverdacht.
Besonders belastet wurde die Beziehung zwischen Vatikan und jüdischen Organisationen jedoch durch einen Ausspruch des britischen Piusbruders Bischof Richard Williamson : Er hatte in einem TV-Interview den Holocaust und die Existenz von Gaskammern geleugnet.
Der Unsinn, den Williamson verbreitet, wärmt die Herzen der Revisionisten, ist aber politisch irrelevant. Nicht einmal der britische Holocaust-Leugner David Irving hat sich hinter ihn gestellt. Die wirkliche Gefahr lauert nicht in den Verliesen der Vergangenheit, sondern in den Labors der iranischen Atomlobby.

Vieles deutet darauf hin, dass Iran in der Zukunft atomar gegen Israel vorgehen möchte - ein Abbruch der diplomatischen oder wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Teheraner Regime wäre nach Ansicht der Experten aber "unverhältnismäßig" und "kontraproduktiv". Man wartet lieber ab, ob und wann die Mullahs ihre Drohungen wahr machen und hält sich zurück. Die Trauer um die toten Juden verpflichtet die Trauergemeinde nicht dazu, sich Sorgen um die Zukunftsaussichten der lebenden Juden zu machen.

So schafft es der Papst, sich vom Antisemitismus jeder Art zu distanzieren, zugleich aber einem unbußfertigen Antisemiten die Hand zur Versöhnung zu reichen. Der soll sich jetzt von seinen eigenen Ansichten distanzieren, die er seit 20 Jahren offen vertritt. Das ist, als würde eine betrogene Ehefrau von ihrem Mann nach dem Sündenfall einen Treueschwur verlangen. Gibt er ihn ab, darf er wieder ins gemeinsame Schlafzimmer, verweigert er sich, muss er auf dem Sofa nächtigen.

Schon möglich, dass der Papst das alles nicht bedacht hat. Die Liste der Dinge, die er aus taktischer Rücksichtnahme übersieht, wird immer länger. Er fährt in die Türkei, ohne sich nach der Lage der Armenier zu erkundigen, 90 Jahre nach einem Völkermord, von dem die Türken behaupten, er habe nie stattgefunden. Er tritt für einen Dialog mit den Mullahs ein, ohne zu fragen, wie es den Kopten in Ägypten und den Baha'i in Iran geht. Er handelt nach der Maxime "Nur nicht provozieren. Es könnte noch schlimmer werden!"

Die nötigen Grausamkeiten müssen am Anfang begangen werden, nicht am Ende. Jetzt kann nur noch der Allmächtige seinem Vertreter aus der vatikanischen Bredouille helfen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Auf diesen Kommentar haben doch schon alle gewartet
Planet Earth, 05.02.2009
Zitat von sysopDen alten "Benedetto" gibt es nicht mehr: Mit dem Piusbrüder-Debakel hat Papst Benedikt XVI. seinen Status als Popstar endgültig ruiniert. Der Skandal birgt noch eine weitere Lehre, findet Henryk M. Broder: Der öffentliche Umgang mit dem Thema Holocaust ist verheerend widersprüchlich. http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,605594,00.html
Kompliment, Herr Broder. Salopp geschrieben - und auch stellenweise interessant. Andererseits wäre es natürlich auch sehr verwunderlich gewesen, wenn Sie die Gelegenheit ausgelassen hätten, in dieser Angelegenheit Ihre über die Sache hinaus gehenden Ansichten zu verbreiten.
2. Ochlokratie
Forum_User, 05.02.2009
Zitat von sysopDen alten "Benedetto" gibt es nicht mehr: Mit dem Piusbrüder-Debakel hat Papst Benedikt XVI. seinen Status als Popstar endgültig ruiniert. Der Skandal birgt noch eine weitere Lehre, findet Henryk M. Broder: Der öffentliche Umgang mit dem Thema Holocaust ist verheerend widersprüchlich. http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,605594,00.html
Wieder einmal zeigt es sich, dass wir in einer Zeit der Pöbelherrschaft leben. Als Atheist und Schon-lange-aus-der-Kirche-Ausgetretener glaube ich besonderer Sympathien für den Pontifex unverdächtig zu sein, aber: wenn sich jetzt Hinz und Kunz, Müller und Merkel, Walter und Weber erdreisten, ohne Respekt für eine beinahe 2000 Jahre alte Tradition ihre schmutzigen Nasen in kirchliche Angelegenheiten zu stecken und ihre schmierigen Finger in angebliche Wunden zu legen, dann zeigt sich der pöbelhafte Charakter der Regierenden.
3. danke
supercat 05.02.2009
Bei mir schon !!! Danke Angy!!
4. "Hab ich nicht gewußt"
oxalis, 05.02.2009
Ein Bischof leugnet die Ermordung von 6 Millionen Juden - und was passiert: Der Papst zeigt sich verärgert über die Kritik statt mannhaft die Verantwortung als Chef und Oberhaupt zu übernehmen. Warten wir es ab: Der Papst wird sich jetzt mit einem genuschelten "war ja nicht so gemeint" zufrieden geben, den Bischof in seiner Kirche Bischof sein lassen und hoffen, dass der Lärm abebbt. Was für ein schwaches Bild!
5. .…
Rainer Helmbrecht 05.02.2009
Zitat von Forum_UserWieder einmal zeigt es sich, dass wir in einer Zeit der Pöbelherrschaft leben. Als Atheist und Schon-lange-aus-der-Kirche-Ausgetretener glaube ich besonderer Sympathien für den Pontifex unverdächtig zu sein, aber: wenn sich jetzt Hinz und Kunz, Müller und Merkel, Walter und Weber erdreisten, ohne Respekt für eine beinahe 2000 Jahre alte Tradition ihre schmutzigen Nasen in kirchliche Angelegenheiten zu stecken und ihre schmierigen Finger in angebliche Wunden zu legen, dann zeigt sich der pöbelhafte Charakter der Regierenden.
Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Papst für eine 2000jährge Geschichte steht. Er war ein Einpeitscher, bekannt dafür, dass er auch JPII Korsettstangen eingezogen hat. Die Begeisterung der Jugend ist dem Zirkus geschuldet mit dem er an die Macht kam. Es war die alte Geschichte, der König ist tot, es lebe der König. Der nächste Papst wird wahrscheinlich auch mit mehr Sorgfalt gewählt, ein Schwarzer, ein Asiate, auch ihm wird die Sympatie zu fliegen, ob er das Vertrauen rechtfertigt.... wird die Geschichte erweisen, auf jeden Fall wird er weniger Fehle machen (dürfen). MfG. Rainer
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