Verwirrender Krieg Willkommen in der Koalition der Zweifler

Überraschung in der "Bild"-Zeitung: Kolumnist Franz-Josef Wagner, bisher eine der lautesten Anti-Saddam-Kanonen, kann den Krieg nicht mehr sehen. SPIEGEL-Reporter Matthias Matussek antwortet ihm.


Lieber Franz-Josef Wagner,

"Liebe Kriegszweifler", schreiben Sie in Ihrer heutigen BILD-Kolumne, um gleich darauf zu bekennen, dass Sie, die einstige Haut-den-Saddam-Kanone, übergelaufen sind. Sie sind nicht der Einzige. Die meisten Leitartikler, selbst Josef Joffe in der Zeit, haben sich ins Zweifler-Lager begeben. Und plötzlich wirkt Schröder selbst für manche seiner früheren Kritiker nicht mehr wie ein Opportunist, sondern wie ein kantenklarer Visionär, weit konsequenter jedenfalls als die washingtontreue Lämmerherde der Opposition.

Willkommen also im Lager der Zweifler, Franz-Josef Wagner, in der einzigen Partei, die derzeit in Ordnung ist. Allerdings ist das noch nicht weit genug gedacht. Als Kriegsgegner müsste man sich auf eine neue Hechtrolle vorbereiten. Zum Beispiel auf die ins Kriegslager. Die wäre konsequent: Nur ein schneller Sieg der Aggressoren kann weiteres Blutvergießen vermeiden. Furchtbar der Gedanke, der stets gut aufgelegte Rumsfeld müsste Bagdad erst ein paar Monate lange einkesseln und aushungern, bevor die Stadt ihren Diktator auswürgt. Und grauenvoll für die Ratings.

Verwirrend ist alles geworden, selbst für CNN, denn der Krieg, das hört man plötzlich von drüben, ist überhaupt nicht mehr populär. Alle zweifeln. Seine Rechtfertigungen lösen sich auf wie Luftspiegelungen, und die Bigotterien und Stümpereien der US-Administrationen sind angesichts der Toten schwer erträglich.

Warum noch mal war Giftgas gut, solange der Irak die Nachbarn vergiftete? Warum noch mal schüttelte der große Humorist Rumsfeld Hussein die Hand? Und warum noch mal hat die Ex-Firma des Vizepräsidenten den Zuschlag für den Wiederaufbau bekommen?

Es scheint, dass seit den Sandstürmen von Basra die Zweifler die einzige Partei bilden, die wächst. Selbst Tony Blair zweifelt, auch wenn dieses abgearbeitete graue stumpfe Wunderkindgesicht wie verzerrt ist vor Anstrengung, Unbeirrbarkeit zu zeigen und den transatlantischen Laden irgendwie zusammenzuhalten.

Der Blitzkrieg ist steckengeblieben. Und er ist blutig. Und das TV-Publikum ungeduldig. Und damit zurück nach Basra, in den Sandsturm, der überall läuft, in Hotellobbies und Wartezimmern und Büros und Bars, rund um den Globus. Ein verwirrender Sturm aus Bildern. Wir alle sehen die gleichen Bilder, der Kolumnist in Berlin, der Chefredakteur in Hamburg, der Reporter im Dachrestaurant des Interconti in Amman, der Korrespondent in New York oder in Rio.

Das Besondere an den Bildern ist, dass sie alle unbefriedigt lassen. Dass sie höchstens die Zweifel verstärken und den Hunger nach neuen Bildern. Was zunächst daran liegt, dass dieser Krieg wie jeder andere ein Propaganda-Krieg ist, weshalb in den Laufbändern am unteren Bildband oft bereits das dementiert wird, was oberhalb noch in die Mikrophone gelogen wird. Doch die Sache geht tiefer. Es ist die moralische Ambivalenz der beiden großen Lager, die sie aufeinander zurutschen läßt wie Wanderdünen, bis kaum noch einer weiß, mit welcher Position er jetzt die Runde machen soll.

Bellizisten - wie ehemals Wagner - sehen unter dem Bombenhagel der Befreiung unschuldige Menschen, eigene Leute sterben, und sie sehen den Hass gegen das eigene Lager wachsen. Die Kriegsgegner wiederum sind nicht blind dafür, wie das irakische Volk unter dem Ganovenpack, das es einschüchtert, geknechtet wird.

Beide Seiten wissen insgeheim, wie sehr die jeweils andere Recht hat. Moralisch. Und diesen moralischen Diskursen kommen die geopolitischen in die Quere. Ich habe mit Freunden gesprochen, die sich in ein und demselben Atemzug den schnellen Sieg der Amis und ein kriegerisches Desaster gewünscht haben, und dabei den Blick nicht von der Mattscheibe gelöst haben, auf der irgendein Leitartikler gerade genau die entgegengesetzten Paradoxien vertrat.

Der Einzige übrigens, der die ganze Zeit nicht auf den Fernseher schaut ist George Bush, der Mann, der sich Zweifel nicht leistet.

Womit wir bei einigen abschließenden Betrachtungen über jene Bilder gelandet wären, die uns in diesen Ambivalenzen gefangenhalten. Alle, die ich kenne, schauen BBC, weil der Wochenschau-Tonfall der in den Panzern der US-Army mitrollenden "embedded journalists" von CNN krebserregend ist.
Das ist wissenschaftlich erwiesen.
Kein CNN also!
BBC ist erlaubt!
Das kühle, schicke Rot-Schwarz-Design der BBC-Trailer ist global zur Rettungsboje der Zweifler geworden, BBC-Journalisten wie Tim Sebastian gehören zu den klügsten Menschen des Planeten, BBC-Reporter halten sich auf Abstand zu allen Lagern, und sie sind professionelle Fragensteller, meistens.

Schon am Trailer-Design von BBC konnte man den Kriegverlauf ablesen. Zu Beginn der Luftkrieg, BBC-Rot und kristallblau, distanziert, auf jedem Beat eine kleine Explosionswolke, ein wummerndes, kühles Verpuffen. Auch später noch, als der Krieg in den Sandstürmen von Basra steckenblieb, achtete man darauf, dass das alles Ton in Ton gehalten wurde mit den Trailern, deren sanfte Buchstaben-Explosionen nun ins Schwarz-Gelbe spielten. Ästhetisierungen von ein paar übriggebliebenen Ravern aus dem Gute-Laune-Jahrzehnt, die sich vom verschwitzten CNN-Hurrah-Camper-Stil wohltuend abheben. Europa hat einfach mehr Stil. Punkt.

Doch natürlich trägt der Sender wie alle erheblich zur Militarisierung unseres Alltags bei. Allein durch das Material, das er transportiert. All diese Night-Vision-Reportagen mit grünen Gesichtern, diese Fahrten an den Kanten von Flugzeugträgern entlang, wie optische Einübungen auf weitere Konflikte.

Wahrscheinlich ist es das, worüber Wagner erschrickt. Irgendwo in seiner Kolumne schreit es aus ihm heraus:"Ich will diesen Krieg nicht mehr sehen." Das klingt verzweifelt wie jemand, der seinen Blick nicht mehr lösen kann. Wie wir alle. Doch vielleicht ist Hingucken das Einzige, das hilft.

Matthias Matussek

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.