Wallraff-Lesung Ab in die Büsche

Günter Wallraffs Vorschlag, die "Satanischen Verse" in einer Moschee zu lesen, lässt den selten um Worte verlegenen deutschen Debattenzirkus verstummen. Der Grund ist einfach: Der Mann hat eine wichtige Denkübung provoziert . Die Talkshow-Ritter gehen lieber in Deckung.

Von Claus Christian Malzahn


"Würden Sie mit Günter Wallraff in einer Moschee aus Rushdies "Satanischen Versen" vorlesen? Die SPIEGEL-ONLINE-Redaktion hat über 40 Intellektuellen, Künstlern, Schriftstellern und Politikern diese Frage gestellt. Vorwiegend Menschen, deren Namen man bei gesellschaftspolitischen Debatten häufig im Netz und in den Zeitungen lesen kann und die größtenteils zur Entourage der deutschen Talkshows zählen. Drei Viertel der von uns befragten Großschriftsteller, Kleinkünstler und Kulturpreisträger haben sich, manchmal sofort, manchmal nach Rücksprache und einigem Zögern, entschlossen, "diese Frage lieber nicht zu beantworten", wie es ein Interviewpartner formulierte.

Nun gibt es - Journalisten wissen das - bei Umfragen immer einen gehörigen Prozentsatz von Menschen, die auf ein Interview gerade keine Lust oder dazu keine Zeit haben. Sie finden die Frage doof oder das Thema, manchen fällt einfach nichts ein.

Was passiert, wenn es mal ernst wird?

Aber diesmal war es anders: Viele hatten Angst. Rushdie? Moschee? Selbst Harald Schmidt meidet Witze über den Islam. Also lässt man diesen Kelch besser an sich vorübergehen.

Das allerdings ist kein gutes Zeichen. Wenn die selbsternannte Supermacht der Dichter und Denker schon bei dem Gedanken an eine Lesung der "Satanischen Verse" in die Knie geht und sich die intellektuellen Protagonisten angesichts einer - durchaus heiklen - Frage lieber in die Büsche schlägt: Was passiert dann eigentlich, wenn es mal ernst wird?

Man kann über Wallraffs Vorschlag durchaus geteilter Meinung sein. Warum sollen Gläubige Gotteslästerung ausgerechnet an heiliger Stätte dulden? Dennoch zielt der Vorschlag dieser Lesung mitten ins Schwarze. Plötzlich geht es um etwas. Wallraffs Idee ist eine notwendige Provokation, so wie schon Rushdies "Satanische Verse" eine wichtige Zumutung waren. Das Buch verwandelte sich 1989 von einem Roman in ein Fanal für literarische Freiheit. Rushdies Fackel brennt bis heute. Selbst wenn "nur" eine Lesung außerhalb einer Moschee zustande kommt, an der viele konservative Muslime teilnehmen, wäre das ein Erfolg.

Denn Wallraffs Vorschlag zielt auf Standards, die - das zeigen die Reaktionen auf unsere Umfrage - leider nicht mehr selbstverständlich sind: Wir müssen in einer demokratischen Zivilgesellschaft Gedanken aushalten, die uns selbst fremd, vielleicht sogar zuwider sind. Und wir möchten uns andererseits darauf verlassen können, das sagen zu dürfen, was wir sagen wollen - ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen.

Diese Gewissheiten haben uns Bin Ladens Terrorismus und die ständig abrufbare Drohkulisse des islamistischen Mobs genommen. Zu den Opfern zählen nicht nur Theo van Gogh oder der japanische Rushdie-Übersetzer Hitoshi Igarashi, der bereits am 11. Juli 1991 - also zehn Jahre vor 9/11 - erstochen wurde. Zu den Opfern gehört leider auch jene Zivilcourage, die heute zwar in jeder Talkshow gerne in Anspruch genommen wird - aber nur, wenn sie nichts kostet. Zu der Wallraff-Vorlese-Frage werde es "keine Äußerung" geben, ließ uns ein Schriftsteller mitteilen, der sich sonst gern seiner Freundschaft mit Rushdie rühmt. Andere bekannten offen, "dass ich da nicht lesen würde, weil ich Angst habe".

Wie wär's mit einem Film "Das Leben des Murad"?

Aber mal jenseits Wallraffscher Mutproben: Rushdie in der Moschee? Warum dann nicht auch "Das Leben des Brian" im Kölner Dom? Die Frage ist berechtigt.

Für die, die zu jung sind oder es vergessen haben: Nach der Premiere dieser bitterbösen Jesus-Comedy von Monty Python im Jahre 1979 in Großbritannien liefen die christlichen Kirchen Sturm. Es gab wüste Debatten im Fernsehen, es wurde mit Boykott gedroht, es gab Tumulte vor den Lichtspielhäusern. Aber für die Macher des Films war die Premiere eben nicht der Beginn eines jahrzehntelangen Martyriums, kein Versteckspiel mit Bodyguards, sondern der Grundstein für eine steile Karriere. "Ein Fisch namens Wanda" hätte es ohne die zum Brüllen komische Blasphemie nie gegeben. Zum Jahreswechsel 2006/2007 lief "The Life of Brian" nebst ausführlicher Dokumentation im Abendprogramm des britischen Fernsehens. Der Film gehört heute zum ewigen Kulturgut des Commonwealth. God save the Queen - und John Cleese bitte auch.

Aber wo bitte können wir uns "The Life of Murad" ausleihen? Kann man sich die Szene, wo Brian einen Schuh verliert und seine Anhänger verzückt "Ein Zeichen! Ein Zeichen!" rufen auch auf Islamisch vorstellen? Wo auf diesem Planeten gibt es einen Produzenten, einen Drehbuchautor, einen Regisseur und ein paar Schauspieler, die über so einen Film auch nur nachdächten?

Wie bitte? Sie haben Frau und Kinder? Okay, okay, war nur so eine Idee.

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