Wiederkehr des "Mobs" Der Autonome, das unbekannte Wesen

Martialische Bilder rund um den G-8-Gipfel lieferten die Schwarzvermummten - doch wer waren diese Autonomen? Wieso und wofür kämpfen sie? Sozialforscher bleiben Antworten schuldig. Ein Blick in die Geschichte zeigt: In eine unverbindliche Gesellschaft könnte der "Mob" zurückkehren.

Von Franz Walter


War was? Noch vor einer Woche schienen brennende Fahrzeuge symbolhaft ein neue, lange Welle linksextremistischer Gewalt anzuzeigen. Aber am Ende der Woche dominierten dann schon wieder die Bilder der Kirchentagsfriedfertigkeiten, der gutbürgerlichen Diskurs- und Demonstrationszivilität von Attac- und Greenpeace-Zugehörigen. Der martialische Straßenkampf währte nur einen langen Rostocker Samstag.

Autonomer: Wiederkehr des "Mobs", wie man ihn in vorindustriellen Zeiten kannte?
DDP

Autonomer: Wiederkehr des "Mobs", wie man ihn in vorindustriellen Zeiten kannte?

War es das also schon? Interessant ist jedenfalls, wie wenig wir - wie wenig auch professionelle Sozialforscher des Protests - über die sogenannten Autonomen wissen. Woher kommen sie eigentlich? Gibt es sie überhaupt noch in beträchtlichem Umfang? Aus welchen Klassen, Schichten, Bildungsmilieus rekrutieren sie sich? Wie gut oder schlecht sind sie tatsächlich organisiert; was exakt wollen sie denn nun erreichen? Was ist ihr Projekt, ihre Idee, ihr Ziel? Wer sind ihre Anführer oder Chefideologen? Vor allem aber: Spielen dergleichen Dinge für sie überhaupt eine Rolle?

Man weiß es nicht so richtig; und es gibt ein paar plausible Hinweise, dass selbst diejenigen, welche sich zu dieser Szene rechnen (Mitgliederausweise gibt es schließlich nicht), es ebenfalls kaum erhellend erklären können. Wo der Wurf des Pflastersteins den koitalen Gipfelpunkt des Protest bedeutet, gilt die dürre intellektuelle Begründung nicht einmal als lohnenswertes Vorspiel.

Natürlich, man kann das alles als ziemlich nebensächlich abhaken. Autonome liefern wohl die legitimatorische Munition für die Scharfmacher aus dem konservativen Ordnungslager; aber gefährliche Revolutionäre, überhaupt nur ernstzunehmende Gegner des "Systems" sind sie natürlich nicht. Und doch zeigt ihre Existenz, zeigen ihre Aktionsmethoden einen säkularen Wandel an: die allmähliche Auflösung etlicher industriegesellschaftlicher Strukturen, Organisationsformen und Bindemittel.

Gedanken an die Wiederkehr des "Mobs"

Das aber könnte bedeuten, dass einige der Sozialphänomene zurückkehren, welche die Geschichte bereits kannte, als eben diese Strukturen noch nicht existierten. Noch stärker zugespitzt: Es könnte die Wiederkehr des "Mobs" zur Folge haben. Der "Mob" war eine typische Sozialfigur der vorindustriellen Urbanität.

Hierzu zählten die Tagelöhner, Bettler, die Armen und Ausgeschlossenen, die sich immer wieder, aber ganz erratisch zu militanten Protesten zusammenwürfelten. Charakteristisch war die direkte Aktion, die spontane Erregung, der jähe Aufruhr. Und bezeichnend war ebenfalls, dass es dafür keine festen Organisationsformen gab, erst recht keine ideologischen Zielsetzungen, kein politisches Programm.

Der "Mob" tumultierte; er reflektierte und räsonierte nicht. "Der Revolutionismus des 'Mobs' war primitiv", lautet daher das Urteil des marxistischen Sozialhistorikers Eric Hobsbawm, eines Experten auf dem Gebiet geschichtsträchtiger Rebellionen. Der "Mob" aus der Zeit vor der Industriegesellschaft erhob sich für einige Tage, machte tüchtig Krawall, zündelte hier und randalierte dort, verlor aber alsbald die Energie und Lust - und versank danach für längere Zeit in pure Inaktivität.

Videos zum G-8-Gipfel
Erst mit der industriellen Arbeiterklasse, mit ihrer Organisation in sozialistischen Parteien und Gewerkschaften verschwand der "Mob". Nun transferierte sich der rhapsodische Tumultismus früherer Zeiten in langfristige Strategien und einen kontinuierlichen Reformismus oder in weltanschaulich durchdrungene, kadermäßig zentralisierte Revolutionsanstrengungen. Kurzum: Die industriegesellschaftlichen und sozialstaatlichen Regulationen hatten den zuvor unförmigen, oft elementaren und plötzlichen Protest kanalisiert und dadurch auch befriedet. Die parlamentarische Vertretung linker Parteien, der in Regeln und Ausgleichsmodalitäten eingefasste Tarifkampf der Gewerkschaften ersetzten den eruptiven, ungezügelten, rohen Volkszorn.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
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panit, 09.06.2007
1. Widerstand
Es gibt verschiedene Arten wie man seine Abneigung gegen den deutschen Staat zeigen kann. Die einen nennen sich "Autonome" (was aber meiner Meinung nach auch eine Lebensphilosophie ist) und die anderen wandern dann einfach aus! Da die Zahl der Autonomen immer mehr zunimmt und immer mehr Menschen auswandern, sollte die Politik vielleicht einmal überlegen und auch nachforschen, woran das liegt. Panit.
philippsan 09.06.2007
2. Autonome
Wieso heissen hooligans in Deutschland fans und wieso heissen politisch Kriminelle Autonome oder früher RAF? Die ETA nennt man in Spanien ganz einfach la banda terrorista!
demo, 09.06.2007
3. Aufwachen!
Lieber Herr Prof. Walter, Sie leben doch in Göttingen! Dann können Sie diesen Mob doch bei jeder Antifa Demonstration studieren. Das sollen marginalisierte Leute sein? Sie müssten es besser wissen. Es sind zu einem grossen Teil Kinder sogenannter gutbürgerlicher Herkunft, die de facto durch die nicht vorhandene Erziehung von Elernhaus und Schule völlig verroht sind. Es sind übrigens dieselben Leute, die, wenn sie so richtig gut gelaunt irgendwo in einem der kleinen Göttinger Parks ihre antifaschistischen Saufparties feiern, ihren Abfall, friedfertig wie sie nunmal sind, grossflächig in der Restnatur um sich herum verteilen, um so ihren Respekt vor der Erde, die sie angeblich retten wollen, zu demonstrieren. Regelmässiger Höhepunkt dieser Festivitäten ist die Zerstörung der Lampenschirme der Strassenlaternen durch gezielte Flaschenwürfe. Ach, all das ist Ihnen unbekannt? Dann wachen Sie bitte mal auf und schauen Sie sich die netten Leute in Ihrer Umgebung mal genau an.
David Meerbusch, 09.06.2007
4. Naja
Zitat von panitEs gibt verschiedene Arten wie man seine Abneigung gegen den deutschen Staat zeigen kann. Die einen nennen sich "Autonome" (was aber meiner Meinung nach auch eine Lebensphilosophie ist) und die anderen wandern dann einfach aus! Da die Zahl der Autonomen immer mehr zunimmt und immer mehr Menschen auswandern, sollte die Politik vielleicht einmal überlegen und auch nachforschen, woran das liegt. Panit.
Es kommen aber noch immer mehr als weg gehen; wird also mehr als ausgeglichen.
hanwufu, 09.06.2007
5. uii - das hört sich nicht gut an...
Der "Mob" war eine Erscheinung vom Übergang der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft. Daher ist der "Mob Version 2" nun ein "Bote" für den Übergang von Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft. Stufe 1: - Agrar wird kleiner - Industrie wird größer - GAP (Agrar, Industrie) ==> Mob taucht auf. Stufe 2: - Industrie wird kleiner - Dienstleistung wird größer - GAP (Industrie, Dienstleistung) ==> Mob taucht auf. Warum taucht der Mob auf? Weil "irgendwer" diese Leute vergessen hat, und die sich nicht sicher sind "wohin?" *Bauerntricks & Industrietricks* Irgendwie muss der "Mob Version 2" aufgefangen werden, von alleine können diese Menschen sich nicht helfen. Jedoch sollten alle "Sozial"Heinis/innen aufpassen. Was war denn als aus einen "Bauernland" ein "Industrieland" wurde? Irgendwie haben die ganzen "Bauerntricks" nicht mehr funktioniert! (Na mal ehrlich, ein bisschen in den Geschichtsbüchern wälzen hilft und darüber nachdenken hilft noch mehr; Nicht einfach abgucken und kopieren). Hmm, wenn es zwischen "Mob Version 1" und "Mob Version 2" sich tatsächlich um Vorboten handelte bzw. handelt einer "großen Veränderung", dann werden die ganzen "Industrietricks" wahrscheinlich auch nicht funktionieren. *Theorie-Leere* Vielleicht ist es an der Zeit auch die Wissenschaften in ihrer heutigen Form zu überdenken. Wenn es tatsächlich Parallelen geben sollte, sollte auch mal zur Errinnerung in den Geschichtsbüchern geblättert werden: Die Naturwissenschaften bekamen "Kinder", die Ingenieurwissenschaften, welche widerum auch "Kinder" bekamen; Die Sozialwissenschaften bekamen ebenfalls "Kinder", wie die Betriebswirtschaftslehre, die auch jede Menge "Kinder" machte. Und selbst diese ganzen "Kinder" haben sich im Laufe der Zeit "gemixt". Jedoch, die meisten dieser Kinder haben gelernt mit irgendetwas zu spielen, was mit der industriellen Produktion zu tun hat. Ergo, müssen diese "Kinder" sich auch mit dem neuen Spielzeug der "Dienstleistungen" sich zu widmen, und vielleicht müssen neue "Kinder" gemacht werden. Was hat das mit dem "Mob" zu tun? Wenn diese _keine Fragen _stellen und _keine Lösungen _anbieten, dann nenne ich das _"Theorieleere"_. Entgegen dem "Glauben" von "Praktikern", gibt es keine "Lösung" die keine Theorie als Grundlage haben, und es gibt auch keine Theorie wenn nicht die richtige "Frage" gefunden wird. Die Politik ist keine Aussnahme, weil diese sich mindestens der Politikwissenschaften bedient. Natürlich lese ich (wie alle) nur das was ich sehen möchte...weil das passt mir gut in den Kram, weil ich mich darüber in: http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=1692 gerade ausgelassen habe. ;)
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