Von Matthias Gebauer
Auch Rinder von kleinen Höfen stehen jetzt unter BSE-Verdacht
Für die kleinen und mittleren Bauern war die Nachricht von der Infektion mehrerer Rinder aus kleinen Familienbetrieben ein Schock. Bislang haben sie und die Verbraucher sich sicher gefühlt. Ihre bisherige Begründung: Da sie kein Tiermehl in der Aufzucht verwenden und ihre Tiere sich im Sommer auf der Weide von Gras und im Winter von selbshergestelltem Futter ernähren, schien sie die BSE-Panik nicht zu berühren. Bisher gilt die Infektion über das Tiermehl als Hauptinfektionsursache.
Doch die Hoffnung war naiv, wie sich zeigt. Die neuen Fälle von kleineren Familienhöfen aus Bayern beweisen, dass BSE durchaus nicht nur ein Problem der großen Höfe ist, die über Industriefutter jahrelang Tiermehl mit dem BSE-Erreger verfütterten. Offenbar ist auch bei den kleinen Höfen Tiermehl in die Nahrungskette der Rinder gekommen. Dafür gibt es mehrere denkbare Wege:
Infektion durch Tiermehlreste in den Futterfabriken
Das Tiermehl könnte durch fahrlässige Herstellung ins Futter gelangt sein. Grund dafür: Die meisten Tierfutterbetriebe stellen alle Arten von Futter her, also auch Futter mit Tiermehl. Da jedoch die Reinigung der Anlagen und Lkw sehr aufwendig ist, befürchtet man, dass Reste von Tiermehl aus anderen Produkten in Futter für Rinder gelangt sein könnte. Der Bauer hätte dann mit dem Industriefutter Tiermehl verfüttert, ohne dies zu wissen.
Mutwilliges Versetzen von Futter mit Tiermehl aus Profitgier
Kritiker der Tierfutterindustrie wie der "Euronatur"-Aktivist Lutz Ribbe vermuten sogar, dass Tierfutterhersteller aus reiner Profitgier Tiermehl in verschiedene Futtersorten mischen, da es ein extrem billiges Eiweiß ist. "In einem Kraftfutter kann man Tiermehl kaum nachweisen, da ist die Versuchung groß", sagt Ribbe. Selbst nach dem Tiermehlverbot, das in der Bundesrepublik schon seit mehreren Tagen gilt, war mehrmals Tierfutter mit dem verbotenen Tiermehl entdeckt worden. "Momentan kann sich kein Bauer sicher sein, was er verfüttert", meint dazu Ribbe.
Besonders fatal: Während der ersten großen BSE-Welle in Großbritannien Mitte der neunziger Jahre sackte der Preis für britisches Tiermehl in den Keller. Nun vermutet man, dass sich Tierfutterhersteller trotz des Einfuhrverbots mit billigem, mit BSE-Erregern verseuchtem Tiermehl, versorgt haben und so den Erreger ins deutsche Tierfutter einschleusten.
Niedersachsen fordert Ermittlungsstelle
Die Politik hat mittlerweile auf die neuen BSE-Fälle reagiert. So forderte der Sprecher des niedersächsischen Landwirtschaftsministers eine Ermittlungsstelle für Tiermehl einzurichten. Dort sollen Vertriebs- und Herstellungswege von Tiermehl, aber auch von tiermehlfreiem Kraftfutter nachvollzogen werden, um eventuelle Verunreinigungen von "normalem" Futter durch Tiermehl nachzuweisen und zu verhindern, dass solches auf den Markt gelangt.
Den kleinen Bauern in Bayern und er ganzen Bundesrepublik nutzt das für den Moment wenig. Sie müssen weiter mit der Befürchtung leben, dass auch sie schon Futter mit Tiermehl unbewusst verfüttert haben und früher oder später ein positives Testergebnis unter ihren Schlachtrindern haben. Der Biobauer Friedrich Ostendorff fasst das Problem zusammen: "Jeder Bauer, der irgendwann einmal, auch wenn es nur einmal war, Industriefutter verfüttert hat, muss sich jetzt diese Frage stellen."
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