ThemaBSERSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
23.12.2000
 

Deutsches Rindfleisch

Dem Ausland vergeht der Appetit

In der EU werden deutsche Fleisch- und Wurstprodukte immer skeptischer beurteilt. In niederländischen Supermärkten wurden Waren bereits aus den Regalen entfernt, und auch Belgien will diesen Schritt offenbar anordnen.

Würste aus der deutscher Produktion sind im Ausland umstritten
Zur Großansicht
DPA

Würste aus der deutscher Produktion sind im Ausland umstritten

Hamburg - Die niederländischen Supermärkte folgten einer Warnung des Gesundheitsministeriums vom Freitagabend an die Verbraucher, bestimmte deutsche Fleisch- und Wurstprodukte nicht mehr zu essen und bereits gekaufte Waren in die Geschäfte zurück zu bringen. Wie hoch der Schaden für die Supermärkte ist, ist noch nicht bekannt.

Das Gesundheitsministerium hatte eine Liste mit einigen Dutzend Wurstprodukten veröffentlicht, die möglicherweise mit dem BSE-Erreger verseucht sind. Die Haager Regierung folgt damit einer Empfehlung des Berliner Gesundheitsministeriums. Außer Hart- und Streichwürsten, Aufschnitt sowie Bock- und Bratwurst gelten auch Hühnerleber und Perlhuhnsalami als Risikoprodukte.

Auch Belgiens Gesundheits- und Umweltministerin Magda Aelvoet habe ihre Landsleute vor deutschen Rindfleischprodukten Gewarnt, hieß es in einem Rundfunkbericht. Eine offizielle Stellungnahme der belgischen Regierung lag zunächst nicht vor. Nach dem Bekanntwerden mehrerer BSE-Fälle in Deutschland war in Österreich bereits am Donnerstag eine Importsperre für Rinder und Rindfleisch aus Deutschland in Kraft getreten.

EU-Agrarkommissar Franz Fischler kritisierte eine fehlende Koordination im Kampf gegen die Rinderseuche. Er sagte der "Welt", die Verteilung der Zuständigkeit bei Bund und Ländern "und die üblichen Schuldzuweisungen machen die Sache nicht leichter". "Da gibt es manche Konfusion." Hintergrund der Kritik ist unter anderem ein vertraulicher Bericht der EU-Kommission an die Bundesregierung, aus dem nach Medienberichten hervorgeht, dass die zuständigen Behörden schon seit fast drei Monaten über erhebliche Mängel bei der Verarbeitung von Tiermehl und sonstigen Futtermitteln informiert waren. Die EU-Kommission hatte bestätigt, bereits am 29. September erste Erkenntnisse von Inspektionen von Rinderfütterungen mitgeteilt zu haben.

Landwirtschaftsministerium weist Vorwürfe zurück

Das Bundeslandwirtschaftsministerium wehrte sich. Die EU-Kommission habe trotz mehrfacher Nachfragen die Vorlage ihres Berichts über die Futtermittelkontrollen in Deutschland "wochenlang hinausgezögert" und die Behörden im Ungewissen gelassen, behauptete Staatssekretär Martin Wille. Das Ministerium wies insbesondere Berichte zurück, wonach seine Veterinäre am 29. September gründlich über Missstände in der Futtermittelüberwachung informiert gewesen seien. Damals habe es im Anschluss an die Inspektion der Experten in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen nur ein abschließendes Gespräch gegeben, aber die Hinweise seien noch nicht richtig konkretisiert gewesen, sagte Ministeriumssprecherin Sigrun Neuwerth.

Druck auf Fischer wächst

Grünen-Chef Fritz Kuhn stellte sich unterdessen hinter die unter Druck geratene Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer. Er wolle nicht "verhehlen, dass es Pannen gegeben hat", sagte Kuhn dem "Tagesspiegel". `Aber Andrea Fischer hat viel eher vor BSE und Tiermehl gewarnt als andere, und "sie hat nichts vertuscht wie die bayerische Landesregierung". Fischer war in die Kritik geraten, nachdem ein Brief der Bundesanstalt für Fleischforschung, in dem auf eine mögliche Gefahr durch BSE-verseuchtes Fleisch in Wurstwaren hingewiesen wurde, im Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium nicht zügig bearbeitet worden war. Staatssekretär Erwin Jordan betonte in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung", der Brief sei im Ministerium ordnungsgemäß behandelt worden, die Fachbeamten hätten nur "die politische Brisanz nicht gleich an die Ministerien weitergeleitet".

Im Gegensatz zu Kuhn warf der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands, Christian Bär, der Grünen-Politikerin "etwas peinlich wirkenden Aktionismus" vor. Dieser führe zusammen mit der Unsicherheit über die Ursachen der Seuche "nicht zu einer sachlichen Information, sondern zu einer hohen Verunsicherung auch in den Bereichen der Landwirtschaft", sagte Bär im Inforadio Berlin-Brandenburg. Zugleich wies er Vorwürfe gegen den Bauernverband zurück, die Seuche verharmlost zu haben: "Dass wir Bauern ebenso wie die Verbraucher offensichtlich die Betrogenen sind, wird jetzt augenscheinlich."

Zwillingstier von BSE-Rind soll am Leben bleiben Die bayerische Gesundheitsministerin Barbara Stamm ordnete unterdessen an, den Zwilling der BSE-infizierten Kuh aus dem Landkreis Neumarkt zu Forschungszwecken am Leben zu lassen. Nach Mitteilung des bayerischen Gesundheitsministeriums soll die Kuh, die als einzige von der Tötungsanordnung ausgenommen wird, auf das Gelände der Bundesanstalt zur Erforschung von Viruskrankheiten auf der Ostseeinsel Riems gebracht werden. "Wir hoffen, dass wir so bei der Erforschung der Rinderseuche einen Schritt weiterkommen", erklärte Stamm. Dies gelte insbesondere für die Infektionswege und die Rolle erblicher Veranlagungen sollen erforscht werden. "Ein Zwillingstier bietet hier die einmalige Chance zur Forschung."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema BSE

© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP