Von Matthias Gebauer
Stehen sich vor Gericht gegenüber: Außenminister Fischer und Ex-Terrorist Klein.
Frankfurt - Als sich Joschka Fischer und Hans-Joachim Klein das erste Mal in Frankfurt trafen, konnten sie auf ähnliche Erfahrungen zurückblicken. Anfang der siebziger Jahre hatten beide ihre Lehren abgebrochen, Fischer als Fotograf, Klein als Automechaniker. Beide stiegen in die linke Studentenbewegung ein. Wenn sich die Mittfünfziger heute um 9.30 Uhr im Saal 165 C des Frankfurter Landgerichts wiedersehen, sind 25 Jahre seit den gemeinsamen Frankfurter Tagen vergangen.
Nach einem Vierteljahrhundert wird schon die Kleidung signalisieren, wie sich die Lebenswege der Berufsrevoluzzer von damals getrennt haben. Klein wird mit rasch zusammengesammelten Klamotten seiner übrig gebliebenen Unterstützer aus der linken Szene auftreten. Fischer vermutlich im feinen dreiteiligen Zwirn, ganz der Staatsmann. Die Rollen sind klar verteilt: Der Verlierer der Studentenbewegung sitzt als angeklagter Terrorist auf der Anklagebank. Fischer steht als erster grüner Außenminister als Gewinner der wilden Tage im Zeugenstand.
Eine einmalige Situation. Noch nie stand ein Außenminister im Amt vor einem Strafgericht. Gar in einem Terroristenprozess. Mit der Vernehmung morgen wird deutsche Nachkriegsgeschichte live vor Gericht verhandelt.
Fischers Vergangenheit ist ins Gerede gekommen. Jedoch weniger wegen des Klein-Prozesses, sondern wegen der von der selbsternannten Fischer-Anklägerin und Journalistin Bettina Röhl pünktlich zur Vernehmung veröffentlichten Prügel-Fotos, die die teils gewalttätige Vergangenheit des Außenministers dokumentieren. Vor Gericht jedoch werden die Fotos und auch die neuen Verdächtigungen um den Molotow-Cocktail auf den Frankfurter Polizisten Weber keine Rolle spielen. Fischer ist ausschließlich als Zeuge im Verfahren gegen "Klein-Klein" geladen. So nannte er seinen Weggefährten zu Frankfurter Zeiten.
Was verbindet Fischer und Klein?
Fest steht, dass beide Anfang der siebziger Jahre in Frankfurt im linken Studentenmilieu lebten - beide unstudiert, aber fasziniert. Klein sagte in einer der ersten Befragungen, Fischer habe ihn inspiriert, und nannte ihn einen "Freund". Bereits zu dem Zeitpunkt stand für Richter Heinrich Gehrke fest, dass er Fischer als Zeugen laden wollte. Nach langem Zögern entschied sich Fischer für eine öffentliche Vernehmung. Wohl nicht ganz uneigennützig, denn eine nichtöffentliche Videovernehmung durch das Bundeskriminalamt (BKA) hätte vermutlich den Verdacht genährt, Fischer habe etwas zu verbergen.
Fragt sich nur, was Deutschlands oberster Diplomat Brisantes zu berichten hat. In Frankfurt studierte er zunächst bei den Theoretikern der neuen Linken wie Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas oder Oskar Negt. Wie verrückt "fraß" er Bücher, erinnern sich seine Weggefährten. Nach einer Demonstration gegen den Springer-Verlag wurde er gemeinsam mit seiner damaligen Frau Edeltraut von Polizisten zusammengeknüppelt. Für Fischer war dies der Moment der Entscheidung: Er würde Berufsrevolutionär werden.
Fortan fehlte er bei kaum einer Aktion an der Uni. 1969 schloss er sich einer neuen Gruppe an, die sich später Revolutionärer Kampf (RK) nannte. Dort trafen sich Klein und Fischer. Fischer hatte für "Klein-Klein" das, wovon der gescheiterte "Schrauber" nur träumen konnte: einen wachen Geist und eine gepfefferte Sprache. Das habe ihn "inspiriert", wie Klein in Frankfurt zu Protokoll gab. Im RK waren auch andere, heute bekannte Persönlichkeiten, organisiert: Der grüne Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit, der Uno-Sonderbeauftragte für das Kosovo, Tom Koenigs oder Thomas Schmid, später stellvertretender Chef der "Hamburger Morgenpost". Im Gegensatz zu Klein hatten sie dem Terrorismus abgeschworen.
Klein selbst genoss in der linken Gruppe einen Außenseiterruf, zumal er beim machohaften Imponiergehabe seiner Mitstreiter nicht recht mithalten konnte. Trotzdem faszinierte die akademische Gemeinde das Bild des gesellschaftlichen Verlierers: abgebrochene Lehre, autoritäres Elternhaus, Aufwachsen im Heim und so weiter. Eine gescheiterte Existenz, an der nur eines schuld sein konnte: das System. Und gegen das wollten ja alle kämpfen.
Nebenbei dienten die praktischen Fähigkeiten Kleins den studierten Linkshändern. Er konnte Autos reparieren, richtig anpacken. All das, was man auf der Uni nicht lernte.
Kleins Mechanikerkenntnisse nutzte auch Joschka Fischer. Er ließ seinen klapprigen VW bei seinem Kampfgefährten reparieren. Diese Reparatur bringt den Außenminister in Erklärungsnot: Denn Klein transportierte mit Fischers Rostlaube einen Revolver für seine RZ-Mitkämpfer. Fischer behauptet bis heute, er habe von dem Waffentransport nichts gewusst. Bisher gibt es an dieser Aussage keinen Zweifel. Vor dem Frankfurter Gericht könnte dieser Vorfall höchstens taktisch von den Verteidigern von Klein angeführt werden. Der Richter will dies jedoch unterbinden.
Gemeinsame Aktionen
Bei mehreren Aktionen waren Fischer und Klein zusammen unterwegs. Auch bei der umstrittenen Prügel-Attacke von Fischer auf einen Polizisten im Jahr 1973, die jetzt durch die Veröffentlichung der alten Fotos erneut auf die Tagesordnung kam, stand Klein mit im Bild. Auch bei den Trainingslehrgängen, bei denen die Mitglieder der so genannten "Putzgruppe" den Straßenkampf üben, waren Klein und Fischer dabei. Seine intellektuellen Mängel glich Klein im Kampfeinsatz aus und stand in Frankfurt bei Demos oft in der ersten Reihe.
Doch die Wege trennten sich 1973. Klein rückte immer mehr von den "legalen Mitteln" ab und ließ sich 1974 in Frankfurt von den Revolutionären Zellen (RZ) anwerben. Langsam begann er, die ersten Aufträge für die radikale Splittergruppe zu organisieren. Immer weniger tauchte er bei öffentlichen Anlässen auf, für die RZ musste er Geheimhaltung wahren. Er tauschte gestohlene Devisen um und besorgte Wohnungen für konspirative Treffen. Völlig sorgenlos, so schreibt er zumindest in seinem Memoiren, stieg er in das Terror-Team für den Opec-Überfall ein. Fischer und Daniel Cohn-Bendit hatten sich zu der Zeit vom gewaltsamen Kampf bereits abgewandt.
Letztes Lebenszeichen im November 1975
Fischer hörte, wie alle anderen Frankfurter Spontis, zum letzten Mal im November 1975 von Klein. Er wolle zum Skiurlaub in die Alpen, sagte er seinen Freunden. Danach sahen ihn die Weggefährten nur noch in der Zeitung, als er schwer verletzt aus dem Opec-Gebäude getragen wurde.
Fischer muss also seine Vernehmung nicht wirklich fürchten. Bisher hat er sich in Interviews noch nicht ausführlich zu seiner Beziehung zu Hans-Joachim Klein geäußert. Stimmen allerdings die meist anonym genannten Quellen aus der Zeit, dann hat er auch nicht viel zu erzählen. Das einmütige Urteil: Ja, sie haben sich gekannt. Es war ja eine offene Szene, da haben sich alle gekannt. Eine Mitschuld am Opec-Überfall wird daraus aber noch nicht einmal Kleins erfahrener Anwalt Eberhard Kempf herleiten können.
Trotzdem ist damit zu rechnen, dass Kempf den Außenminister hart ins Verhör nehmen wird. Mit seiner Meinung hält er schon vor der Vernehmung nicht hinterm Berg: Er sieht den grünen Minister als "Leitfigur" der damaligen Szene, die Klein geprägt hat.
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