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03.04.2001
 

Treibhaus Erde

Klimawandel "das perfekte Verbrechen"

Von Holger Kulick

Das amerikanische Worldwatch-Institut beschuldigt die Industriestaaten wegen des wachsenden Ausstoßes von Treibhausgasen der "kollektiven Verantwortungslosigkeit". Derweil argumentiert Wirtschaftsminister Müller wie US-Präsident Bush, der Klimaschutz sei wirtschaftsschädlich.

Ist der weltweite Kampf gegen die Klimakiller schon verloren?
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AP

Ist der weltweite Kampf gegen die Klimakiller schon verloren?

Berlin - Der heute in Berlin vorgestellte Worldwatch-Jahresbericht "Zur Lage der Welt 2001" beschreibt im Detail die absehbaren Folgen der Erwärmung der Erdatmosphäre. Dazu zählen Trinkwasserverschmutzung und -knappheit, das alarmierende Aussterben von immer mehr Amphibienarten, der Tod großer Korallenriffe und der folgenschweren Verlust von jährlich 14 Millionen Hektar Wald - eine Fläche von der Größe Griechenlands.

"Der von Menschenhand gemachte globale Klimawandel hat das Potenzial, das perfekte Verbrechen neu zu definieren", heißt es in der deutschen Ausgabe des Reports. "Die Toten sind sichtbar, wir alle sind Zeuge". Aber weil es zu viele Täter gebe, könnten sich alle in "kollektiver Verantwortungslosigkeit" verstecken.

Zwar "wurden einige kleine Auseinandersetzungen im Kampf um das ökologische Gleichgewicht der Erde gewonnen, der Krieg selbst jedoch ist verloren", schreibt der Biologe und Ökonom Christopher Flavin, seit vergangenem Jahr Präsident des renommierten und regierungsunabhängigen Instituts mit Sitz in Washington. Forstwissenschaftler und Biologen seien sich einig, dass "der enorme Verlust an Wäldern und das größte Artensterben, das die Welt seit 65 Millionen Jahren erlebt hat", nicht mehr rückgängig zu machen sei.

Plädoyer für "ökonologische Revolution"

Nur die osteuropäischen Staaten, Deutschland und Großbritannien seien dabei, die selbst gesteckten Ziele zur Minderung des Ausstoßes von Treibhausgasen zu erreichen, ermittelte Worldwatch. Die übrigen Industrienationen hätten ihre Emissionen dagegen unbeschränkt ansteigen lassen. In den USA, mit nur fünf Prozent der Weltbevölkerung Quelle von einem Viertel der gesamten klimaschädlichen Gase, sind die Emissionen seit 1992 um elf Prozent gestiegen. Zur gleichen Zeit stieg der Ausstoß in Kanada um 13, in Australien um 15 und Spanien sogar um 25 Prozent

Um die schlimmsten Folgen noch abwenden zu können, müsste die Gruppe der führenden Industriestaaten und Entwicklungsländer sich für eine Entwicklungsstrategie nach dem Prinzip der so benannten "Ökonologie" einsetzen, fordert Flavin. Gemeint ist eine Synthese von Ökologie, Soziologie und Ökonomie. Zu dieser "E-9"-Gruppe zählt Flavin China, Indien, die EU, USA, Indonesien, Brasilien, Russland, Japan und Südafrika.

Diese Länder würden 73 Prozent der weltweiten Treibhausgase erzeugen und müssten sich auf gemeinsame Ziele einigen, die sozialen und ökologischen Fortschritt höher gewichten als die bloße Steigerung der Warenproduktion. Eine solche "ökonologische Revolution" sei zugleich eine "Herausforderung an unsere Menschlichkeit".

Bislang plane aber nur die kleine Nation Island die komplette Umstellung seines Energiesystems von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien und "könne damit zum Vorreiter im 21. Jahrhundert werden".

Auf gutem Weg bleibt die Entwicklung in Deutschland stecken

"Alleingänge lohnen sich" - Deutschland ist Windkraftexportland Nummer eins
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REUTERS

"Alleingänge lohnen sich" - Deutschland ist Windkraftexportland Nummer eins

Und Deutschland? In Berlin feierten gestern Abend die Grünen und Umweltschutzorganisationen das einjährige Bestehen des "Erneuerbare-Energien-Gesetz" (EEG). Erstmals seien gegen den Widerstand der großen Energiekonzerne umweltfreundliche Energieerzeugungsarten durchgesetzt worden, wie Windkraft, Solarenergie und die Verbrennung von Biomasse, lobten die Festredner.

Zugleich wurde aber deutlich, dass die Grünen mit einem weiteren Zukunftsprojekt vor dem Scheitern stehen. Per Gesetz sollte in diesen Tagen der Ausbau energieeffizienter Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) durchgesetzt werden, dieses Projekt stehe aber "jetzt auf der Kippe", warnte Gerhard Timm vom Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND).

Just an diesem Abend war erneut eine Verhandlungsrunde über den Ausbau der klimaschonenden Kraft-Wärme-Koppelung bei der Stromerzeugung geplatzt. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) verwarf gemeinsam mit den Grünen ein Programm der Stromkonzerne und des Wirtschaftsministeriums, mit dem diese umweltschonende Technik nicht ausgebaut, sondern lediglich modernisiert werden soll. Zuvor hatte Wirtschaftsminister Werner Müller bereits angekündigt, "wenn die Kommunen nicht einlenken, mache ich die Vereinbarung im Zweifel einfach ohne sie".

Zugleich forderte Müller eine Anpassung der deutschen Klimaschutzpolitik an das Vorbild der Bremser in den USA und anderswo. Er empfehle "von der Praxis nationaler Alleingänge bei der Setzung ehrgeiziger Ziele abzurücken", sagte Müller in einem Interview mit "Focus" und argumentierte ähnlich wie US-Präsident Bush. Schließlich könnten weitere Sparmaßnahmen durch Klimaschutz "schon auf Wachstum und Arbeitsplätze niederschlagen".

Fernduell mit Umweltminister Trittin

Im "Fernduell" mit seinem energischen Widersacher aus dem Wirtschaftsministerium konterte Umweltminister Jürgen Trittin mit der positiven Arbeitsplatzbilanz durch den Ausbau der Windkraftanlagen, deren Anzahl in Deutschland von 623 im Jahr 1991 auf 9375 im Jahr 2000 gestiegen sei. Allein dadurch seien inzwischen 70.000 neue Arbeitsplätze entstanden und Deutschland nunmehr Windkraft-Exporteur Nummer eins, lobte der Umweltminister. Genau dies sei der Beweis, dass es lohne, sich "Chancen durch nationale Alleingänge nicht entgehen zu lassen".

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