Berlin - Heftigkeit und Hochmut des Urteils mancher Politiker über Wissenschaftler seien erschreckend, sagte die Direktorin am Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie dem Berliner "Tagesspiegel". "Dass sich einige Politiker so stark auf den Katholizismus berufen, finde ich intolerant. Ich denke nicht, dass die katholische Kirche das Recht hat, dogmatisch Ethiknormen festzulegen."
Die Biologin warf Bundespräsident Rau vor, in seiner Rede zur Gentechnik eine "ausgesprochen wissenschaftsfeindliche" und "extrem konservative" Haltung eingenommen zu haben. Die vom Bundespräsidenten geäußerte Befürchtung, nun sei der genetische Neuentwurf des Menschen möglich, sei "vollkommen überzogen", meinte Nüsslein-Volhard. Sie sprach sich gegen ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) aus, also des Gen-Tests beim Reagenzglas-Embryo. "Man sollte die Entscheidung den Frauen überlassen." Wenn deutsche Forscher mit menschlichen embryonalen Stammzellen forschen wollten, sei dies legitim, meinte die Biologin. Allerdings werde das Potenzial dieser Zellen für die Medizin vermutlich überschätzt.
Zwei Wochen nach der kritischen Rau-Rede diskutiert der Bundestag heute über die moralischen Grenzen von Gentechnik und Embryonenforschung. Entscheidungen stehen nicht an. Auch Kanzler Gerhard Schröder (SPD) will das Wort ergreifen. Er hatte in jüngster Zeit wiederholt davor gewarnt, die Grenzen der Forschung zu eng zu ziehen, und zur Beratung der Bundesregierung einen Nationalen Ethikrat einberufen.
In den beiden großen Volksparteien SPD und Union gibt es Gegner wie Befürworter einer stärkeren Nutzung der Gentechnik und einer freizügigeren Embryonenforschung. Die Grünen treten geschlossen für klare rechtliche und moralische Grenzen ein. Sie lehnen eine Lockerung des deutschen Embryonenschutzgesetzes strikt ab. Die FDP will bisherige Beschränkungen weitgehend aufheben. Sie plädiert auch für den Einsatz der Präimplantationsdiagnostik (PID) zur Erkennung schwerer Erbschäden bei im Reagenzglas erzeugten Embryonen.
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