Von Holger Kulick
Bonn/Genua - Sofern die Zeitpläne in Genua so bleiben, wie sie sind, schlägt heute gegen 18.30 Uhr eine Schicksalsstunde für die UNO-Klimakonferenz Bonn. Dann trifft sich Bundeskanzler Gerhard Schröder mit Japans Regierungschef Koizumi zum Vier-Augen-Gespräch, im Anschluss an Einzelgespräche mit Kanadas Premier Chretien und US-Präsident George W. Bush. Koizumi ist immer noch unentschlossen, ob er sich bereit erklärt, auch ohne die USA das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren, die das Klimaschutzabkommen ignorieren. Auf dem Klima-Gipfel in Bonn hat dieser Stimmungswandel Kanadas zu einer spürbar verunsicherten Position der japanischen Delegation geführt, die am Freitag vor Journalisten flüchtete und ein offiziell angesetztes Pressebriefing wieder strich.
Nachtsitzungen in Bonn
Am Widerstand von Staaten aus der so genannten Umbrella-Group, Australien, Kanada und Japan verzweifelt der Klima-Gipfel besonders. Greenpeace hatte Australien und Kanada am Freitag sogar als "Kyoto-Vandalen" bezeichnet. Nun wird seit Mitternacht in Bonn wieder im Plenum um Kompromissformeln gerungen, bislang sah es aber eher nach Auf-der-Stelle-treten aus. Eine Kommission aus 34 - je nach Sachgebiet wechselnden - Mitgliedern und dem Tagungspräsident Pronk hatte seit Freitagmittag versucht, Streitpunkte zu entschärfen.
"Wir können bei dieser Rettungsaktion des Kyoto-Protokolls aber noch alles verlieren" hatte die EU-Kommissarin Margot Wallström kommentiert. Strittig sind vor allem die Anrechnung von Wäldern als Kohlendioxid-Senken, die Bewertung von Kernkraftwerken, die Strenge von Sanktionsmechanismen, die Erfüllungskontrolle und vor allem die Finanzierung des Kyoto-Verfahrens. Dabei geht es um einen Fonds von jährlich einer Milliarde Dollar. Zu diesem Punkt sollte der Schweizer Umweltminister bis Samstag früh Kompromissformeln entwickeln, für andere Bereiche wurden weitere Delegierte beauftragt. Am Nachmittag sollen sie von Jan Pronk gebündelt den Ministern übergeben werden, die um 22 Uhr erneut im Plenum zusammentreffen .
Erster Kontakt mit Kanadas Premier wirkte Wunder

Seite an Seite gegen Kyoto? Japans Premierminister Junichiro Koizumi neben US-Präsident George W. Bush
Erklärung in Genua zum Kyoto-Prozess geplant - ohne die USA
Samstagmittag soll in Bonn die generelle Entscheidung fallen, ob sich hilfesuchend an den G8-Gipfel in Genua gewendet wird, der Sonntagmittag zu Ende geht. Bereits am Freitag erklärten Gerhard Schröder und Englands Premierminister Tony Blair, dass sie den Klima-Gipfel zum Erfolg verhelfen wollen. Deshalb soll in
Genua eine gemeinsame Position der G-6 beziehungsweise G-7-Staaten, also in jedem Falle ohne die USA zu den Hauptproblemen der Bonner Konferenz formuliert werden. Erwogen wurde auch, ob eine Delegation aus Bonn noch nach Genua aufbricht. Auf die Frage von SPIEGEL ONLINE an Bundesumweltminister Jürgen Trittin, ob er sich auch vorstellen könnte, noch nach Genua zu fliegen, antwortete der Minister am Rande einer Expertenrunde in Bonn, "das wird wohl nicht passieren".Schröder als Eisbrecher für Kyoto
Die Frage, ob ihm Gerhard Schröder in Genua helfen könnte, Bonn zum Durchbruch zu verhelfen, verjeinte Trittin: "Nicht in der Sache, das müssen wir selber lösen". Schröder wäre aber anderweitig wichtig: Gewissermaßen als Eisbrecher. Koizumi müsse deutlich werden, dass eine eigene Haltung seines Landes zum Kyoto-Protokoll "kein feindlicher Akt" gegenüber den USA sei, hatte Trittin bereits vorher in einem SPIEGEL ONLINE-Interview geäußert. Bush müsse es dabei möglich gemacht werden, später mit ins Boot zu steigen. Bei einem ersten kurzen Gespräch mit Schröder mit Koizumi am Freitag versicherte Japans Regierungschef sogar, dass auch er versuche, Bush doch noch dafür zu gewinnen, das Kyoto-Protokoll zu akzeptieren. Den Erfolg der G-8-Operation wird man Samstagabend sehen. In Bonn ist dann erneut eine Nachtsitzung der 178 Umweltminister angesetzt - Open end.
Pronk: Gespräche in Genua "nützlich"

Ergänzende Gespräche in Genua seien "always useful" - der Präsident der UNO-Klimaschutzkonferenz, Jan Pronk
Die EU-Kommissarin Margot Wallström äußerte am Samstag die Hoffnung, dass die Krawalle von Genua auch als Ansporn für den Klimagipfel gelten könnten: "Wir haben hier die einmalige Chnance Probleme der Globalisierung vorbildlich zu lösen". Notfalls müssten die Minister noch um einen Arbeitstag in Bonn verlängern, damit eine Lösung möglich wird. Das schwere Ringen um die Knackpunkte. Hier geht's zum zweiten Teil.
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