Sonntag, 22. November 2009

Politik



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13.09.2001
 

Warnung vor Hysterie

Neue Welle von Islam-Feindlichkeit befürchtet

Nach den Anschlägen in den USA haben Vertreter der Palästinenser in Deutschland davor gewarnt, alle Araber als Schuldige anzusehen. Auch Ausländerbeauftragte in der Bundesrepublik warnen vor vorschnellen Gleichsetzungen und neuer Intoleranz. Als Geste soll der Zentralratsvertreter der Muslime am Tag der Einheit reden.

Wachsende Sorge: Stehen arabisch aussehende Ausländer plötzlich unter Generalverdacht?
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DPA

Wachsende Sorge: Stehen arabisch aussehende Ausländer plötzlich unter Generalverdacht?

Hannover - Nicht nur aus den USA werden jetzt vermehrt Übergriffe auf vermeintliche Islamisten gemeldet. Auch in Deutschland macht sich Unruhe breit, so dass Politiker bis hin zum Bundespräsidenten warnen, die fundamentalistischen Terroristen von New York und Washington "mit einem Staat, einer Religion oder Kultur" gleichzusetzen.

Um ein Signal zu setzen, hat jetzt der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, eine Einladung von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) zum Tag der deutschen Einheit nach Mainz am 3. Oktober angenommen. Er freue sich, an diesem Tag, der auch als "Tag der offenen Moscheen" begangen werde, an den Feierlichkeiten in Mainz teilnehmen zu können, sagte Elyas nach Angaben der Staatskanzlei vom Donnerstag in einem Gespräch mit Regierungschef Beck. Daran habe auch die Ausländerbeauftragte der Landesregierung, Maria Weber, teilgenommen.

Elyas und Beck waren sich nach Mitteilung der Staatskanzlei einig, dass der Dialog zwischen Muslimen und Deutschen fortgeführt und intensiviert werden solle. Wichtig sei die Schaffung von Vertrauen "an der Basis" und nicht allein bei den Spitzen von Politik und Gesellschaft. Dafür wolle er auch bei den Bürgermeistern in Rheinland-Pfalz werben.

Der Zentralratsvorsitzende Elyas berichtete, es habe unmittelbar nach den Terroranschlägen in den USA Bedrohungen von Muslimen gegeben, die aber in der Zwischenzeit von einer Welle von Solidaritätsbekundungen abgelöst worden seien. Dies zeige, wie wichtig der Dialog sei, sagte Elyas, der am Freitag, den 21.9. auch mit Bundeskanzler Gerhard Schröder zusammentreffen wird.

Unmittelbar nach dem Anschlag: Angstreaktionen von Muslimen

Zahlreiche Palästinenser seien seit dem Attentats-Dienstag von Passanten beschimpft worden, berichtete der Vorsitzende der Palästinensischen Gemeinde Deutschland, Sami Hussein, schon zwei Tage danach in Hannover. "Das Verhalten von Leuten, die uns schon ewig kennen, hat sich total verändert." Viele Mitglieder der Gemeinde würden auf einmal behandelt, als seien sie potenzielle Täter. "Das macht uns Angst", sagte Hussein. Die Gemeinde vertritt rund 100 000 Palästinenser in Deutschland.

Araber plötzlich unter Generalverdacht

"Weil Araber in Verdacht stehen, für die Anschläge verantwortlich zu sein, und weil im Fernsehen Bilder von jubelnden Palästinensern gezeigt werden, werden wir jetzt alle als Täter gebrandmarkt, sagte Hussein." Es gibt aber auch unter den Palästinensern demokratische Kräfte, die unterstützt werden sollten." Er appellierte an die Politiker, deutlich zu machen, dass es auch "ein anderes Gesicht Palästinas" gibt als nur radikale Islamisten.

"Das Verhalten unserer Mitmenschen in Deutschland empfinden wir zurzeit als bedrohlich", sagte Hussein, der seit 28 Jahren in der Bundesrepublik lebt. "Zum ersten Mal fühle ich mich in Deutschland nicht wohl."

Sachsens Ausländerbeauftragter fürchtet Gleichsetzung

Auch Sachsens Ausländerbeauftragter Heiner Sandig hat nach den Terroranschlägen in den USA vor einer Gleichsetzung dieser Art des Terrorismus mit dem Islam gewarnt. "Der Islam ist von seinem Ursprung her eine friedliebende Religion", sagte Sandig in einer am Donnerstag in Dresden verbreiteten Erklärung. "Viele Bürger muslimischen Glaubens in unserem Land sind ebenso schockiert über diesen Anschlag." Sie dürften nun nicht Ausgrenzung und Hass erfahren. Sandig hofft auf einen maßvollen Umgang mit den Folgen dieser Katastrophe.

"Unser Beileid ist bei den Opfern", drücken auch afghanische Flüchtlinge in Deutschland aus und rufen zur Besonnenheit auf.
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"Unser Beileid ist bei den Opfern", drücken auch afghanische Flüchtlinge in Deutschland aus und rufen zur Besonnenheit auf.

Afghanische Vereine in Hamburg warnen vor Stigmatisierung

In Hamburg drückten Vertreter der afghanischen Vereine in einer Erklärung ihr Entsetzen über den grausamen terroristischen Akt aus und lehnten "jegliche Form von terroristischer Gewalt mit Nachdruck ab". Ihre Erklärung wurde von Hamburgs Ausländerbeauftragter verbreitet. Darin warnen die Gruppen "vor einer Stigmatisierung Afghanistans und des zum weitaus größten Teils friedleibenden Bevölkerung". Auch dort würden Menschen leiden, sie seien "quasi Gefangene fundamentalistischer Kräfte im eigenen Land." Jeder Afghane, der in Deutschland Schutz vor Verfolgung gefunden habe, sei in der Pflicht, "auf der Basis der Menschenrechte gegen den von seinem Heimatland ausgehenden internationalen Terrorismus einzutreten".

München: Moschee erhielt Drohanrufe

In München äußerte sich SPD-Landtagsfraktionschef Franz Maget besorgt darüber, dass auch in der Münchner Moschee bereits Drohanrufe eingegangen sind. Viele Mitglieder der islamischen Gemeinde in der Landeshauptstadt lebten deshalb in Angst.

Maget will jetzt den Dialog mit den islamischen Gemeinden suchen. Er habe den Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft, Ahmed Al-Khalifa, am Freitag zu einem Gespräch in das Maximilianeum eingeladen. Anschließend wollen die Beiden gemeinsam am Gedenkgottesdienst für die Terroropfer im Liebfrauendom teilnehmen.

Bundesausländerbeauftragte: Islam-Vertreter in Trauerfeiern einbeziehen

Marieluise Beck
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Marieluise Beck

Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck (Grüne) forderte, die Vertreter des Islams an den Trauerfeiern zu den Anschlägen in den USA zu beteiligen. Damit sollten Kirchen und Politiker klar machen, dass es jetzt nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Religionen gehe, sondern um einen Kampf gegen politischen Fundamentalismus, sagte Beck. Es sollte keine Grenzziehung zwischen Christentum und Islam erfolgen.

Bestehende Netzwerke zwischen den verschiedenen Religionen müssten jetzt aktiviert werden. Es sei derzeit nicht hilfreich, wenn von einem Kampf der Kulturen gesprochen werde. Damit würden nur uralte Ressentiments und Vorurteile freigesetzt.

Grüne: Keine Überreaktionen

In diesem Zusammenhang haben auch Spitzenvertreter der Grünen gewarnt, zu Überreaktionen zu greifen, die eine eine neue Welle von gegenseitiger Intoleranz zur Folge haben könnte.

Die Grünen-Politikerin und Ministerin Renate Künast mahnte eine "besonnene Reaktion" an, auch wenn der Verteidigungsfall ein klassischer Fall sei, "in dem man Beistand leisten muss". Auch der Bundestagsabgeordnete Reinhard Loske sagte, dass niemand hat ein Interesse daran habe, "dass der Nahe Osten brennt" und als Terrorhort stigmatisiert werde.

Möllemann: "Moslems und Araber nicht pauschal in den Terroristentopf"

Auch der Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft und stellvertretende FDP-Vorsitzende Jürgen Möllemann warnte davor, nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten Moslems und Araber "pauschal in den Terroristentopf" zu werfen. Möllemann sagte der "Westdeutschen Allgemeinen", er möchte nicht, "dass wir Moslems und Araber zu kollektiven Feindbildern erklären". Der Politiker erklärte weiter: "Konfliktlösung durch Dialog und nur wenn unausweichlich durch Waffen bleibt unsere Leitlinie." Wer Gleiches mit Gleichem vergelten wolle, werde schuldig an vielen weiteren unschuldigen Toten. hk

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