Ganten: "Wir haben keine Staatsethik"
Herr Ganten, US-Präsident Bush hat jüngst entschieden, die Forschung mit embryonalen Stammzellen nur dann zu fördern, wenn dafür bereits existierende Zelllinien genutzt werden. Sollen auch deutsche Forscher sich darauf beschränken?
Detlev Ganten: Bushs Entscheidung war klug zum jetzigen Zeitpunkt, denn sie hat Druck aus der Diskussion genommen, wo die eine Seite völlige Freiheit beim Forschen mit Embryonen und die andere ein striktes Verbot forderte. Dieser Kompromiss erleichtert uns den Import von Stammzellen. Damit wäre der erste Schritt der Forderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erreicht. Bedenken Sie, dass in den USA private Forschung fast alle Möglichkeiten hat. Diese Trennung von öffentlicher und privater Forschung wollen wir nicht.
SPIEGEL ONLINE: Kritiker monieren, die Bush-Entscheidung sei wissenschaftlich unsinnig, weil viele der angeblich vorhandenen 64 Zelllinien für die Forschung nicht brauchbar seien.
Ganten: Das ist möglich, aber das müssen wir erst mal sehen. Es geht ja nicht um eine Entscheidung für Jahrzehnte. Jetzt wird zunächst an diesen Zellen geforscht werden in möglichst intensiver Kooperation und möglichst intensivem Austausch. Es kann durchaus sein, dass einige Zelllinien ausreichen für viele Untersuchungen. Ich bezweifle allerdings auch, wie viele meiner Kollegen, dass wir das Problem damit gelöst haben.
SPIEGEL ONLINE: Die US-Politik verschafft willkürlich bestimmten Instituten und Firmen ein höchst lukratives Monopol für die Lieferung von forschungstauglichen Zelllinien. Warum sollte Deutschland dabei mitspielen?
Ganten: Natürlich ist das nicht sinnvoll. Es ist aber das Ergebnis unserer bisherigen restriktiven Politik. Es gibt möglicherweise einige Zelllinien die nicht patentiert sind und somit keinen wirtschaftlichen Restriktionen unterliegen. Wenn die wirtschaftliche Daumenschraube an die Wissenschaft angelegt werden sollte, dann wird man sich darauf verständigen müssen, eben doch mit öffentlichen Mitteln Stammzelllinien anzulegen, die für die öffentliche Forschung zur Verfügung stehen.
SPIEGEL ONLINE: Das ist genau die Befürchtung der Gegner der Stammzellforschung, die warnen, dass die Forschung - einmal begonnen - über kurz oder lang viele zusätzliche Zelllinien benötigen wird, und menschliche Embryos somit zum Rohstoff verkommen.
Ganten: Diese Furcht basiert auf mangelndem Vertrauen in die Selbstkontrolle und auf ungenügender Kenntnis der Möglichkeiten der Außenkontrolle der Forschung. Arbeit mit Materialien und Zellen vom Menschen bedarf immer der besonders sorgfältigen Abwägung, ist aber notwendig und akzeptiert in der klinischen Forschung, vom "Rohstoff" sprechen wir auch dann nicht.
SPIEGEL ONLINE: Amerikanische Forscher haben längst eingeräumt, dass es bald zu einem Mangel an Embryonen kommen werde.
Ganten: Es gibt bedenkenlose Enthusiasten, die in einer freien Gesellschaft vehement fordern, die Objekte ihrer Forschung müssten grenzenlos zur Verfügung stehen, damit sie möglichst schnell vorankommen. Dem steht die kritische Haltung seriöser Wissenschaft gegenüber, mit diesen Materialien sehr viel sorgfältiger und verantwortungsvoll umzugehen. Man kann natürlich jede Entwicklung linear extrapolieren und daraus Horrorszenarien malen. So hat zum Teil der Club of Rome gearbeitet, was zu furchtbaren Prognosen geführt hat, die nicht eingetroffen sind.
SPIEGEL ONLINE: Aber auch zu einer Änderung der Umwelt- und Energiepolitik.
Ganten: Das ist ja in Ordnung und gut. Auch unsere Diskussion wird zu Ergebnissen führen. Besorgnisse müssen geäußert werden. Doch Forschung geht schrittweise voran. Und in allen Schritten wird die öffentliche Forschung kontrolliert. Jedes Experiment, insbesondere klinische Studien an Menschen unterliegen ethischen Kontrollen. In der biotechnischen Forschung gibt es die Zentralkommission für biologische Sicherheit. Die DFG hat vorgeschlagen, so etwas auch für die Stammzellenforschung einzurichten, so dass zu jedem Zeitpunkt und bei jedem Experiment diese Kontrollmechanismen wirksam werden können. Somit kann es auch nicht zu dem oft zitierten Dammbruch kommen, es gibt wirksame Gesetze, Kontrollen und Regeln.
Däubler-Gmelin: Embryonenverbrauch verstößt gegen die Menschenwürde
Ganten: Ich akzeptiere die Überzeugung Einzelner, embryonale Stammzellen seien ein heiliges Gut der Menschheit. Sie haben auch die freie Entscheidung für sich selber. Auf der anderen Seite haben wir keine Staatsethik. Diejenigen, die absolute Positionen beziehen, müssen sich der Diskussion stellen, das tut die Justizministerin ja auch. Wenn der sich ausbildende Konsens an dieser Position vorbeigeht, dann gehört sie möglicherweise zu einer Minorität, die parlamentarisch überstimmt wird.
SPIEGEL ONLINE: Wann rechnen Sie mit einer Entscheidung in Deutschland in Sachen Stammzellforschung?
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