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08.11.2001
 

Interview mit Detlev Ganten

Stammzellen - Heiliges Gut der Menschheit?

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, was Detlev Ganten vom Tempo deutscher Politik, von internationalen Konventionen und der Patentierung von Genen hält

Ganten: Ich rechne fest damit, dass über den Import von Stammzellen noch in diesem Jahr entschieden wird. Zunächst wird an etablierten Stammzellen gearbeitet werden müssen. Und dann wird zu debattieren sein, ob ein neues Embryonenschutzgesetz sinnvoll ist, damit wir auch hier im Lande Stammzellen herstellen können. Ich nehme an, dass dieses nicht mehr vor Ende dieser Legislaturperiode im Herbst 2002 entschieden wird.

SPIEGEL ONLINE: Sind sie mit diesem Tempo der politischen Entscheidungen zufrieden?

Ganten: Ich glaube, dass es gerade für die deutsche Wissenschaft wichtig ist, einen möglichst breiten Konsens mit der Gesellschaft herzustellen. Wenn wir einen Druck erzeugten, der nicht verstanden würde, schadeten wir der Wissenschaft und dem Thema. Aber man muss auch Verständnis haben: Wissenschaftler, die nicht vor Ungeduld brennen, hätten den falschen Beruf gewählt.

SPIEGEL ONLINE: Können wir beim Import von Stammzellen stehen bleiben und deren Herstellung nicht betreiben?

Ganten: Ich hielte dies für unehrlich. Wir akzeptierten, dass sie anderswo hergestellt werden, nur nicht bei uns, nutzten sie aber trotzdem.

SPIEGEL ONLINE: Also werden wir es irgendwann ohnehin auch in Deutschland machen?

Ganten: Anfang der Achtziger, als erstmals Insulin mit gentechnisch veränderten Bakterien hergestellt werden konnte, wurde das bei uns zunächst nicht zugelassen. Inzwischen ist das eine völlig akzeptierte Technik. Das wird mit der Forschung an Stammzellen aus Embryonen vermutlich nicht anders sein. Aber wenn wir zu viel Zeit verlieren, verlieren wir den Anschluss, womöglich zum Schaden unserer Wissenschaft und Wirtschaft, auch wenn die wirtschaftliche Bedeutung der Stammzellforschung derzeit meist überschätzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen internationalen Ethikrat vorgeschlagen, der weltweit gültige Richtlinien aufstellen soll. Wie soll das funktionieren?

Ganten: Wir haben ja schon eine europäische Bioethikkonvention und einen europäischen Ethikrat. Auf so wichtigen Gebieten brauchen wir internationale Konventionen, die von einem Ethikrat überwacht werden sollen.

SPIEGEL ONLINE: Also ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag mit weltweiter Geltung?

Ganten: Das wäre wünschenswert. Reproduktives Klonen sollte darin verboten werden. Wir brauchen ein internationales Forum, das für die verschiedenen Regierungen Entscheidungshilfen zur Gentechnik erarbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Wer sollte so ein Gremium einberufen?

Ganten: Die Vereinten Nationen oder die Weltgesundheitsorganisation.

SPIEGEL ONLINE: Die anstehende Umsetzung der EU-Biopatentrichtlinie ist genauso umstritten wie die Stammzellforschung. Brauchen die Forscher die darin vorgesehenen Gen-Patente?

Ganten: Die Patentierung eines Gens alleine und die damit einhergehende wirtschaftliche Festlegung ist wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen. Ein Gen allein macht zunächst einmal gar nichts. Wir haben es fast immer mit komplexen Signalketten zu tun. Der entscheidende Punkt für die Funktion eines Gens liegt in der Interaktion mit anderen Genen, die noch weitgehend unbekannt ist. Insofern ist die Schlussfolgerung "ein Gen, eine Funktion, eine Krankheit, eine Indikation, eine wirtschaftliche Auswertung" nicht richtig und entspricht auch nicht unseren Erkenntnissen aus der Genomforschung.

SPIEGEL ONLINE: Also dürfte die EU-Richtlinie gar nicht erst Gesetz werden?

Ganten: Aus wissenschaftlicher Sicht würde ich eine Novellierung der EU-Richtlinie in der Tat für richtig halten. Es droht die Gefahr gänzlich unproduktiver Streitigkeiten darüber, wer mit welchem Genom-Abschnitt forschen und Medikamente entwickeln darf. Demgegenüber wird das Argument der Rechtssicherheit durch Akzeptanz der Stoffpatente auch für Gene angeführt. Ich bin sicher, die Diskussion wird fortgeführt.

Das Interview führten Harald Schumann und Alexander Schwabe

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