Erfurt - Das verdächtige Pulver kam am vergangenen Donnerstag mit der Post im Arbeitsamt Rudolstadt in Thüringen an. Eine Mitarbeiterin in der Poststelle wurde stutzig, als sie die Sendung in den Händen hielt: Ein Schreiben mit einem pakistanischen Absender, verklebt mit breiten Klebestreifen, frankiert mit deutscher Briefmarke und verteilt durch ein deutsches Briefzentrum. Ungewöhnlich war auch der Zusatz "East Germany" auf der Adresse. Die Leiterin der Geschäftsstelle verständigte sofort die Polizei, man verpackte den Brief
Die Frau wandte sich an eine Kollegin und dann an ihre Vorgesetzte, die wiederum verständigte sofort die Polizei und steckte den ungeöffneten Brief in eine Plastiktüte, ein Einweckglas und noch einmal in eine Tüte. "Die Mitarbeiter dort haben sehr umsichtig gehandelt", erklärte Thüringens Gesundheitsminister Frank-Michael Pietzsch (CDU) am Freitag.
Zu Beginn der eilig einberufenen Pressekonferenz in Erfurt sagte er: "Wir haben uns sehr schwer getan, Sie hier zusammenzurufen, aber wir denken, wir sind das der Öffentlichkeit schuldig." Am Nachmittag war durchgesickert, dass zum ersten Mal in Deutschland ein verdächtiges Pulver in einer Postsendung positiv getestet worden ist.
Laut Pietzsch wurde der Brief in der vergangenen Woche sofort von der Feuerwehr sicher verpackt aus dem Arbeitsamt abtransportiert, zunächst auf Radioaktivität und Sprengstoff geprüft und schließlich in ein Labor nach Jena gebracht. Dort begannen gestern die Untersuchungen auf Milzbrandsporen. Ergebnis: positiv. Am Nachmittag wurden die Proben per Hubschrauber nach Berlin ins Robert-Koch-Institut transportiert. Noch heute Abend will Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die Ergebnisse der dortigen Untersuchungen bekannt geben.
Absender namens Islamabad
Der Absender des verdächtigen Briefes habe aus dem arabischen Vornamen Achmed und dem Namen der pakistanischen Hauptstadt Islamabad bestanden, konkretisierte Pietzsch die Angaben zu dem Schreiben. Es sei mit einer deutschen Briefmarke frankiert gewesen und in einem deutschen Postzentrum abgestempelt worden. Der Stempel sei allerdings nicht lesbar.
Für die Mitarbeiter der Poststelle des Arbeitsamtes bestehe keine Gefahr, sie hätten aufgrund früherer Warnungen mit Handschuhen gearbeitet. Bislang gebe es auch keine Krankheitssymptome. Mit dem positiv getesteten Brief seien drei Personen direkt in Kontakt gekommen, weitere sieben Menschen seien im Raum gewesen, als der Brief entdeckt wurde. Die Poststelle wurde sofort nach dem Fund desinfiziert, das Arbeitsamt kurzfristig geschlossen, und das Gesundheitsamt habe die Räume inspiziert. Keine Gefahr also - so zumindest das Resümee Pietzschs - für die Bevölkerung.
In einer ersten Reaktion schloss die Deutsche Post das Briefzentrum im thüringischen Gera und den Zustellungsstützpunkt in Rudolstadt. Das teilte das Unternehmen am Freitag in Bonn mit. Die Mitarbeiter seien nach Hause geschickt worden. Die Post sei auch darauf vorbereitet, den bislang nicht bekannten Absendeort des Briefes zu schließen. Die Post habe mehrere Krisenstäbe zum Schutz von Mitarbeitern und zur Aufrechterhaltung des Zustellungsbetriebes eingerichtet, hieß es weiter. Über weitere mögliche strengere Sicherheitsmaßnahmen auch bundesweit werde noch diskutiert.
21 Päckchen in Neumünster gefunden
Auch in Schleswig-Holstein sind zwei verdächtige Pakete positiv auf Milzbrand getestet worden. Das teilte Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Heide Moser (SPD) am Freitagabend in Kiel mit. Die Pakete seien bereits am Montag in Neumünster gefunden worden. Laut Moser wurden insgesamt 21 Päckchen mit verschiedenen Inhaltsstoffen gefunden, unter anderem vor dem Rathaus und im Stadtwald. Vermutungen, dass in zwei Paketen Milzbranderreger waren, seien durch das Staatliche Referenzlabor in Jena bestätigt worden. Von dort seien die Proben an der Robert Koch-Institut weitergeleitet worden. Dessen Befund soll noch heute abend bekannt gegeben werden. Ein Kriminalbeamter und sieben Mitarbeiter des Landesveterinäramts hätten Kontakt mit den Paketen gehabt.
Nach Bekanntwerden der positiven Milzbrandtests tagt heute abend die so genannte Sicherheitslage im Kanzleramt. Wie aus Regierungskreisen verlautete, nehmen an den Beratungen Kanzleramtschef Frank-Walther Steinmeier sowie Vertreter des Gesundheitsministeriums, des Auswärtigen Amtes, des Innenministeriums und des Robert Koch-Instituts teil.
Das Berliner Robert-Koch-Institut erklärte am Freitag, bei eventuellen Milzbrand-Fällen seien Engpässe bei Antibiotika nicht zu befürchten. Dennoch werde geprüft, ob man im Rahmen der allgemeinen Vorsorge ähnlich wie in Frankreich und Großbritannien Vorräte entsprechender Antibiotika anlegen sollte.
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ließ am Freitag - vor den Fällen in Thüringen und Schleswig-Holstein - das Bayer-Medikament Ciprobay in Deutschland zur Behandlung von Milzbrand zu.
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