Von Matthias Gebauer
Diese Wende im Leben der späteren Attentäter muss irgendwann im Jahr 1999 gewesen sein. Zu dieser Zeit studierte Mohammed Atta, der mutmaßliche Kopf der Gruppe, bereits seit sieben Jahren in Hamburg, der Todes-Pilot Ziad Jarrah lernte bereits seit drei Jahren in Greifswald und auch Marwan al-Shehhi war schon seit dem 28.´April 1996 in der Bundesrepublik. Und es ist genau dieses Jahr 1999, das die Ermittler am meisten interessiert. Sie wollen wissen, wer die drei Studenten für die todbringende Mission anwarb und wo das geschah. Die Initialzündung ist vermutlich im Ausland passiert, denn alle drei tauchten zu dieser Zeit kaum noch an ihren Universitäten auf und kaum jemand wusste, was sie eigentlich trieben.
Mittlerweile erfuhren die deutschen Fahnder von den US-Kollegen, dass Atta und al-Shehhi in diesem Jahr in einem Trainingscamp in Afghanistan gewesen sein sollen, dass Osama Bin Laden betrieb. Spätestens nach diesem Aufenthalt ist die Veränderung aller drei auffällig: Sie gluckten nur noch zusammen, trugen religiöse Kleidung und waren statt in der Universität fast nur noch beim Gebet oder zu Hause. Das Terror-Netzwerk hatte seine Arbeit aufgenommen, die Planungen liefen auf Hochtouren. Am Ende des Jahres meldeten alle drei fast gleichzeitig ihre Pässe als gestohlen, vermutlich um die Auslandsreisen zu vertuschen. Schon im Juli des folgenden Jahres begannen sie in den USA mit dem Flugunterricht.
Anwerbung im Ausland
Was die Fahnder herausfanden, lässt die in den letzten Monaten hochstilisierte Legende von den Schläfern immer unglaubwürdiger werden. Vielmehr wurden die Studenten offenbar in ihrem Heimatländern oder anderswo gezielt angesprochen und bearbeitet, weil sie bereits ein unauffälliges Leben in Deutschland führten. Diese neue Erkenntnis hat auch weitreichende Folgen für das von Innenminister Otto Schily ausgetüftelte Sicherheitspaket. Die umstrittenen Gesetzesänderungen sollen verhindern, dass in Zukunft Männer wie Atta in Deutschland Terroranschläge planen können. Die wichtigsten Punkte sind schärfere Kontrollen bei der Einreise von Ausländern und die Verbesserung von Identitätsnachweisen wie Personalausweisen und Ausländerpapieren.
Doch das Paket, mittlerweile auch bekannt als "Otto-Katalog", wird gegen Terroristen wie die drei Hamburger Studenten nicht helfen. "So einen Fall werden wir auch mit den neuen Gesetzen nicht ermitteln können, sie dienen lediglich zur Abschreckung", glaubt zum Beispiel selbst der als Hardliner geltende Eckart Werthebach (CDU), der von 1991 bis 1995 Chef des Verfassungsschutzes in Köln und bis Juni dieses Jahres Berliner Innensenator war. Zwar erschweren die neuen Regelungen bei der Visa-Vergabe die Einreise von Ausländern mit falschen Papieren, doch weder Atta noch die beiden anderen benutzten falsche Pässe. Selbst wenn bereits in den neunziger Jahren Fingerabdrücke und Irismerkmale auf den Ausweisen gewesen wären, wie Schily es jetzt plant, hätten Atta und seine Komplizen keine Probleme gehabt. Allenfalls Sozial- und Asylbetrüger würden den Behörden mit der neuen Technik schnell ins Netz gehen, glaubt Werthebach.
Rasterfahndung brachte nur Betrüger ans Tageslicht
Ähnlich frustrierende Erfahrungen machten nach dem 11. September auch die Praktiker bei der von Schily angeordneten Rasterfahndung unter ausländischen Studenten. "Wie sollen sie Leute finden, die gegen kein Gesetz verstoßen und keine besonderen Merkmale haben", fragte sich ein leitender Berliner Fahnder während der Mega-Datenauswertung. Tausende von ausländischen Studenten rasterten die Ermittler in Berlin durch. Das Ergebnis fiel mager aus - außer einigen Illegalen und Betrügern gingen den Polizisten keine Terror-Verdächtigen ins Netz. Dafür kostete die öffentlichkeitswirksame Maßnahme Tausende von Überstunden. "Diese Zeit hätten wir lieber mit der Beobachtung von wirklich Verdächtigen verbracht", meint der Fahnder.
In der Erkenntnis über die Mängel an den plakativen Maßnahmen in Schilys Gesetzpaket ergeben sich erstaunliche Allianzen. Denn auch die liberalen Kritiker des Gesetzentwurfs mahnen, dass die geplanten Gesetzesänderungen gegen eine Terrorplanung wie vor dem 11. September wenig ausrichten können. So spricht die FDP-Bundestagsabgeordnete Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von "purem Aktionismus", der zwar "schwer in das Leben des einzelnen eingreift", aber "nicht zwangsläufig mehr Sicherheit" schaffe.
Die einen fordern mehr Datensammlung, die anderen weniger
In den Folgerungen aus dieser gemeinsamen Erkenntnis gehen Werthebach und die FDP-Politikerin indes weit auseinander. Werthebach meint, dass Terroristen wie die der Hamburger Zelle nur mit konzertierter Beobachtung durch alle Behörden ermittelt werden können. "Wie sich jetzt herausstellt, lagen ja bei verschiedenen Behörden Hinweise zum Beispiel auf Atta vor", begründet Werthebach, "doch keiner wusste von den Informationen des anderen." Deshalb befürwortet der Ex-Verfassungsschutzchef die Einführung einer zentralen Terror-Datenbank aller Behörden. Auf dieses Netz sollten nach seiner Vorstellung sowohl Staats- als auch Verfassungsschutz, aber auch das Bundeskriminalamt und der Bundesnachrichtendienst zugreifen.
Genau diese Forderungen sind für Leutheusser-Schnarrenberger eine Horrorvision. "Das wäre eine schleichende Unterhöhlung der freien Gesellschaft", sagt sie. Otto Schily hingegen hält an seinem Entwurf vorerst fest, nachdem er ihn in nächtelangen Diskussionsrunden auch mit dem zuerst widerspenstigen grünen Koalitionspartner kompromissfähig verhandelt hat. Dabei stießen sich die Grünen hauptsächlich an den erweiterten Befugnissen für das Bundeskriminalamt, die Schily später aus dem Entwurf entfernte. Die Wirksamkeit der übrigen Maßnahmen aus dem "Otto-Katalog" spielte bei den Verhandlungen indes noch keine Rolle. Das könnte sich zumindest bei der Anhörung im Bundestag am kommenden Freitag ändern. Dort werden neben den Rechtsexperten auch die Praktiker der Fahndungsarbeit Rede und Antwort stehen müssen.
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