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03.01.2002
 

Deutsche Minenräumerin

"Die Lage in Afghanistan ist katastrophal"

"Die Situation ist schlimmer als gedacht". Konsterniert hat die deutsche Minenräumerin Vera Bohle aus Berlin ihre Arbeit in Afghanistan aufgenommen. Sie ist die bislang einzige Expertin für Streubomben vor Ort.

Ob im Kosovo, Angola, Tschetschenien oder Afghanistan: Minen "vergiften" das Land noch für Jahre
DPA

Ob im Kosovo, Angola, Tschetschenien oder Afghanistan: Minen "vergiften" das Land noch für Jahre

Kabul/Bonn - Seit Mittwoch ist die 32-jährige im Afghanistan-Einsatz, nachdem sie sowohl in Mosambik als auch im Kosovo tätig war. Die deutsche Minenexpertin wird für ihre Arbeit vom Auswärtigen Amt unterstützt und soll in Herat afghanische Minenräumer in der Entschärfung von amerikanischen Streubomben ausbilden, berichtete die Hilfsorganisation für Afghanistan, "Help", am Donnerstag in Bonn. Vera Bohle sei die einzige Minenräumerin Deutschlands. Sie hatte früher als Filmcutterin gearbeitet.

Etwa sieben bis acht Teams mit jeweils etwa 30 Mann werden von der Expertin geschult, die sich im Kosovo auf die amerikanischen Clusterbombs spezialisierte. Dort wurden die Räumarbeiten Mitte Dezember erfolgreich beendet.

"Üble Verletzungen"

Aus militärischer Sicht mögen solche Streubomben zwar sinnvoll sein, meinte Vera Bohle gegenüber SPIEGEL ONLINE, aus humanitärer Sicht seien sie aber katastrophal. Etwa zehn Prozent seien Blindgänger, die schon bei der geringsten Erschütterung explodieren könnten. Vor allem neugierige Kinder schwebten in größter Gefahr. Die Verletzungen seien dabei "noch übler als bei vielen herkömmlichen Minen", berichtete die Expertin in einem Telefonat aus Herat.

Für Laien Verwechslungsgefahr: Abgeworfenes Lebensmittelpaket und Streubombe in Afghanistan
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REUTERS

Für Laien Verwechslungsgefahr: Abgeworfenes Lebensmittelpaket und Streubombe in Afghanistan

Zwar gebe es in Afghanistan rund 4800 ausgebildete lokale Minenräumer, doch besäßen sie bislang keine fachliche Ausbildung im Erkennen und Räumen von Streubomben.

Generell sei das Minenräumen in Afghanistan "erheblich schwieriger als in anderen Einsatzgebieten, da so viele Parteien Minen gelegt haben und Legepläne entweder nie existierten oder verschütt gegangen sind", sagt die deutsche Expertin. Nun sei man allein auf die Aussagen der örtlichen Bevölkerung und auf eigenes Gespür angewiesen. Dabei sei das Auffinden von Minen zwar in sandigen Wüstengebieten vergleichsweise einfach, in den afghanischen Gebirgsregionen aber katastrophal schwer, weil die Suche manuell erfolgen müsste.

Den Angaben von "Help" zufolge ist Afghanistan auf Grund des seit 22 Jahren anhaltenden Bürgerkriegs eines der am stärksten verminten Länder der Welt. Meter für Meter des Landes müssen nun nach Minen durchsucht werden.

832 Millionen verseuchte Quadratmeter

Höllische Arbeit: Minensuche
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REUTERS

Höllische Arbeit: Minensuche

Bereits vor den Angriffen der Anti-Terror-Koalition waren 732 Millionen Quadratmeter vermintes Gebiet bekannt. Zusätzlich seien mehrere 100 Millionen Quadratmeter von Blindgängern verseucht, hieß es. Weitere Gebiete seien von den Angriffen der vergangenen Monate von amerikanischen Streubomben getroffen worden. Streubomben verteilten sich in einem Radius von fünf Kilometern, kämen oft nicht direkt zur Explosion und seien nur schwer zu entschärfen.

Die Hilfsorganisation "Help" ist ein gemeinnützig arbeitender Verein, der anlässlich des Krieges in Afghanistan 1981 gegründet wurde und mittlerweile weltweit tätig ist. Dem Vorstand gehören Bundestagsabgeordnete von SPD, CDU und CSU an. Schwerpunke sind Not- und Flüchtlingshilfe, Wiederaufbauhilfen und Minenräumen.

Erste Mädchenschule vor Eröffnung

"Help" plant am 12. Januar ebenfalls in Herat die erste Mädchenschule unter deutscher Betreuung zu eröffnen. Drei weitere Mädchenschulen sind in Herat geplant, die in Zusammenarbeit mit dem Malteser-Auslandsdienst errichtet werden. Herat zählt derzeit etwa 500.000 Einwohner, davon sind 300.000 Flüchtlinge.

Zusätzlich sollen in den nächsten drei Monaten Schulspeisungen für bis zu 10.000 Mädchen erfolgen, "um die Familien zu animieren, ihre Mädchen wieder zur Schule zu schicken", berichtet Projektleiter Dominik Zwicky.

Nach einem Aufruf Anfang Dezember hätten sich über 500 ehemalige Lehrerinnen bei der Provinzregierung gemeldet und auf einer Konferenz über die neuen Schulen beraten. Es sei "überwältigend, wie schnell wir hier voran kommen", urteilt Zwicky auf der Homepage von "Help". Das wünscht sich auch die Minenräumerin Vera Bohle, weiß aber auch, dass den Minenräumern in Afghanistan möglicherweise ein Endlosauftrag bevorsteht.

Holger Kulick

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