Berlin - In Kreuzberg ist es am Abend des 1. Mai zu Krawallen und Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei gekommen. Mehr als 100 Randalierer attackierten nach Augenzeugenberichten ohne ersichtlichen Grund die Polizei mit Steinen. Die Störer warfen auch Steine auf stehende Autos, zündeten Feuerwerkskörper und zerstörten Bushaltestellen.
Der Supermarkt, der in der Walpurgisnacht geplündert worden war, wurde nach Polizeiangaben erneut aufgebrochen und geplündert, danach zogen Hundertschaften auf, über dem Gelände kreisten Hubschrauber.
Die Polizei, die sich zunächst zurückgehalten hatte, setzte Tränengas ein und zog ihre Einsatzkräfte zusammen. Die Krawalle spielten sich in unmittelbarer Nähe eines bis dahin friedlichen Bürgerfestes am Mariannenplatz ab.
In Kreuzberg waren am Mittwochabend zwei Demonstrationen mit insgesamt 4000 Teilnehmern friedlich zu Ende gegangen.
Unterdessen starteten nach Polizeiangaben 6500 Teilnehmer vom Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte zur "Revolutionären 1.-Mai-Demonstration", die nach Kreuzberg führt. Von dieser Demonstration waren in den Vorjahren immer wieder Krawalle ausgegangen.
Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Im Vorfeld der Demonstration wurden Teilnehmer von der Polizei kontrolliert, dabei wurden vier Menschen festgenommen. Ihnen wurde Vermummung und das Mitführen von Brennspiritus vorgeworfen.
"An Einfältigkeit nicht zu überbieten"
Vertreter der Polizei hatten im Verlaufe des Mittwochs betont, sie setzten weiter auf ihr Deeskalationskonzept. Schutzpolizeichef Gernot Piestert sagte aber auch, die Einsatzkräfte seien auf Auseinandersetzungen vorbereitet. "Wenn es los geht, werden wir schnell sein und konsequent."
Oppositionspolitiker und Polizeigewerkschafter dagegen übten schon nach den ersten Krawallen, die in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in Kreuzberg und Prenzlauer Berg stattfanden, harsche Kritik an der Polizeistrategie. So griff der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft im Deutschen Beamtenbund, Gerhard Vogler, den Berliner Innensenator scharf an. Körtings Strategie sei gescheitert, blauäugig und naiv. Man könne nicht mit Deeskalation gegen Leute vorgehen, die seit 15 Jahren nichts als Randale wollten. "Was Körting hier gemacht hat, ist an Einfältigkeit nicht zu überbieten", sagte Vogler.
Augenzeugen hatten zuvor berichtet, die Polizei habe sich in der Nacht lange passiv verhalten. Der Berliner CDU-Bundestagskandidat Volker Liepelt erklärte, diese Zurückhaltung sei als Einladung zur Gewalt aufgefasst worden. Körting hingegen wollte am Mittwoch noch nicht beurteilen, ob sich die Strategie der Polizei bewährt habe. "Erst wenn alles vorbei ist, wird bilanziert".
"Menschenverachtendes Verhalten"
Nach den ersten Krawallen in der Nacht zum 1. Mai, bei denen 34 Randalierer nach Stein- und Flaschenwürfen festgenommen worden waren, war die Polizei am Mittwoch Abend mit einem Großaufgebot von rund 7500 Kräften im Einsatz. Darunter waren auch zahlreiche Beamte aus anderen Bundesländern. Am Heinrichplatz in Kreuzberg hatten sich schon am Abend über tausend Teilnehmer zweier linker Demonstrationszüge versammelt. Sie protestierten gegen die Verlegung der Demonstrationsroute, die ursprünglich durch das Regierungsviertel führen sollte. Allein an diesem Ort war die Polizei schon mit einem dutzend Einsatzwagen vor Ort, auch im Prenzlauer Berg wurde abermals aufgerüstet.
Bei den Krawallen waren in der Nacht zum 1. Mai nach Polizeiangaben über 80 Polizisten und zahlreiche Demonstranten verletzt worden. Im Mauerpark im Stadtteil Prenzlauer Berg sei eine junge Passantin von einer Bierflasche getroffen und sehr schwer verletzt worden. Die Polizei berichtete, die Frau habe nicht ins Krankenhaus gebracht werden können, weil Demonstranten dies verhindert und Polizeikräfte mit Flaschen und Steinen beworfen hätten.
Ein Notarzt habe die Frau vor Ort reanimieren müssen, erst später habe man sie in eine Klinik überführen können. Polizeisprecher Piestert warf den Autonomen in diesem Zusammenhang "menschenverachtendes Verhalten" vor. Auch einer der in Kreuzberg verletzten Polizeibeamten werde stationär behandelt. Ein Mann sei mit Stichwunden auf der Straße gefunden worden.
"Plus"-Markt geplündert
Die Polizei bezeichnete die Zusammenstöße im Stadtteil Prenzlauer Berg als die schwersten seit 1998. Eine Gruppe von rund 500 Angehörigen der linken autonomen Szene habe ein großes Feuer entzündet. Als die Feuerwehr den Brand löschen wollte, wurde sie den Angaben zufolge mit Flaschen, Steinen und anderen Wurfgeschossen empfangen. Die Polizei sei daraufhin mit zwei Wasserwerfern und einer Hundertschaft von Beamten gegen die Randalierer vorgegangen.
In Kreuzberg hatten den Angaben zufolge etwa 200 Menschen nach Ende eines Konzertes einen "Plus"-Supermarkt gestürmt. Als Polizisten gegen die Plünderer vorgingen, seien sie massiv mit Steinen und Feuerwerkskörpern beworfen worden. In Berlin sind Krawalle rund um den 1. Mai seit 1987 zur unliebsamen Tradition geworden. Im vergangenen Jahr wurden nach Krawallen mehr als 600 Menschen vorübergehend festgenommen.
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