Von Nicole Janz
Berlin - "Ich finde das sehr schade!“, brüllt die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth ins Mikrofon des Radio-Reporters. Sie vermag kaum die aggressiven Gitarrenklänge der Band "Rage Against The Machine“, zu übertönen, die "burn, burn, yes, you`re gonna burn“ singt. Sichtlich um Contenance bemüht steht Roth hinter der Bühne ihrer Partei am Boulevard Unter den Linden. Die Teilnehmer der großen Friedensdemo sammelten sich gerade, die Grünen wollten eine eigene kleine Kundgebung abhalten. Doch kurz bevor Roth ihre Rede halten sollte, wurde die Bühne von rund 30 Jugendlichen gestürmt. Augenzeugen berichteten, die Störer hätten gar Limonade über Roths Kopf gegossen. Das sei ein "Akt der Intoleranz" gewesen, sagt diese noch, winkt ab und will nur noch weg. Man solle doch im Grünen-Büro anrufen.
Die Jugendlichen mit bunten Haaren, die wohl größtenteils der Gruppe "Linksruck“ angehören, waren während einer Rede von Norman Birnbaum, Publizist aus Washington D.C., plötzlich auf die kleine Bühne der Grünen gestürmt und wollten ein Transparent entrollen, auf dem Murderer – Mörder – steht. "Heuchler“ und "Kriegstreiber“ hatten sie gebrüllt, bevor sie von der Polizei heruntergeholt wurden.
Jetzt stehen da oben auf der Bühne nur noch die Kameramänner und filmen, wie einige Linke skandieren: "Ihr seid die Verräter – wir sind eure Wurzeln!“. Die Kundgebung wurde abgebrochen. Fritz Kuhn, neben Roth ebenfalls Vorsitzender der Grünen, war offensichtlich sauer. Von Randalierern, die nichts anderes im Kopf haben, spricht er auf dem Platz vor der Bühne, die gerade abgebaut wird. Im Gegensatz zu Roth und Kuhn demonstriert Parteifreund Christian Ströbele Gelassenheit. Er spaziert durch die Menge und zeigt, dass ihn offenbar nichts aus der Ruhe bringen kann.
Die umstehenden Demonstranten – viele von ihnen halten grüne Luftballons mit der Aufschrift "Global Grün“ in der Hand - sind verunsichert über den Blitzüberfall und zeigen wenig Verständnis. "Ich finde, das ging ein bisschen zu weit“, sagt einer mit Rastalocken und schüttelt den Kopf. "Die Randalierer haben dem Redner gar nicht zugehört. Die hätten die Bühne gestürmt, egal wer geredet hätte. Idioten waren das“, empört sich Rita Kantemir, 62. Die Dame mit gemusterter Bluse, die ihre Jeansjacke um die Hüfte gebunden hat, arbeitet bei den Berliner Grünen im Bereich Flüchtlingspolitik. "Die Sprüche gehen an die falsche Adresse“, meint sie und schüttelt den Kopf.
Ein Gutes hat der abrupte Abbruch der Kundgebung der Grünen. Für die nächsten zwei Tage, die Präsident Bush in der Hauptstadt weilen wird, müssen sich die Grünen nicht vorwerfen lassen, sie würden randalieren. Jedenfalls sagt das Eva Quistorp, Gründungsmitglied der Grünen und ehemalige Europaparlamentarierin: "Jetzt ist wenigstens klar, dass nicht wir die Randalierer beim Bush-Besuch sind.“
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