Von Holger Kulick
Berlin - "Die sind total gaga", schimpfte der Berliner Parlamentarier Volker Ratzmann. Ein Polizist mit Dienstnummer 7036 hatte sich lautstark mit dem justizpolitischen Sprecher von Berlins Grünen angelegt, weil er und seine Begleiterin, die ehemalige Kultursenatorin Berlins, Adrienne Goehler, seinen Platzverweis nicht ernst nahmen. "Sie sind zwar Legislative, ich aber Exekutive!", wetterte der Beamte, deshalb bestimme er, welche Bewegungsfreiheit hier herrsche.
Die vielsagende Szene spielte gegen Mitternacht neben dem Deutschen Dom in Berlin, rund einen Kilometer östlich vom Brandenburger Tor, wo zu dieser Zeit US-Präsident Bush seine Suite im Luxushotel Adlon bezog. Zuvor hatte er in Begleitung von Bundeskanzler Gerhard Schröder unter anderem einen Apfelstrudel als Imbiss im Café Tucher am Brandenburger Tor eingenommen, hundert weitere Gäste hatte die amerikanische Botschaft ausgewählt.
Was sich zeitgleich am Berliner Lustgarten abspielte, bekam der Staatsgast allerdings nicht mit - das groteske Geschehen spielte sich außerhalb jeder Sicht- und Hörweite vom Brandenburger Tor ab. Dort war gegen 21 Uhr eine friedliche Demonstration von 20.000 Teilnehmern zu Ende gegangen, die gegen jedwede Kriegspolitik protestierten, zum Teil mit Spaß-Parolen wie "Oh Herr, lass Brezeln regnen" oder "Wir wollen unseren Präsidenten Bill Clinton wiederhaben".
Nur ein kleiner schwarzer Block
Unter den Demonstranten befand sich allerdings ein (polizeigezählt) 150-köpfiger schwarzer Block, der kurzzeitig versuchte, die lückenlose Polizeiabsperrung Richtung Unter den Linden zu durchbrechen. Als dies scheiterte, zündeten einzelne Demonstranten eine US-Fahne an und warfen mit Steinen und Flaschen. Polizeieinheiten versuchten wiederum einiger Straftäter habhaft zu werden und gingen ihrerseits rigoros vor. Dabei wurde auch ein SPIEGEL-TV-Journalist an der Schläfe blutig geschlagen. Um einer weiteren Eskalation vorzubeugen, erklärten die Organisatoren ihre Demonstration vorsorglich für beendet, obwohl sie bis Mitternacht den Platz angemeldet hatten.
Nun entwickelte sich ein Happening mit zeitweise dadaistischem Charakter. Die anwesenden Demonstranten wanderten nur allmählich ab. Die meisten ließen sich auf den Stufen des Berliner Doms nieder, tanzten unter den Kolonnaden des benachbarten Berliner Antikenmuseums oder ruhten sich auf der Grünfläche des Berliner Lustgartens aus. Einige duschten splitternackt in einem Springbrunnen oder wippten auf der Straße zu Trommlerklängen einer Aktion "Bush-Trommeln für den Frieden".
Erweiterte Bannmeile auch für Journalisten
Dazwischen wanderten Träger einer überdimensionalen Friedenstaube hin und her, ein mit Masken von Saddam Hussein, Osama Bin Laden und George W. Bush verkleidetes Trio sang "Ein Freund, ein guter Freund...", und die Polizeieinheiten begaben sich gruppenweise in das Getümmel, auch um über Gewalt zu diskutieren. Sogar La-Ola-Wellen wurden von den Demonstranten um sie herum getanzt. Obendrein offerierten Eisverkäufer zwischen den Fronten frisches Speiseeis, von Krawall wie noch am ersten Mai war also kaum eine Spur. Das Polizeikonzept schien dabei aufzugehen, das Bush-kritische Potenzial an diesen Ort zu binden, damit keinerlei Durchbruch Richtung Brandenburger Tor erfolgt. Selbst Journalisten mit Sonderakkreditierungen duften die Polizeiabsperrungen Richtung Westen nicht passieren. Presse-Bewegungsfreiheit gab es also nicht.
Die Polizei hatte schon seit dem Nachmittag die Touristenmeile Unter den Linden ab der Friedrichstraße gesperrt und eine in diesem Ausmaß noch nie vorhandene Sperrzone eingerichtet. Diese Sonder-Bannmeile wird aufrechterhalten, bis US-Präsident Bush am Donnerstagnachmittag nach Moskau weiterreist. "Ein Sperrbezirk wie unter Honecker", meckerten schon gestern Nachmittag die Anwohner, die nicht auf die Rigorosität dieser Absperrungen vorbereitet worden waren.
Wenig nachvollziehbarer Polizeieinsatz
Vor dem Dom griff die Polizei dann gegen 23.20 Uhr überraschend hart durch. Nach den letzten Livebildern der Tagesthemen von der Demonstration riss der Polizeiführung offenbar der Geduldsfaden, und per Lautsprecher wurde dazu aufgefordert, das Gebiet umgehend in Richtung Alexanderplatz zu verlassen, da die Anwesenden "eine Ordnungswidrigkeit von erheblicher Bedeutung für die Allgemeinheit" begehen würden.
Genauer wurde dieser Vorhalt aber nicht präzisiert, denn selbst der anwesende Pressebeamte der Polizei bescheinigte den verbliebenen Demonstranten ein "ausgesprochen friedliches Verhalten". Die Gegend um den Dom ist unbewohnt, Anwohner stört Lärm hier nicht, und die Straßen waren sowieso für den Verkehr gesperrt. Dennoch kam schließlich besagter Wasserwerfereinsatz in Gang, um die Menschen erst Richtung Alexanderplatz und von dort aus immer weiter in den Prenzlauer Berg und den Bezirk Friedrichshain zu treiben, gänzlich außerhalb jeder Hörweite des Hotels Adlon, wo Präsident Bush vermutlich schon schlief.
Misslicher Ausklang
Danach warfen wütende Demonstranten auch Schaufensterscheiben in einem Kaufhaus am Alexanderplatz, bei Burger King und einigen anderen Geschäften ein. Mehrere von ihnen nahm die Polizei vorläufig fest. Ansonsten verlor sich die Menge im Dunkeln. Am Rande des Alexanderplatzes blieb ein junger polnischer Trompeter zurück, der sich an vergleichbare Jagdszenen erinnerte, die er auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Genua miterlebt hatte. Während die Martinshörner der Polizei in der Ferne immer leiser klangen, trompetete er Melodien aus einem jugoslawischen Antikriegsfilm in die Nacht, "Underground" von Kusturica.
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