Berlin - Das Herbizid Nitrofen ist vermutlich Krebs erregend. Dies teilte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium mit. Ein Sprecher der Behörde sagte im NDR: "Sehr wahrscheinlich sind hundert Öko-Betriebe in ganz Deutschland betroffen." Auch das Bundesagrarministerium in Berlin schlägt Alarm. Eine Sprecherin sagte, neben Niedersachsen seien vermutlich auch Mecklenburg-Vorpommern und weitere Bundesländer von dem Futtermittelskandal betroffen. In Nordrhein- Westfalen wurden bereits vorsorglich zwei Ökobetriebe geschlossen.
Der niedersächsische Geflügelzüchter, auf dessen Hof der vergiftete Öko-Weizen entdeckt worden war, unterhält nach Angaben des Bundesministeriums auch Betriebsstätten in Mecklenburg-Vorpommern. Die Behörden in dem Bundesland seien informiert worden. Die Futtermittelfirma, die den betroffenen Futterweizen bundesweit vertrieben haben soll, sitze in Niedersachsen.
Nach Mitteilung des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums sind rund 100 Tonnen des betreffenden Ökoweizen aus Brandenburg im Handel. Er sei im vergangenen Jahr ausgeliefert und nach und nach verarbeitet worden. Nach Angaben aus Hannover muss davon ausgegangen werden, dass Fleisch und Eier von Geflügel, das mit dem Weizen gefüttert wurde, bereits beim Verbraucher angelangt sind.
Das Ministerium hat die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Die Ermittler prüfen mögliche Verstöße gegen das Futtermittelgesetz sowie den Verdacht auf Betrug.
Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) nannte den Skandal um Gift in Öko-Futterweizen einen "ungeheuerlichen Vorgang". "Wir müssen herausfinden, wer wann wovon wusste und seiner Meldepflicht nicht nachgekommen ist", sagte Künast am Samstag in Prag am Rande einer Veranstaltung der Heinrich- Böll-Stiftung.
Nach Auskunft des brandenburgischen Landwirtschaftsministerium wird ein Öko-Betrieb in Stegelitz in der Uckermark verdächtigt, den Weizen in Umlauf gebracht zu haben, sagte Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade am Sonnabend in Potsdam. Allerdings sei zunächst von der Unschuldsvermutung auszugehen. Spätestens von Montag an soll untersucht werden, ob das Herbizid wirklich dort in das Getreide gelangte und auf welche Weise. "Wenn es vorsätzlich verwendet worden sein sollte, um die Erträge zu steigern, wäre das ein massiver Verstoß - noch dazu im Öko-Bereich", betonte Schade. Allerdings sei nicht auszuschließen, dass das Nitrofen durch den Boden in das Getreide kam, weil es zu DDR-Zeiten nicht verboten war.
Der größte deutsche Öko-Anbauverband, Bioland, forderte eine schnelle Aufklärung, ob und in welchem Ausmaß Bioprodukte mit Rückständen belastet seien. "Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel", sagte Thomas Dosch vom Bioland-Bundesvorstand in Mainz. Fünf Bioland-Betriebe, die von der betreffenden Getreidemühle Geflügelfutter bezogen hätten, seien vorsorglich gesperrt worden. Sie dürften bis zum Abschluss der Untersuchungen keine Geflügelprodukte verkaufen.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin hatte nach Schilderung der Behörde in Hannover einen Hinweis von einem Ökoverband erhalten und diesen an das Landesministerium weitergegeben. Sofort eingeleitete Ermittlungen hätten ergeben, dass ein privates Labor in Hamburg den Stoff im Futterweizen eines Geflügelbetriebes im Landkreis Vechta bereits am 19. März nachgewiesen hatte. Der Test sei im Rahmen der betrieblichen Eigenkontrolle erfolgt. Entgegen den Vorschriften seien staatliche Stellen nicht davon informiert worden.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium kritisierte die fehlende Information der Länderbehörden durch die beteiligten Firmen. Dieses Vorgehen müsse nun von den Ländern schnell und konsequent aufgeklärt und gegebenenfalls geahndet werden. Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Bartels betonte: "Es kann nicht angehen, dass wir Monate später auf Umwegen von einem derartigen Vorgang erfahren."
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