Von Nicole Janz
Berlin - Der Fall sei nicht weitergeleitet worden, weil die Mitarbeiter der Bundesanstalt für Fleischforschung in Kulmbach von einem "lokalen Fall" ausgegangen seien, sagte Behördenleiter Karl Honikel. Die Proben, die im Januar in einem Puten-Mastbetrieb in Niedersachsen entnommen worden waren, hätten das Zehnfache des zulässigen Grenzwertes an Nitrofen ergeben, so Honikel.
Und noch ein weiteres Mal sind die Behörden einem Nitrofen-Fall nicht nachgegangen. Bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg hat ein Landwirt bereits am 2. Mai Selbstanzeige gestellt, weil sich in seinen Produkten das verbotene Pflanzengift Nitrofen befand. Das teilte der niedersächsische Landwirtschaftsminister Uwe Bartels (SPD) am Montag in einem Interview der ARD-"Tagesschau" mit. Er äußerte Unverständnis darüber, dass die Ermittler diese Information nicht weitergegeben hatten.
Auch der Babynahrunghersteller Hipp hatte bereits im April giftiges Nitrofen in einer Lieferung Öko-Putenfleisch entdeckt. Allerdings hat der Hersteller nur seinen Lieferanten und Öko-Erzeugerverband davon unterrichtet - nicht aber die Behörden.
Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hatte zuvor im Landkreis Cloppenburg bei einem Geflügel-Produzenten 230 Tonnen nitrofen-belastetes Fleisch beschlagnahmt. Es sollte nach den Erkenntnissen der Behörden nach Russland exportiert werden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Das Fleisch sei bereits am vergangenen Freitag sicher gestellt worden. Bei einer richterlichen Durchsuchung der Firma habe man Unterlagen sicher gestellt, darunter vier Ordner mit dem Vermerk "Nitrofen".
Uwe Bartels hatte auch die Vermutung geäußert, der an zahlreiche deutsche Bio-Betriebe ausgelieferte Weizen, in dem kürzlich das Herbizid Nitrofen entdeckt wurde, könnte aus Osteuropa gekommen sein. Dort sei das Unkrautvernichtungsmittel noch nicht verboten, sagte Bartels am Montag in Celle.
Anfangs hatte es noch geheißen, nur ein Betrieb aus Brandenburg habe den verseuchten Bio-Weizen als Futtermittel weiterverkauft. Das Brandenburger Agrarministerium erwartet die Analyseergebnisse aus dem Betrieb für Dienstag.
Experten vermuten, dass das gefährliche Mittel auch in anderen Betrieben in Deutschland noch verwendet wird. Laut Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung ist es seit 1988 in den alten Ländern, seit 1990 auch in den neuen verboten. Das heißt nicht, dass bereits alle Altbestände entsorgt sind. "Man hört immer wieder, dass verbotene Pestizide missbräuchlich angewendet werden", sagt Florian Schöne, Agrarreferent des Naturschutzbund Deutschland (NABU). Man dürfe nicht unterschätzen, wie viele Restbestände aus der ehemaligen DDR noch im "stillen Kämmerlein gelagert und mit der Zeit verbraucht würden", so Schöne.
Auch bei der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS), die für die Altlastensanierung der ehemaligen DDR zuständig ist, sind die Mitarbeiter nicht sicher, dass keine Nitrofen-Restbestände mehr verwendet werden. BvS-Präsident Hans Hinrich Schroeder-Hohenwarth sagt: "Man muss mit solchen Besonderheiten immer wieder rechnen.“ Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass ein Bauer die alten Mittel, die er noch von früher kenne, verbrauche. Allerdings, so Schroeder-Hohenwarth, sei das Problem nicht auf die neuen Länder beschränkt.
Ob nun im Osten oder Westen – wie Nitrofen in den Weizen gelangt sein könnte, dafür gibt es nach Ansicht von Carina Weber, Geschäftsführerin beim Pestizid Aktions-Netzwerk Deutschland, viele Möglichkeiten. Das Netzwerk, zu dem Organisationen wie Greenpeace und der in die Schlagzeilen geratene Öko-Landbauverband Naturland gehören, sammelt Informationen über die Folgen des Pestizideinsatzes weltweit. Eine Möglichkeit, so Weber, sei, dass jemand bewusst, illegal und kriminell alte Restbestände des Mittels benutze. Auch könne sie sich vorstellen, dass alte Bestände von Nitrofen fahrlässigerweise nicht vorschriftsmäßig - dicht verpackt und getrennt von Lebensmitteln - gelagert würden. "Wenn Getreide im selben Raum wie Nitrofen liegt, dann kann es schnell kontaminiert werden", so Weber. Es könne auch sein, dass nur das Verpackungsmaterial von Getreide kontaminiert worden ist. Vorstellbar sei allerdings auch, dass EU-Kandidatenländer, die sich ja bei einer Aufnahme an das Verbot von Nitrofen halten müssten, ihre Bestände beiseite schaffen wollen – und es so nach Deutschland gelangt sei.
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