Von Nicole Janz
Berlin - Als bei einem Öko-Geflügelproduzenten im Landkreis Vechta im März mit Nitrofen verseuchtes Futtermittel gefunden wurde, schien der Schuldige schnell gefunden: Die Agrarverarbeitungsgenossenschaft AVG aus Stegelitz in Brandenburg sollte die belastete Charge Weizen geliefert haben. Analysiert wurde die Probe aus Vechta im Labor Dr. Specht & Partner in Hamburg am 19. März.
Mittlerweile aber hat sich herausgestellt, dass im Getreide, das noch im Stegelitzer Öko-Betrieb gelagert war, kein Nitrofen nachweisbar ist. Eine Probe vom 2. April, die in Rostock getestet wurde, kam ebenso zu diesem Ergebnis wie die Analyse des Landesamtes für Verbraucherschutz und Landwirtschaft in Frankfurt/Oder am 27. Mai, die vom Agrarministerium Brandenburg in Auftrag gegeben worden war.
Die Konsequenz aus diesen Ergebnissen sei, so Jens-Uwe Schade, Sprecher des brandenburgischen Agrarministeriums, dass entweder der Stegelitzer Weizen auf dem Weg zu den Geflügelbetrieben kontaminiert wurde oder dass der belastete Weizen aus einem ganz anderen Betrieb komme.
Nach Informationen des Agrarministeriums Brandenburg nahm der Weizen folgenden Weg: Von Stegelitz wurde er von der Transportfirma Plöger, die ihren Sitz in Göritz hat, zur Norddeutschen Saat- und Pflanzgut AG mit Sitz in Neubrandenburg gefahren. Diese hat den Weizen gereinigt und aufbereitet, um ihn an die niedersächsische Handelsgenossenschaft GS agri weiterzuverkaufen. Zwischenhändler war nach Angaben des Agrarministeriums eine Firma namens Busse aus Nordrhein-Westfalen. Die GS agri wiederum vermischte den Weizen mit anderen Rohstoffen - Grünfutter, Mineralien - und verkaufte ihn als Mischfuttermittel an Öko-Geflügelhalter.
An welcher Stelle der Öko-Weizen aus Stegelitz mit dem verbotenen Herbizid Nitrofen in Berührung kam, ist unklar. Die Norddeutsche Saat- und Pflanzgut AG und die Transportfirma Plöger wollten am Dienstag keine Stellungnahme abgeben.
Ein Glied in der Kette allerdings muss sich neuen Vorwürfen stellen: die GS agri. Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium teilte am Dienstag mit, dass bei dem Futtermittelhersteller zwischen November 2001 und Mai 2002 bei Eigenkontrollen insgesamt 31-mal Nitrofen nachgewiesen wurde. Die Firma habe die vergifteten Bestände trotzdem bis zum 10 Mai weiterverkauft, so der niedersächsische Staatssekretär Dietmar Schulz.
Bei den untersuchten Mengen handelt es sich um 550 Tonnen Öko-Weizen und anderes Getreide. Als Lieferanten wurden neben dem Stegelitzer Betrieb ein Hof aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg, einer aus Sachsen-Anhalt und ein weiterer Betrieb aus Mecklenburg-Vorpommern genannt. Dort wurden Kontrollen angeordnet. Auffallend ist nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums Niedersachsen auch gewesen, dass die Ermittler der Staatsanwaltschaft Oldenburg in der Buchführung von GS agri bei etlichen Partien Getreide keinen Vermerk über den Produzenten fanden.
Die Firma wies die Vorwürfe jedoch brüsk zurück. Wir haben "zu keinem Zeitpunkt mit Nitrofen belastetes Tierfutter wissentlich an Abnehmer geliefert", sagte Geschäftsführer Paul Römann. Nach einem ersten Nitrofen-Nachweis in Biofutter am 11. März 2002 seien sämtliche Proben untersucht worden. Dabei sei in zertifiziertem Öko-Weizen von November 2001 ein überhöhter Wert festgestellt worden. Nach Angaben Römanns waren die betreffenden Futtermittel zu diesem Zeitpunkt bereits verbraucht.
GS agri habe "gemeinsam mit seinen Abnehmern alle möglichen Maßnahmen getroffen, um zu verhindern, dass die mit diesem Futtermittel hergestellten tierischen Produkte an die Verbraucher gelangen". Betroffene Ware sei in den Lagern gesperrt oder zurückgeholt worden. Römann verwies auch darauf, dass die Nitrofen- Belastung den Kontrollstellen und Behörden zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt war. Auch die Behörden seien nicht von einer Gefahr für die Verbraucher ausgegangen.
Bei Untersuchungen habe GS agri Ende April/Anfang Mai erneut Nitrofen belastete Proben festgestellt. Die möglicherweise mit dem verbotenen Pflanzenschutzmittel verseuchten Rohstoffe im Lager seien gesperrt, potenziell belastetes Futter sei nicht ausgeliefert und ausgeliefertes Futter zurückgerufen worden, sagte Römann. Die von Minister Bartels genannte Menge von 550 Tonnen belasteten Rohstoffen, die zu Tierfutter verarbeitet worden sein sollen, sei deshalb "nicht zutreffend und weit überhöht."
Eines könnte man allerdings recht einfach aus dem Weg räumen, meint der Sprecher des Agrarministeriums Brandenburg, nämlich den Vorwurf, dass verseuchte Proben überhaupt aus Stegelitz stammen. Dazu müsste das Labor in Hamburg die Probe des Geflügelhalters aus Vechta an das Ministerium in Brandenburg herausgeben. "Wir könnten testen lassen, ob der Weizen aus derselben Region stammt", so Sprecher Schade. Stamme die Probe aus Vechta nicht von dem verdächtigten Betrieb in Stegelitz, müsse die Herkunft woanders gesucht werden.
Allerdings erschwert das Labor in Hamburg die Ermittlungen. "Die wollen nicht einmal sagen, ob die Probe noch bei ihnen im Labor vorliegt", empört sich der Sprecher des Agrarministeriums Brandenburg. Als Grund sei genannt worden, dass nicht das Ministerium, sondern der Händler GS agri der Auftraggeber für die Untersuchung gewesen sei. Dazu erklärte ein Sprecher des Labors: "Wir können ohne Erlaubnis des Auftraggebers keine Proben oder vertraulichen Informationen darüber weitergeben." Zur Freigabe der Informationen gab der Auftraggeber keine Auskunft.
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