Berlin - Als eigentliche Quelle der Belastung von Öko-Produkten mit dem Krebs erregenden Pflanzenschutzmittel stellte sich ein Getreidelager in Malchin in Mecklenburg-Vorpommern heraus, in dem zu DDR-Zeiten Herbizide gelagert wurden. Angaben, wie lange das Getreidelager schon genutzt worden ist, liegen noch nicht vor, denn der Untergang der DDR liegt immerhin schon 12 Jahre zurück.
Bundesverbraucherministerin Renate Künast richtete schwere Vorwürfe an den Raiffeisen-Verband, während Bauern Futtermittel-Hersteller verklagen wollen. Zudem wurde bekannt, dass Länderbehörden schon früh über die Belastung informiert waren.
In der belasteten Halle wurde der Öko-Weizen zwischengelagert, wie Künast und ihr Schweriner Kollege Till Backhaus am Samstag mitteilten. Die Halle wurde von der Norddeutschen Saat- und Pflanzgut AG Neubrandenburg (NSP) angemietet, die den aus Stegelitz in Brandenburg stammenden Weizen zwischenlagerte und an den niedersächsischen Futtermittelproduzenten GS agri lieferte. Der NSP-Betrieb und alle Niederlassungen in anderen Bundesländern wurden gesperrt. Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt ermitteln.
Bei einer Nachprüfung in Malchin ergab eine Fegeprobe 2.000 Milligramm Nitrofen pro Kilogramm Staub. Backhaus bestätigte einen Bericht des "Spiegels", wonach bei einer Probe von GS agri neben Nitrofen drei weitere verbotene Pflanzenschutzmittel entdeckt wurden.
Schröder will Agrarwende forcieren
Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte beim SPD-Parteitag in Berlin, der Skandal zeige, dass die Agrarwende wichtiger denn je sei und nicht "an den überkommenen Strukturen des Bauernverbandes" zerbrechen dürfe. Künast warf dem Deutschen Raiffeisenverband, dem bis auf ein Unternehmen alle Akteure des Skandals angehörten, vor, die Öffentlichkeit nicht informiert zu haben.
Der Verband wies die Vorwürfe zurück und erklärte, die bei ihm zusammengeschlossenen selbstständigen Unternehmen seien in eigener Verantwortung tätig. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (Abl) kündigte eine Klage gegen NSP und GS agri an. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace forderte, auch Hersteller von Pflanzengiften zur Verantwortung zu ziehen.
Ministerium dementiert frühe Kenntnisse
Künasts Ministerium dementierte Medienberichte, wonach Mitarbeiter des Hauses schon Ende März von Nitrofen erfuhren. Zwar habe es ein entsprechendes Gespräch im Haus gegeben, aber die Teilnehmer, je ein Vertreter eines Agrarbetriebs und der Bundesanstalt für Fleischforschung, hätten bestätigt, dass kein Ministeriumsmitarbeiter dabei gewesen sei, sagte ein Sprecher der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".
Ein Sprecher des Brandenburger Landwirtschaftsministeriums bestätigte der Zeitung, dass bereits am 10. April ein Brief vorlag, der über das Nitrofen-Problem informierte. In Niedersachsen informierte der Zeitung zufolge eine Kontrollstelle am 2. Mai die Bezirksregierung Lüneburg.
Der Sprecher des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums betonte, das Verfahren gegen GS agri laufe weiter. Man habe dem Unternehmen nie zur Last gelegt, Quelle der Verunreinigung gewesen zu sein, es habe aber belastetes Futter in Verkehr gebracht und damit gegen seine Sorgfalts- und Meldepflichten verstoßen.
Vorwürfe gegen Ökoprüfstelle in Sachsen-Anhalt
Unterdessen erhob Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) Vorwürfe gegen die private Öko- Prüfstelle "Grünstempel" in Sachsen-Anhalt. Sie sei für die Zertifzierung der Norddeutschen Saat- und Pflanzengut AG (NSP) zuständig gewesen, sagte Backhaus am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur in Rostock. Es müsse geklärt werden, ob die Prüfstelle gewusst habe, wo das Getreide gelagert wurde.
"Die spannende Frage ist: Hat die Prüfstelle von der Kontaminierung gewusst - und vor allen Dingen, seit wann", sagte Backhaus. Jeder ökologisch-landwirtschaftliche Betrieb erhalte eine Zertifizierung. Es müsse geklärt werden, ob diese erteilt worden sei, ohne dass "Grünstempel" das Lager der NSP bei Neubrandenburg besichtigt habe.
Weitere Betriebssperrungen
Nach der weitgehenden Klärung des Nitrofen-Skandals sind zwei Zweigstellen der NSP in Aschersleben und Weißenfels am Wochenende wie das verseuchte Lager der Firma bei Neubrandenburg gesperrt worden. In den beiden Betrieben hätten Polizei und Tierärzte Staub- und Saatgutproben entnommen, sagte eine Sprecherin des Agrarministerium am Sonntag. Sie würden auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln untersucht.
Ebenfalls gesperrt wurde in Sachsen-Anhalt am Wochenende ein weiterer Bio-Geflügelhof. Es bestehe der Verdacht, das auch in diesem Betrieb Eier und Geflügel mit Nitrofen verseucht worden sind, sagte die Ministeriumssprecherin. Das Unternehmen sei von der niedersächsischen Firma GS agri beliefert worden. Der Futtermittelproduzent soll monatelang Nitrofen-Funde verschwiegen und verseuchten Futterweizen weiter ausgeliefert haben.
Bereits zuvor waren in Sachsen-Anhalt fünf Bio-Geflügelhöfe wegen des Nitrofenverdachts gesperrt worden. Bei einem Betrieb waren Ende vergangener Woche in Öko-Eiern und Futtermittel Rückstände des Krebs erregenden Pflanzengifts gefunden worden. Ein weiterer Betrieb wurde mittlerweile wieder freigegeben, nachdem bei den Untersuchungen keine Nitrofenrückstände gefunden worden waren. Dabei handelt es sich um den Bio-Geflügelhof Eskildsen in Deersheim (Landkreis Halberstadt).
Bei drei Betrieben wurde in Geflügel und Eiern ebenfalls kein Nitrofen entdeckt. Die endgültigen Ergebnisse der Futtermittelproben dieser Geflügelhöfe stehen jedoch noch aus. Überprüft wird in Sachsen-Anhalt zudem ein Futtermittelhersteller in der Altmark, der Weizen nach Niedersachsen geliefert haben soll
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