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03.06.2002
 

Öko-Futter

Nitrofen-Verseuchung auch bei Schweinen

Nach der Aufklärung über die Ursachen des Nitrofen-Skandals erweist es sich, dass verseuchtes Öko-Tierfutter offenbar weiter gestreut wurde als gedacht. Nach Rinder- und Schweinemastbetrieben in Niedersachsen ist das vergiftete Futter auch in die Schweinemast in Nordrhein-Westfalen gelangt.

Der Nitrofen-Skandal trifft die Landwirtschaft auch in der Schweinemast
AP

Der Nitrofen-Skandal trifft die Landwirtschaft auch in der Schweinemast

Mainz - Die Landwirtschaftskammer Rheinland in Bonn hat einen Prüfbericht veröffentlicht, laut dem das "Öko-Ergänzungsfutter fein" für Schweine hochgradig belastet ist. Das teilte das ZDF mit. Ein Landwirt aus dem Raum Paderborn habe das vom Tierfutterlieferanten GS agri in Niedersachsen gekaufte Futter im Labor untersuchen lassen. Laut Prüfbericht wurde in der Schweinespeise ein um das Achtfache erhöhter Nitrofenwert ermittelt.

In einer Futtervariante, dem so genannten "pelletierten Schweinemastfutter" seien sogar noch deutlich höhere Werte gemessen worden, hieß es. Bisher seien Nitrofen-Rückstände nur im Körnerfutter nachgewiesen worden. Jetzt sei erstmals ein Futterzusatz betroffen, der nicht aus Getreide bestehe. Ein Teil der mit dem Öko-Futter gemästeten Schweine des betroffenen Hofes solle jetzt getötet werden, um herauszufinden, ob auch ihr Fleisch ebenfalls mit Nitrofen verseucht ist.

In Mecklenburg-Vorpommern hat eine Sonderkommission des Landeskriminalamtes mit 21 Beamten Ermittlungen aufgenommen. Dort wird seit Samstag gegen die Norddeutsche Saat- und Pflanzgut AG (NSP) Neubrandenburg wegen Verdacht des Verstoßes gegen das Futtermittelgesetz ermittelt.

Die NSP war nach eigenen Angaben über die frühere Nutzung einer Lagerhalle in Malchin nicht informiert, in der das Getreide mit dem Gift in Berührung gekommen sein muss. Im Mietvertrag sei ausdrücklich die Nutzung der Halle zur Zwischenlagerung von Getreide vereinbart, teilte die NSP-Geschäftsführung am Montag mit. Den Namen des Vermieters wollte der Firmensprecher nicht nennen. Der Vermieter habe nicht auf Vornutzungen hingewiesen, die dem vertraglich vereinbarten Nutzungszweck entgegenstehen.

Hat die Öko-Prüfstelle versagt?

Die Geschäftsführung der NSP wies weiter darauf hin, dass die Halle, die seit August 2001 gemietet ist, sauber übergeben worden sei. Die Grünstempel Ökoprüfstelle habe die Öko-Abteilung der NSP mit der Betriebsstätte in Malchin inspiziert. Hinweise zu Risiken in der Lagerhaltung oder Beanstandungen habe es nicht gegeben.

Als Konsequenz aus dem Nitrofen-Skandal wollen die Grünen, kurz nachdem das von Grünen-Ministerin Renate Künast konzipierte Verbraucherschutzgesetz im Bundesrat gescheitert ist, die Hersteller und Händler gesetzlich verpflichten, in gravierenden Fällen Rückrufaktionen gegenüber Verbrauchern und Behörden öffentlich zu machen. Dazu solle das Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz erweitert werden, beschloss der Parteirat der Grünen in Berlin.

Die Grünen nehmen die Bio-Bauern ausdrücklich in Schutz. Sie treffe keine Schuld an den Verunreinigungen des Futtergetreides, heißt es in dem Beschluss. Auch seien die Nitrofen-Funde "allein auf die besonders strengen Qualitätskontrollen" der Hersteller von Bio-Lebensmitteln zurückzuführen. Allerdings sei "ein Teil der Fehler auch im Ökobereich zu suchen". Genannt wird die "stille" statt öffentlicher Rückholaktion.

Der Grünen-Vorsitzende Fritz Kuhn übte scharfe Kritik an den Aufsichtsgremien der am Nitrofen-Skandal beteiligten Raiffeisen- Betriebe. Insbesondere die Aufsichtspersonen aus den Reihen des Deutschen Bauernverbandes müssten das Versagen in diesem Skandal lückenlos aufklären.

Für viele Öko-Bauern bedeutet der Nitrofen-Skandal starke Einkommenseinbußen. In Nordrhein-Westfalen bereitet sich eine Interessengemeinschaft darauf vor, Schadensersatzforderungen zu stellen. Wie der Landwirtschaftsverband Westfalen-Lippe am Montag mitteilte, werden die Betriebsleiter von Ökobetrieben von zwei Münsteraner Anwälten unterstützt, die beim niedersächsischen Futterlieferanten GS agri ihre Ansprüche geltend machen wollen. Auch im Agrarministerium werde darüber beraten, ob und wie den Landwirten Rechtshilfe gewährt werden kann, sagte ein Sprecher in Düsseldorf.

Trotz der positiven Nitrofentests in Futter- und Fleischproben aus nordrhein-westfälischen Ökobetrieben sind nach Ministeriumsangaben bislang keine Tötungsaktionen angelaufen. Es werde jeweils im Einzelfall entschieden. Bereits geschlachtete Tiere aus den gesperrten elf Höfen kämen keinesfalls in den Handel.

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