Berlin - Mit einem Eilbericht über den Nitrofen-Skandal wollen die Staatssekretäre die möglichen EU-Sanktionen gegen Deutschland in letzter Minute abwenden. Sollte dies nicht gelingen, wird die EU-Kommission möglicherweise ein befristetes Verkaufsverbot für deutsche Öko-Lebensmittel verhängen. Noch am Abend wollen die Staatssekretäre einen Katalog von Maßnahmen nach Brüssel senden, in dem dargelegt werden soll, was sie zur Eindämmung des Nitrofen-Skandals zu unternehmen gedenken.
Belgien hat bereits Konsequenzen aus dem deutschen Umgang mit dem möglicherweise krebserregenden Nitrofen gezogen. Deutsche Lebensmittel ohne das Zertifikat "Nitrofen-frei“ sollen nicht mehr aus Deutschland eingeführt werden dürfen. Die EU-Kommission wird sich auch mit der Ankündigung Belgiens befassen, Getreide, Getreideprodukte und tierische Erzeugnisse aus Deutschland streng zu kontrollieren. Die belgische Regierung hätte die EU-Behörde zuvor konsultieren müssen, hieß es. Belgien begründete den Schritt mit verwirrenden Informationen. Gesundheitsministerin Magda Aelvoet sagte: "Welch ein Durcheinander. Mal erzählen uns die Deutschen, sie kennen die Quelle der Verseuchung, dann wieder nicht. Mal sagen sie uns, es seien nur Bioprodukte betroffen, dann wieder nicht.“
Unter dem Druck der EU waren die Ermittlungen in Deutschland noch einmal verstärkt worden und hatten neue Erkenntnisse ans Licht gebracht. Aus einer verseuchten Lagerhalle in Malchin (Mecklenburg- Vorpommern) wurde schon einen Monat früher als angenommen Futtergetreide an Öko-Betriebe ausgeliefert. Damit erhärtet sich nach Ansicht des Berliner Ministeriums die Annahme, dass Malchin die einzige Quelle für Nitrofen-Verseuchung ist.
Brüssel wolle zunächst weitere Informationen aus Berlin abwarten, sagte die Sprecherin von Verbraucherschutzkommissar David Byrne, Beate Gminder, am Sonntag. "Es ist noch nichts entschieden“, sagte sie. Ein befristetes Verkaufsverbot würde auch für Deutschland selbst gelten. Dazu wäre eine einstimmige Entscheidung der Kommissare nötig.
Der deutsche Agrar-Staatssekretär Alexander Müller (Grüne) ging nicht von einem generellen Verkaufsverbot für Öko-Lebensmittel aus. Er wies darauf hin, dass in Deutschland bereits 90 Öko-Betriebsstätten gesperrt seien. Außerdem arbeiteten eine Reihe von Betrieben auch mit selbst produziertem Futter. "Wir werden der Kommission jetzt alle Fragen zu Malchin beantworten“, sagte Müller.
Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel machte Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) für mögliche Sanktionen verantwortlich. "Frau Künast ist dafür verantwortlich, wenn jetzt dem deutschen Ökobauern schwere Nachteile entstehen“, sagte Merkel der Passauer Wochenzeitung "Am Sonntag“. Künast habe es nicht geschafft, "die Informationen in ihrem Ministerium so fließen zu lassen, wie es sich gehört“.
Neue Erkenntnisse über den Nitrofen-Skandal lieferte nach Angaben des Bundesministeriums die Buchprüfung eines Zwischenhändlers. Danach waren 19,8 Tonnen Futtergerste aus der Halle in Malchin bereits am 31. Juli an die niedersächsische Futtermittelfirma GS agri geliefert worden. Bisher hatte es geheißen, die Malchiner Halle sei erst am 1. August 2001 angemietet und Getreide erst ab 6. September an GS agri geliefert worden.
Die bislang rätselhaften Nitrofen-Funde in bereits im September produzierten Würstchen der Firma Meica seien damit möglicherweise zu erklären, sagte Agrar-Staatssekretär Müller. Die Puten könnten in der Endmast bereits mit dem Getreide aus Malchin gefüttert worden sein.
Das Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen ist bei Tieren Krebs erregend und Embryo schädigend. Bei Menschen halten Wissenschaftler das Krebsrisiko im aktuellen Fall aber für gering.
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