Von Holger Kulick
Was Angela Marquardt während ihrer Zeit als Stasi-Informantin verriet, wann ihr eigentlicher IM-Vorlauf begann und wann ihre Stasi-Kontakte endeten, geht nur begrenzt aus den freigegebenen Unterlagen hervor.
Zur Verfügung steht daher nur ein Bericht vom 27.9.89, der unmittelbar nach ihrem 18. Geburtstag und kurz vor der Wende entstand. Darin berichtet "IMS Katrin Brandt" ihrem Greifswalder Führungsmajor "Hille", wie in der Klasse 12b der Erweiterten Oberschule (EOS) über die Reformbewegung "das neue Forum in Leipzig" diskutiert worden sei. Dabei berichtet sie relativ offen: "Fragen sind solche: - Wieso wird das abgelehnt, wenn die echt begründet Reformen und Veränderungen von wirklichen gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten wollen? - Wieso ist das Eintreten für Veränderung in der DDR für das Wohl des Volkes staatsfeindlich? - Wenn man nicht mal in der Zeitung schreibt, was die wollen, dann kann man nicht urteilen und ist entmündigt."
"Generell" finde das neue Forum Anklang in der Klasse, aber "keine begründete Zustimmung", berichtet Marquardt ihrem Führungsoffizier. Sie kenne nur einen "einzigen", der "das neue Forum toll findet", verrät sie dann. Der arbeite im Kernkraftwerk Greifswald und sei 20 oder 21 Jahre alt, aber sie wisse das nicht von ihm direkt sondern nur über ihn.
Vermeintlichen DDR-Flüchtling verraten
Von dem namentlich genannten jungen Mann verrät sie dann laut Akte ein Fluchtvorhaben, von dem sie nur vom Hörensagen weiß. Er habe ursprünglich bei einem Ungarn-Urlaub im Sommer fliehen sollen, dazu habe ihm seine Mutter geraten, weiß sie zu berichten.
"XY (der Name ist geschwärzt) sagte mir, dass die Mutter im Westen Verwandte hat und mit denen abgesprochen haben soll, dass er von Ungarn aus in die BRD geholt wird. Ein Auto sollte da auch bereit stehen und drüben sollte schon Arbeit geregelt sein. XY sagte mir noch, dass sich die Mutter von ... echt empört hat, dass er zurückgekommen ist und dass nun alles umsonst war. XY hatte wohl echt geschwankt, aber dann kalte Füße gekriegt. Mehr weiß ich dazu nicht und kann auch den XY nicht dazu fragen, ohne aufzufallen. Katrin Brandt".
In ihrer schriftlichen Erklärung vom Dienstagabend deutet sie dagegen an, von der Stasi für solche Informationen abgeschöpft worden zu sein. Nach dem Wegzug ihrer Eltern habe sie ab Herbst 1987 an Wochenenden bei einem "langjährigen Freund der Familie" gewohnt, der mit einer schriftlichen Erklärung für das Jugendamt die Verantwortung für sie übernahm. Dieser "väterliche Freund" habe "mit dem MfS zusammengearbeitet", habe sie "erst nach der Wende" erfahren. Näher beschäftigt sie sich aber mit dem entsprechenden Stasitreffbericht nicht.
Dass Angela Marquardt irgendwann mit der Enthüllung ihrer Stasi-Zuarbeit gerechnet haben muss, lässt sich aus einer Zeile auf ihrer Homepage deuten. Dort dokumentiert sie eine Jugendweiherede, in der es heißt: "Man kann seine Vergangenheit nicht abschütteln wie Staub von der Jacke. Und das ist auch gut so".
Persönliche Konsequenzen?
Für das lange Verheimlichen ihrer Stasi-Erfahrungen werden in der PDS auch persönlichen Konsequenzen der Abgeordneten für möglich gehalten, heißt es in Fraktionskreisen. Die Fraktionsführung nahm sie allerdings in Schutz, denn Marquardt sei "nur Objekt, nicht Subjekt der Stasi" gewesen. In der Partei gilt die nach Außen hin eher unsicher wirkende Marquardt als Vertreterin des linken Flügels, der sich aber streitbar von den ideologisch fixierten Vertretern der Kommunistischen Plattform abgrenzt.
Stattdessen versteht sich Marquardt als Brückenbauerin zur außerparlamentarischen und autonomen Linken, insbesondere zur so genannten Antifa. Solche "integrative Politik" habe dazu geführt, "einzelne von spektakulären Aktionen abzubringen", wird sie 1995 im "Neuen Deutschland" zitiert. Gleichwohl rechtfertigt Angela Marquardt auch Gewalt gegen Rechts: "Ich weine bestimmt nicht, wenn ein Fascho eins aufs Maul kriegt", zitierte sie die mittlerweile eingestellte "Wochenpost". Radikale Antifa-Politik linker Gruppen lobt sie bis heute auf ihrer Homepage: "Antifa-Politik ist Notwehr. Sie ist unerlässlich. Sie ist Pflicht, nicht Kür."
Keine DDR-Nostalgikerin
DDR-Nostalgikerin ist Marquardt in ihren Reden aber nicht. Sie lehnt eine "Rückwendung zum poststalinistischen DDR-System" kategorisch ab. Allerdings bezeichnet sie die DDR genauso als als "Repressionsstaat" wie die "BRD" und betont, dass es ihr in der Politik um "grundsätzliche Alternativen zum Kapitalismus" gehe.
In der Strategieplanung der PDS erfüllt Angela Marquardt auf diese Weise die Rolle, die autonome Linke in das PDS-Spektrum einzubinden. So tritt sie regelmäßig als Anmelderin linker Mai-Demonstrationen in Kreuzberg auf. Zeitweise ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen sie, weil sie auf einer früheren Homepage einen Link zur linksradikalen Zeitschrift "radikal" gesetzt hatte, mehrere Prozesse endeten aber ohne einen Schuldspruch.
Stasi-kalkulierte Politkarriere?
Ob Angela Marquardts PDS-Karriere einem Stasi-Kalkül folgte, lässt sich bislang nicht belegen. Allerdings fällt auf, dass sie in der Beschreibung ihrer Jugend mit einer unpolitischen Haltung kokettiert, obwohl sie so eng mit dem System verwoben war. In einer "Art Biografie", die sie unter diesem Titel auf ihrer Homepage veröffentlicht, schreibt sie voller Distanz in der dritten Person über ihre Jugendzeit: "Politik, das war zu der Zeit gleichbedeutend mit SED. Sie hat sich nicht dafür interessiert". Erst nach der Wende habe sie sich als Hausbesetzerin "bei der wiedergegründeten SDP engagiert. Aber die taten sich mit der Akzeptanz ihrer Punk-Freunde und ihres neuen Wohnort zu schwer", heißt es in der Internet-Selbstdarstellung.
Unmittelbar nach der Wende habe sie "über die Arbeit im besetzten Haus Mitglieder jener Partei kennen gelernt, in die sie bis 1989 nie eingetreten wäre: der SED", schreibt sie. Weiter heißt es dann: "Über die Kontakte mit den 'alten' Genossen kam Angela Marquardt 1990 zur SED-PDS".
Solche Formulierungen öffnen Spekulationen breiten Raum, dass auch Angela Maquardt in die Reihe der verlässlichen Politiker gehörte, auf die eine DDR-Reformfraktion innerhalb der Staatssicherheit baute. Einige MfS-Offizieren waren offenkundig darauf bedacht, verlässlichen Genossen das weitere Schicksal der SED anzuvertrauen. So werden mit Stasi-Connections inzwischen mehrere Prominente PDS-Politiker in Verbindung gebracht, darunter die Bundestagsabgeordneten Rolf Kutzmutz, Heinrich Fink, Christa Luft sowie zwei Pressesprecher der PDS.
Nur bekennen, was ans Licht kommt?
Im Rückblick deuten auch Äußerungen von PDS-Aussteigern auf eine solche Verbindung hin. So trat im Januar 1995 die ehemalige "Junge Welt"-Journalistin Karin Dörre aus der PDS und ihrem Bundesvorstand aus, weil sie den Reformsozialisten mangelnde Aufarbeitung in eigener Sache vorwarf:
"Machen wir uns nichts vor: Alles wurde verschwiegen, bis die Presse die Vergangenheit ans Licht zerrte. Für den IM der Staatssicherheit und Berliner Landesvorsitzenden Wolfram Adolphi wurde André Brie ins Rennen geschickt, der dann auch zurücktreten musste, weil er ebenfalls seine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit verheimlicht hatte".
Stattdessen rückte damals Angela Marquardt bis zur stellvertretenden Parteivorsitzenden auf.
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