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10.06.2002
 

Nitrofen-Skandal

Malchin ist der "Kopf der Pyramide"

Im Nitrofen-Skandal sind Ermittler inzwischen davon überzeugt, dass das verseuchte Öko-Getreide aus einer einzigen Quelle stammt. Der mit dem Pflanzenschutzmittel belastete Boden einer ehemaligen Pestizid-Lagerhalle in Mecklenburg-Vorpommern soll der Ursprung des Skandals sein.

Nitrofen: Halle offenbar die einzige Quelle
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DDP

Nitrofen: Halle offenbar die einzige Quelle

Berlin/Brüssel/Schwerin - Damit sahen sich Bundesregierung und Behörden am Montag in ihrer Annahme bestätigt, dass die Halle in Malchin (Mecklenburg-Vorpommern) die einzige Quelle der Verseuchung mit dem giftigen Pflanzenschutzmittel ist. Die EU fällt frühestens an diesem Dienstag eine Entscheidung über ein mögliches europaweites Vermarktungsverbot für deutsche Bioprodukte.

Über Jahre hinweg sei Pflanzengift aus lecken Fässern ausgelaufen und in den Boden eingesickert. Bei neuen Analysen seien im porösen Hallenboden Konzentrationen von bis zu 77,9 Gramm Nitrofen je Kilogramm ermittelt worden, sagte der Chef des Landeskriminalamtes (LKA), Ingmar Weitemeier, in Schwerin. Der amtliche Grenzwert für Lebensmittel liegt mit 0,01 Milligramm millionenfach niedriger.

Beim Verladen des Getreides mit Radladern wurde der Boden nach Erkenntnissen der Ermittler offenbar aufgeraut. Kontaminierter Staub gelangte so in das Getreide, das dann an den niedersächsischen Futtermittelhersteller GS agri geliefert wurde. Laut Weitemeier lagerten in der Malchiner Halle noch Mitte der 90er Jahre 88 Tonnen Pflanzenschutzmittel, darunter 17 Tonnen des DDR-Pflanzengiftes Trizillin mit dem Wirkstoff Nitrofen. Die Norddeutsche Saat- und Pflanzgut AG (NSP) hatte die Malchiner Halle seit August 2001 als Getreidelager angemietet und GS agri beliefert.

"Malchin ist der Kopf einer Pyramide, von dem aus Nitrofen in Futter- und Lebensmittel gelangte", sagte der Agrarminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD). Weitere Quellen seien nicht bekannt. Die Staatsanwaltschaft ermittele dennoch weiter "in alle Richtungen." LKA-Chef Weitemeier wies Spekulationen um andere Verseuchungswege zurück.

Hallen-Vermieter: Verseuchung war bekannt

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll nun auch geklärt werden, ob bei der Lagerung des Getreides in der verseuchten Halle fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt wurde. Der Vermieter der Halle, Bernd Walte, sagte der Zeitschrift "Super Illu", alle Mieter der Halle hätten gewusst, dass dort zu DDR-Zeiten Pflanzengifte lagerten. Die frühere Nutzung könne man auch im Grundbuch, im Treuhandvertrag und in den Mietverträgen nachlesen. Daraus gehe hervor, dass die letzten Pflanzenschutzgifte in Malchin erst 1995 entsorgt worden seien.

Am Dienstag will der Ständige Lebensmittelausschuss in Brüssel über die Folgen des Skandals beraten. Das Bundesverbraucherministerium zeigte sich zuversichtlich, dass auf Deutschland keine EU-Sanktionen zukommen. Nach ersten Anrufen habe das Ministerium aus Brüssel "Signale bekommen, dass die Sachlage jetzt eine ganz andere ist", sagte eine Sprecherin. Sie sei zuversichtlich, dass die Kommission davon überzeugt werden könne, dass das Nitrofen-Problem auf eine Quelle eingegrenzt worden sei. Der zuständige Abteilungsleiter im Ministerium wollte den Angaben zufolge am Montagnachmittag in Brüssel mit ranghohen EU-Beamten über die Erkenntnisse im Nitrofen-Skandal reden.

Bisher keine Entscheidung der EU

Die Sprecherin von EU-Verbraucherschutzkommissar David Byrne, sagte aber, die Haltung der Kommission sei offen. "Wenn Gefahr für die Gesundheit der Menschen besteht, könnte man einen Vermarktungsstopp für bestimmte Produkte in ganz Europa aussprechen.! Allerdings könne es genauso gut sein, dass keine Maßnahmen ergriffen werden.

Unterdessen traten am Montag die umstrittenen Maßnahmen der der belgischen Regierung in Kraft, bestimmte Erzeugnisse aus Deutschland nur mit einem Zertifikat "nitrofen-frei" ins Land zu lassen. Der EU- Lebensmittelausschuss will bei seinem Treffen am Dienstag auch über die einseitigen belgischen Sanktionen beraten.

Im niedersächsischen Kreis Diepholz wurden am Montag weitere 9000 mit Nitrofen belastete Masthähnchen und Legehennen getötet und anschließend verbrannt. Bereits am Freitag waren im Auftrag des Geflügelhalters 11.000 Tiere getötet worden. Insgesamt sind allein im Kreis nach bisherigen Erkenntnissen der Behörden rund 50.000 Tiere aus 51 Ställen mit Nitrofen belastet.

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