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13.06.2002
 

Nitrofen-Skandal

Bauern beschuldigen die "Futtermittel-Mafia"

Der Nitrofen-Skandal hat auf weitere Bundesländer übergriffen. Nach Mecklenburg-Vorpommern wurden auch in Brandenburg und Niedersachsen Bauernhöfe gesperrt. Von Seiten der Landwirte gibt es jetzt heftige Vorwürfe gegen die Futtermittel-Industrie

Die Quelle des Skandals: Das Getreidelager in Malchin
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AP

Die Quelle des Skandals: Das Getreidelager in Malchin

Berlin/Schwerin - Die Suche nach verseuchtem Futter und belasteten Lebensmitteln läuft jetzt bundesweit. Am Donnerstag waren nach neuen Funden Nitrofen-verseuchter Futtermittel insgesamt fast 450 Bauernhöfe gesperrt. Betroffen sind Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Niedersachsen. Der mecklenburgische Agrarminister Till Backhaus (SPD), dessen Bundesland am schwersten betroffen ist, sprach von einer dramatischen Situation.

Entgegen ersten Ankündigungen wurden in Mecklenburg-Vorpommern allerdings statt 500 lediglich 399 Agrar-Betriebe gesperrt. Die ersten von ihnen könnten zum Wochenende wieder geöffnet werden. Die Tests seien aber frühestens Ende nächster Woche abgeschlossen. Unter den gesperrten Betrieben ist der mit 65.000 Tieren größte Schweinemastbetrieb Mecklenburg-Vorpommerns in Losten nördlich von Schwerin.

In Brandenburg wurden 38 Agrarbetriebe wegen Nitrofen-Verdachts vorsorglich geschlossen. Darunter sind Öko-Höfe und konventionelle Betriebe, hieß es im Agrarministerium. In Niedersachsen sperrten die Behörden sechs Betriebe. In Sachsen-Anhalt sollen drei Betriebe mit verdächtigem Futtermittel der Firma Fugema beliefert worden sein. Das werde überprüft.

Bei einem südhessischen Großhändler sind in dieser Woche rund 200 Kilogramm Nitrofen belastete Ei-Produkte für Bäckereien sichergestellt und vernichtet worden, teilte Hessens Sozialministerium mit. Rund 800 Kilogramm aus der Charge seien an die Verbraucher gegangen und wahrscheinlich verzehrt. Es habe keinerlei Gesundheitsgefahr bestanden, sagte Stefan Hörnig von der Lebensmittelkontrolle beim Ministerium. Die Eier stammten von einem niedersächsischen Bio-Eierhersteller.

Aus dem ehemaligen DDR-Pestizidlager in Malchin waren im vergangenen Dezember 72 Tonnen Weizen an das Futtermittelwerk Fugema geliefert und mit 6000 Tonnen Getreide vermischt worden. Daraus sind nach Angaben der Behörden 50.000 Tonnen konventionelles Futtermittel für Schweine, Hennen und Rinder hergestellt und ausgeliefert worden. Bislang war Nitrofen nur in Bio-Futtermitteln nachgewiesen worden.

Händler wollen Sicherheit

Einige deutsche Handelsketten reagierten am Donnerstag mit Kontrollen ihrer Produkte. Die Edeka AG mit mehr als 10.000 Einzelhandelsgeschäften gab bekannt, dass keiner der gesperrten Betriebe Lieferant des Unternehmens sei. Die Supermarktkette Netto mit 180 Geschäften in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg will von ihren Fleischlieferanten erneut Unbedenklichkeitserklärungen einholen.

Viele Supermärkte und Kaufhäuser sehen jedoch aktuell keinen Handlungsbedarf. Bereits zu Beginn des Skandals Ende Mai seien vorsorglich auch konventionell erzeugte Lebensmittel unter die Lupe genommen worden, teilten Sprecher mehrerer Handelsketten mit. Darunter sind Deutschlands größter Handelskonzern Metro (Real, Extra, Kaufhof), Deutschlands größte Warenhauskette Karstadt und der Bielefelder Handelskonzern AVA (175 Marktkauf-Filialen).

Filz-Vorwürfe gegen "Futtermittel-Mafia"

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) hat die Futtermittel-Industrie scharf angegriffen. "Wir haben es mit einer verfilzten Futtermittel-Wirtschaft zu tun, die verschweigt, was sie weiß, und durch das Untermischen von kontaminiertem Getreide Hunderte von Betrieben lahm legt", kritisierte der AbL-Bundesvorsitzende, Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, am Donnerstag im westfälischen Hamm. "Das sind nicht mehr Nachlässigkeiten Einzelner, hier betreibt eine ganze Futtermittel-Mafia ihr Geschäft auf Kosten von Bauern und Verbrauchern."

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, forderte die Futtermittelindustrie auf, einen Beitrag zur Aufklärung des Skandals zu leisten. Pauschalvorwürfen von Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) wollte sich Sonnleitner aber nicht anschließen

Dem Künast-Ministerium warf der Bauernpräsident Versagen hinsichtlich des Kontroll- und Meldesystems vor. Die Ministerin müsse daher die politische Verantwortung für den Skandal übernehmen. Der Raiffeisenverband wies die Vorwürfe Künasts als haltlos und Ablenkungsmanöver zurück.

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