Hamburg - Der früheste Nachweis des Wachstumshormons MPA (Medroxy-Progesteron-Acetat) in Produkten in Deutschland stammt nach Angaben des Bundesverbraucherministeriums aus Getränke-Rückstellproben von Anfang 2001. Der den MPA-Verseuchungen zu Grunde liegende Glukosesirup kam von der belgischen Firma Bioland, die nichts mit dem deutschen Verband gleichen Namens zu tun hat. Sie hatte irische Arzneimittel-Abfälle in dem Sirup verarbeitet.
Die belasteten Produkte gelangten nach neuen Erkenntnissen mindestens über die Dauer von 18 Monaten in die Bundesrepublik. Noch bis vergangenen Mittwoch wurden MPA-belastete Futtermittel in mindestens sechs Bundesländer geliefert. Zwischen dem 3. Juni und dem 10. Juli kamen nach Angaben des Bundesverbraucherministeriums in Berlin in 1300 Lieferungen rund 8500 Tonnen MPA-belastete Futtermittel aus den Niederlanden in die Bundesrepublik.
Der jüngste Skandal hat erneut enorme Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Nordrhein-Westfalens Verbraucherschutzministerin Bärbel Höhn (Grüne) sagte am Montag, Hunderte von Betrieben in verschiedenen Bundesländern müssten gesperrt werden. Allein in ihrem Bundesland wurden bereits 160 Höfe geschlossen.
Bundesverbraucherministerin Renate Künast (Grüne) betonte, die betroffenen Betriebe würden mit einem Vermarktungsverbot belegt. Ihr Fleisch dürfe nur verkauft werden, wenn Proben ergäben, dass es nicht mit MPA belastet ist. Verseuchte Futtermittel würden ausgetauscht. Eine Sprecherin des Ministeriums betonte, bisher seien alle MPA-Funde unterhalb der Grenze, ab der das Hormon Wirkung beim Menschen zeigen würde.
Noch unter dem Eindruck des Nitrofen-Skandals forderte Künast, EU-weit müssten schärfere Kontrollen der Futtermittelindustrie eingerichtet werden. "Kontrolle muss her und andere rechtliche Regelungen", sagte sie in der ARD. Auch beim Treffen der Landwirtschaftsminister der Europäischen Union sollte der MPA-Skandal am Montag zur Sprache kommen.
Nach Angaben des Ministeriums von Höhn gingen die meisten Lieferungen nach Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Betroffen seien aber auch Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern. In diesen Bundesländern verfolgten die Behörden am Montag die Vertriebswege auf Hochtouren, hieß es. In mehreren Betrieben wurde das fragliche Futtermittel gefunden.
Höhn sagte im Deutschlandfunk, es sei schwer vorauszusagen, wie sich die Hormone auf die Gesundheit des Menschen auswirken werden. Hormone am falschen Platz könnten auch in geringen Mengen wirken. Hier handele es sich um Hormone, "die in der Anti-Baby-Pille sind und dementsprechend auf die Zeugungsfähigkeit eine negative Wirkung haben".
Zum Bericht des SPIEGEL über hohe Dosen von Antibiotika in Kalbfleisch aus Nordrhein-Westfalen sagte Höhn: "Es ist so, dass wir 2001 sehr viele Messungen gemacht haben. Wir finden das vorwiegend in den Knochen, das heißt, die Tiere sind mit diesem Mittel behandelt worden. Wir finden es weniger im Fleisch selber, aber in den Knochen können wir das länger nachweisen." Der Einsatz des Arzneimittels Tetrazyklin sei zwar erlaubt, werde aber doch zu großzügig eingesetzt. Eine Beschränkung sei im gerade vom Bundesrat verabschiedeten Tierarznei-Neuordnungsgesetz vorgeschrieben.
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace forderte die Bundesländer auf, Fleisch und Knochen routinemäßig auf Antibiotika-Rückstände zu kontrollieren. Zudem müsse wissenschaftlich untersucht werden, inwiefern die Antibiotika durch Kochen oder Braten vom Knochen ins Fleisch gelangen. "Auch ist bisher unklar, ob sich die Antibiotika aus den Knochen in daraus erzeugter Fleischbrühe oder Gelatine wiederfinden", teilte Greenpeace in Hamburg mit.
Claudia Roth, Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, nannte die Lebensmittelskandale als "in zunehmenden Maße ekelhaft". Es sei daher richtig, auf mehr Kontrolle, Information und Transparenz zu setzen: "Wir brauchen ein Mehr an Europa", sagte sie in Berlin. Besonders zynisch nannte sie es, dass die Union das Verbraucherinformationsgesetz im Bundesrat blockiert habe. Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer warf der Union "eine klare Absage an den Verbraucherschutz und eine klare Unterstützung agroindustrieller Interessen vor".
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