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13.08.2002
 

Punkeralltag

Atze, die Ich-AG vom Alex

Von Markus Deggerich

"Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie stehen", lautet eine beliebte Politiker-Phrase im Wahlkampf. SPIEGEL ONLINE ist in Berlin schon mal losgelaufen: Wir besuchen Wähler dort, wo sie jeden Tag stehen. Heute: Die Punker am Alexanderplatz.

Berlin Alexanderplatz: Kaufhaus und Ich-AGs
DPA

Berlin Alexanderplatz: Kaufhaus und Ich-AGs

Berlin - Der Regen ist schlecht fürs Geschäft. "Kommt kaum einer. Und wer kommt, hat schlechte Laune", sagt Atze, der in seinem ersten Leben noch Joachim hieß. Aber daran erinnert er sich kaum: an den "bürgerlichen" Namen, das andere Leben. Atze zog nach der Wende von Schwerin nach Berlin. 18 war er da, Schule geschmissen, auf der Suche nach der Sinfonie der Großstadt, nichts in der Tasche, Träume im Kopf. Zunächst tummelte er sich noch im Prenzlauer Berg, "der Boheme der Bürgerbewegten", bei den trinkenden Dichtern und "Klampfheinis mit Rauschebärten", die Revoluzzer spielten, "aber damit auch nur die Mädels ins Bett kriegen wollten".

Weil ihm das zu brav war, zog er sich die schwarze Lederjacke über und eine neue Gesinnung: Punk. Jetzt ist er für Anarchie und den Weltfrieden, mindestens. "Das Schweinesystem hat ausgedient", weiß Atze, "merkt doch jeder." Spätestens seit diesem "Ding da". Er meint den 11. September.

Am Alexanderplatz schnorrt Atze sich durch den Tag. Den Euro fand er geil. Nicht wegen dieses "Europa-Dings", sondern weil die Leute am Anfang des Jahres noch ungeübt waren mit den neuen Münzen: "War doppelter Umsatz, die ganze Zeit wie Weihnachten." Aber das System schlug zurück. Inzwischen sind sie "geiziger als je zuvor". Die Rezession erreicht die Schnorrerbranche. Und der Euro wurde für Atze zum Teuro.

Kommen und Bleiben: Bahnhof am Alexanderplatz
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DPA

Kommen und Bleiben: Bahnhof am Alexanderplatz

Atze steht gern am Alex. Nicht weil das ein geschichtsträchtiger Ort wäre. "Is wie Kino", sagt er. Dass Politiker hier gerne auftreten, findet er eher nervig. Dann sind die "Jungs", also die Staatsmacht, "immer besonders nervös". Platzverweis gibt es dann, "auch wenn du gar nichts machst, außer rumzustehen". Scheißsystem.

Die, die immer hier stehen, kennen sich. "Is ne große Familie." Mit allem Drum und Dran: also auch Streit. An der Frittenbude, wo er immer das Bier holte, ist er nicht mehr gern gesehen. Er hat da mal "nen Lauten gemacht". Drei Euro für Currywurst mit Fritten, "und dann war die Schale nicht mal voll". Neenee, er lässt sich doch nicht über den Tisch ziehen.

15 Euro braucht er am Tag, zusätzlich zur Stütze. Wenn er die zusammen hat, "ist meistens Feierabend". Dann bleibt er gerne weiter draußen. "Weil da die Gedanken fliegen können." Worüber er so nachdenkt? Über die Menschen. Und den Kapitalismus. Den Typen zum Beispiel, der da gerade mit hochgezogenen Schultern und gesenktem Kopf zum Kaufhof eilt. Er denkt sich dann aus, was der für ein Leben haben könnte. In Atzes Welt sind die meisten "geschieden, zwei Kinder, arbeitslos". Gescheiterte Spießer eben, "vom System zerfressen".

Palast der Republik hinter dem Alex: Geschichte greifbar
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Palast der Republik hinter dem Alex: Geschichte greifbar

Meistens schläft er bis Mittag in seiner unsanierten Bude in Friedrichshain, die er sich mit Jole und Sana teilt. Und vier Hunden. "Kiwi, Kirsche, Traube", heißen drei der Tiere, weil Obstnamen gerade "in" sind. Die Zeiten sind hart. Besonders im Sommer. Weil dann auch viele Musiker auf dem Alex um das Kleingeld konkurrieren - und gegen die ziehe man meistens den Kürzeren. Leistungsprinzip. Der Markt regelt das.

Wählen geht er nicht. "Weil man da gar keine Wahl hat", sagt er und ist stolz auf sein Wortspiel. Ob Atze schon mal was vom Hartz-Papier gehört hat, der Reform des Arbeitsmarktes? "Ich suche keine Arbeit, ich bin voll beschäftigt." Der Druck auf Verweigerer soll erhöht werden? Atze soll eine Ich-AG werden? Atze spuckt auf seine gelb bepinselten Stiefel und guckt etwas ungläubig: "Was soll ich werden?" Er legt den Kopf in den Nacken und lässt sich das Gesicht vollregnen: "Regen ist scheiße fürs Geschäft." Scheiße für Atze, die Ich-AG am Alex.

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