Von Meike Werkmeister
Von Strauß' Wadenbeißer bis zum Unionskanzlerkandidaten lag ein langer Weg voller Fleiß. Nach seinem Jurastudium erlebte er einen kometenhaften Aufstieg in der CSU. Als arbeitswütiger Quereinsteiger wurde Stoiber persönlicher Referent des damaligen Umweltministers Max Streibl und zog mit 33 Jahren als Abgeordneter in den Bayrischen Landtag ein. 1978 machte ihn CSU-Chef Strauß zu seiner rechten Hand, Stoiber wurde Generalsekretär der Partei, später Leiter der Staatskanzlei.
Nach dem Tod seines Ziehvaters pflegte Stoiber, seit 1993 bayerischer Ministerpräsident, das politische Profil der CSU, für das Strauß den Grundstein gelegt hatte: straff autoritär in Fragen der inneren Sicherheit, konservativ-patriarchalisch oder klerikal-verklemmt in der Gesellschaftspolitik, pragmatisch-liberal gegenüber der Wirtschaft. Ein Amt jenseits der bayerischen Heimat konnte Stoiber sich lange nicht vorstellen. "Eher werde ich Trainer des 1. FC Bayern, als das ich Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werde", sagte er noch 1999.
Heute scheint Stoiber fast besessen von diesem Ziel, das einst in weiter Ferne lag. Nachdem er sich in der K-Frage erfolgreich gegen CDU-Chefin Angela Merkel durchgesetzt hat, ist er selbst anscheinend am meisten davon überzeugt, dass er nach dem 22. September ins Kanzleramt ziehen wird. "Ich war und bin der bessere Ministerpräsident als Gerhard Schröder und ich werde der bessere Kanzler sein", gibt er sich bei Wahlkampfveranstaltungen selbstbewusst.
Stoiber wurde 1941 in Oberaudorf im Kreis Rosenheim als Sohn eines Kaufmanns geboren. Obwohl seine Mutter aus dem Rheinland stammte, war Stoiber schon immer mit Herz und Seele Bayer. In seiner Heimat werden ihm jedoch vor allem preußische Tugenden zugeschrieben. Trägt Stoiber Tracht oder hält eine Mass Bier in der Hand, wirkt er wie verkleidet. Er gilt als extrem ehrgeizig und kontrolliert. Statt Parteifesten beizuwohnen, brütet er über Akten. An diesem Image des steifen Bayern versucht Stoiber zu rütteln, seit er weiß, dass er eine gesamtdeutsche Wählerschaft überzeugen soll.
Mit seinem Kampagnenmanager Michael Spreng arbeitet Stoiber seitdem hart gegen seinem Ruf als Hardliner an. Bei zentralen Themen wie der Steuer - und Arbeitsmarktpolitik vermeidet er klare Festlegungen, um niemanden in der Schwesterpartei CDU zu verprellen. Auch in gesellschaftspolitischen Themen wie etwa der Homosexuellen-Ehe ist der Kanzlerkandidat weichgespülter als der Landesvater. Die Strategie scheint aufzugehen. Obwohl Stoiber sich nicht annähernd so souverän im medialen Zeitalter bewegt wie sein Konkurrent Schröder, liegt seine Partei in Umfragen deutlich vor der SPD. Die Person Schröder ist zwar beliebter, doch Stoiber trauen die Menschen in etlichen Fragen mehr Kompetenz zu.
Zentral für den Wahlkampf des Bayern ist auch die Präsentation seiner Rolle als Familienvater. "Ich will mich nicht dafür entschuldigen, 34 Jahre mit der gleichen Frau verheiratet zu sein", betont Stoiber bei seinen bisher über 70 Wahlkampfterminen gern, um sich damit von dem bereits zum vierten Mal verheirateten Schröder abzusetzen. Er selbst wirkt bei einem Pressetermin mit Enkel zur Eröffnung des Legolandes gewohnt steif, seine Frau hingegen ist natürlich und sympathisch, gibt dem Kandidaten die Portion Herz, die ihm fehlen mag. Sie ist es wohl auch, die Stoiber bei Auftritten wie in der Talkshow Beckmann etwas menschlicher erscheinen lässt. Seine Berater wissen das zu schätzen, denn noch gut ist ihnen Stoibers erster, belächelter TV-Auftritt als Kanzlerkandidat in Erinnerung, als er die Moderatorin Sabine Christiansen zwischen vielen "ähs" mit "Frau Merkel" ansprach.
Inzwischen genießt Stoiber auch bei der Schwesterpartei großen Rückhalt. "So viel Union war noch nie", sagt selbst seine ehemalige Konkurrentin Merkel. Der tosende Applaus, den Stoiber bekommt, wann immer er bei der CDU auftritt, gibt dem selbstbewussten Karrieremensch noch mehr Auftrieb für sein großes Ziel. "Jemand, der seit Jahren über 50 Prozent einfährt, muss in der Mitte stehen", gibt Stoiber sich zuversichtlich. Was in der Heimat funktioniert, denkt der Landesvater, kann auch für den Rest der Republik nicht schlecht sein. Auch wenn er bundesweit nicht annähernd mit ähnlichen Sympathiewerten wie in Bayern rechnen kann, steht eines fest: Der Job im Kanzleramt ist für Stoiber greifbarer als der auf der Trainerbank des FC Bayern.
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