"Er hat die Bürgergesellschaft geprägt": Rudolf Augstein
"Er war einer der Letzten aus der überschaubaren Gilde bedeutender Publizisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Dritten Reich und der Diktatur über die Zeitungen an vorderster Stelle mithalfen, eine freie, funktionsfähige Presse in West-Deutschland zu etablieren. "Augstein-Texte sind Bausteine der Bundesrepublik", schrieb der "Zeit"-Eigentümer Gerd Bucerius, auch er einer der großen Verleger der jungen Republik. Augstein war der Spiegel, und der Spiegel war Augstein, und der Montag war in diesem Land lange Zeit der Spiegel-Tag. ...
... Er wurde ein zunehmend einsamer Zweifler, der seine rhetorischen Klingen nicht mehr im Streit mit Adenauer und Strauß schärfen konnte, sondern mit den Möllemännern dieser Welt vorlieb nehmen musste."
Hans Leyendecker, "Süddeutsche Zeitung"
"In einem seiner Leitartikel hatte er mich für einen meiner Leitartikel fürchterlich gezaust. Zum Jahreswechsel danach erhielt ich den einzigen Brief meines Lebens von ihm: Er habe sich im zurückliegenden Jahr mir gegenüber ein wenig daneben benommen. Das wolle er wieder zurechtrücken. Schon gut, lieber, lieber, zorniger Rudolf Augstein.
Am Ende seines Lebens sagt man, oft allzu rituell, der Dahingegangene möge im Frieden ruhen. Ob Rudolf Augstein sich selber das wirklich wünschte - nach all diesen Kämpfen? Verdient hätte er es allemal."
Robert Leicht in der "Zeit"
"Ich bin nach Deutschland 1958 zurückgekehrt. Daß ich, was immer auch geschehen ist, dies nie, auch nicht einen Augenblick lang bedauert habe, dazu hat der SPIEGEL wesentlich beigetragen. Ich weiß es, die Bundesrepublik hätte auch ohne den SPIEGEL existiert, aber es wäre ein anderes Land gewesen. Das mag ein verblüffendes, ein gar zu großes Wort sein, gleichwohl ist es nicht übertrieben. Ja, in einem Deutschland, in dem es keinen SPIEGEL gäbe, möchte ich nicht leben.
Dabei habe ich, dieses Nachrichtenmagazin lesend, im Laufe der Jahre und Jahrzehnte viel gelitten. Wie oft habe ich mich geärgert, zumal über die Bosheiten und Gemeinheiten, die Bübereien und Schurkereien, die unzähligen Infamien, die natürlich gegen mich gerichtet waren. Ich vergesse und vergebe nichts. Aber ich weiß, daß dies alles letztlich - und das versteht sich nun von selbst - nicht der Rede wert ist. Es bleibt die
außerordentliche Leistung dieses Presseorgans, die journalistische, die intellektuelle, die moralische."
Marcel Reich Ranicki in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"
Dass diese Republik eine andere wäre ohne den intellektuellen SPIEGEL-Gründer ist eine Binse. Er hat mehr als jeder andere Journalist die Bürgergesellschaft geprägt. Wenn es sein musste, und es musste oft sein, im Zorn eines Gerechten. Citizen Augstein war kein Kane, er spendete Millionen unter der Bedingung, dass sein Name nie genannt werde, sein Rosebud blieb allein DER SPIEGEL...
... Die Geschichte hat gestern nach seinem Tod begonnen. Man wird ihm vieles nachrufen und von manchen Nachrufern hätte er vieles ungern gelesen und voller Skepsis eine harsche Antwort diktiert. Auf die warten wir blätternd im SPIEGEL ab jetzt vergebens. Eine neue Zeit, ohne ihn hat zwar längst begonnen, aber gestern blieb sie für einen Moment stehen.
Michael Jürgs in der "Süddeutschen Zeitung"
"Augstein sagte der Phrase den Kampf an, den alten Phrasen und auch den neuen Beschwichtigungen. Der SPIEGEL Augsteins hat politische Korrekturen an der
Bonner Republik angebracht, indem er sich stets der gängigen Political Correctness
widersetzte. Das lag daran, dass Rudolf Augstein sehr bald und schon aus eigener
Anlage ein wirklich unabhängiger Mann war. Gewiss, der gewiefte Taktiker, der
seinen Machiavelli liebte und beherrschte, konnte taktieren, finassieren wie kein
Zweiter. Er hätte es, hätte er nur gewollt, zum Politiker bringen können, wäre ihm
nicht das meist mediokre Geschäft der Politik, das "geduldige Bohren dicker Bretter"
(Max Weber) zuwider gewesen. Denn seinem Wesen nach war dieser
springlebendige Mann, der die Frauen liebte wie sie ihn liebten, und der sein
Glücks- und Leidenspotenzial voll auskostete und auskosten musste, auch ein
Kobold, der das Unerwartete tat und riskierte - schon, um sich nicht langweilen zu
müssen.
Hellmuth Karasek im Berliner "Tagesspiegel"
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