Berlin - Führende SPD-Politiker befürworten eine Rückkehr des ehemaligen Parteichefs Oskar Lafontaine in die Bundespolitik. Der Vizevorsitzende der Bundestagsfraktion, Ludwig Stiegler, sagte "Bild am Sonntag": "Wir sollten ihm die Tür nicht zuschlagen. Er ist herzlich eingeladen, in der SPD und für die SPD wieder zu kämpfen."
Zu einem möglichen Comeback Lafontaines sagte Stiegler: "Als erstes soll er das Saarland wieder erobern als Wiedergutmachung - und als Eintrittskarte. Dann ist es auch denkbar, dass er im Bund wieder eine größere Rolle spielt."
SPD-Bundesvorstandsmitglied Hermann Scheer wird von der Zeitung mit den Worten zitiert: "Lafontaine gehört zu den Leuten, die immer wieder Diskussionen angeschoben haben. Eine Partei wie die SPD sollte erkennen, dass Lafontaines Anstöße wichtig sind. Es ist besser, mit ihm zu diskutieren, als dass er über die SPD diskutiert."
Der Generalsekretär der Saar-SPD, Rainer Tabillion, sagte: "Oskar sollte wieder alle Möglichkeiten in dieser Partei haben. Sein Comeback im Bund dürfen wir nicht für alle Zeit ausschließen. Die SPD ist nicht so gut drauf, dass sie es sich leisten kann, langfristig auf Lafontaine zu verzichten." Es sei nicht sinnvoll, "jemanden lebenslänglich zu bestrafen". Der SPD-Vorsitzende, Bundeskanzler Gerhard Schröder, und der Saarländer sollten sich zusammensetzen und über eine Zusammenarbeit reden, meinte Tabillion.
Lafontaine war 1999 aus Protest an dem Kurs der Bundesregierung von seinen Ämtern als Finanzminister und SPD-Parteichef zurückgetreten. Auch danach war er immer wieder als Kritiker von Rot-Grün in Erscheinung getreten. So hatte er die Politik Schröders mit der von Reichskanzler Heinrich Brüning verglichen, der in der Weimarer Republik "mit seiner Sparpolitik Massenarbeitslosigkeit verursachte und Hitler den Weg bereitete". Mehrere SPD-Politiker sowie Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf hatten Lafontaine daraufhin den Parteiaustritt nahe gelegt.
Flammende Rede
Lafontaine selbst meldete sich mit einer flammenden Rede vor Genossen zur Saar-Landespolitik auf der politischen Bühne zurück. Der 59-Jährige eroberte beim Neujahrsempfang der Saar-SPD auch die Herzen vieler enttäuschter Sozialdemokraten zurück. Gemeinsam mit Landeschef Heiko Maas will der ehemalige Saar-Ministerpräsident 2004 zum Wahlsieg führen. In welcher Funktion Lafontaine dabei antritt, ließ er jedoch offen.
"Wir bauen auf seine Überzeugungskraft als großer Redner", sagte Saarbrückens SPD-Chef Horst Schmeer bei dem Empfang im Rathaus. Lafontaine habe selbst angeboten, die Partei wieder zu unterstützen. Mehr als 700 Genossen feierten das Comeback, viele riefen Lafontaine "Bravo" zu, klatschten ausdauernd Beifall. "Wir brauchen dich" und "Oskar kann es noch", riefen viele.
Er wolle keinen "neuen Zoff" liefern, sagte Lafontaine. Die Enttäuschung über den Bundesfinanzminister und SPD-Chef war besonders in der Heimat des Saarländers groß, wo die Partei 1999 die Regierungsmacht verlor. SPD-Landeschef Maas sprach davon, dass der Umgang in den eigenen Reihen noch von vielen "Irrationalitäten und Verletzungen" geprägt sei. Bei dem wegen Lafontaines Auftritt umstrittenen Empfang der Stadtratsfraktion ließ sich Maas entschuldigen.
Er kann es noch
Aus Sicht von Stadt-Chef Schmeer sind alle Wunden geheilt. Der Landtagsabgeordnete Ulrich Commercon (SPD) und bekennende Lafontaine- Kritiker sagte nach der Rede: "Wenn er uns weiter so vereint und nicht wieder neu polarisiert, ist er willkommen". Der Rücktritt damals sei ein großer Fehler gewesen. "Aber auf seine Analysefähigkeit, Erfahrung und Begeisterungskraft können wir nicht Verzichten", sagte Commercon.
Lafontaine kritisierte in seiner Rede, dass "das neoliberale Geschwätz in den eigenen Reihen zu viel Raum" einnehme. Auch mit seinem entschiedenen "Nein" zu einem drohenden Irak-Krieg zog Lafontaine die Genossen auf seine Seite. Der Sozialdemokrat rief die Arbeiterbewegung zum Protest auf. "Es sind nie die Großen, die in Kriegen sterben, sondern immer die Armen." Die USA seien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die einzige Großmacht, die kontrolliert werden müsse.
"Wenn Oskar Lafontaine der SPD wirklich wieder helfen will, gibt es dazu eine Möglichkeit: er muss ganz einfach in der Öffentlichkeit den Mund halten", sagte hingegen SPD-Fraktionschef Franz Müntefering am Samstag.
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