Von Matthias Gebauer
Berlin - Die Parlamentarische Gesellschaft in Berlin ist nicht der Ort der lauten Worte. Weiß livrierte Kellner servieren in dem historischen Reichstagspalais gleich gegenüber vom Parlament in höflicher Pose Sekt, Wein und Orangensaft. Jeder noch so heftige politische Diskurs wird hier traditionell durch die roten Teppiche über dem Holzparkett und den braun getäfelten Wänden gedämpft. Normalerweise trifft sich hier die parlamentarische Elite zum Mittagslunch, es wird sich höflich gegrüßt und die Fraktionsgrenzen werden fließend.
Ganz anders am Freitagmorgen. Mehr als zehn Kamerateams drängeln sich im Kaisersaal in der Bel Etage des Gebäudes. Ebenso viele Fotografen kämpfen in der ersten Reihe um den besten Platz. Alle wollen einen mehr als passenden Termin beiwohnen: Einen Tag nach ihrer umstrittenen Verbalattacke gegen die Bundesregierung in der "Washington Post" soll hier heute die Autorin Angela Merkel als "Frauenpersönlichkeit 2002" gewürdigt werden. Die deutsche Gesellschaft für politische Rhetorik hatte sich diesen Termin zwar nicht bewusst gewählt, doch der Chef Peter Ditko freute sich sichtlich über den medialen Andrang für den sonst eher unbeachteten Preis.
Frauen reden anders als Männer
Wenig später dann kommt die Preisträgerin im roten Jäckchen. Schnell schreitet Angela Merkel die Treppen in die erste Etage hoch, ignoriert die postierten Kameras und läuft schnell in den Saal. Preisverleiher Ditko gibt ihr den Ablauf der Veranstaltung durch. Merkel versichert eilig, sie habe eine "kleine Rede" vorbereitet. Die trägt ihr Referent in einer blauen Mappe hinter ihr her. Verkrampft lächelnd steht sie nun am von Fotografen bedrängten Tisch in der ersten Reihe. "Ich ziehe mich dann lieber in den Hintergrund zurück", sagt sie fast fragend, doch Organisator Peter Ditko gestattet keinen Rückzug und räumt ihr den Tisch frei.
Was die Gesellschaft, die seit 25 Jahren Rhetorikseminare für Politiker anbietet, über Merkel zu sagen hat, ist erfreulich. Sie sei eine der "herausragenden weiblichen Redner" im Parlament, würdigt sie Peter Ditko und referiert darüber, dass Frauen eben "anders" reden als Männer. Vor allem Merkels Metaphern machten ihre Reden immer wieder zu Leckerbissen im Politeintopf. "Obwohl sie anfangs mit viel Häme beobachtet wurde, weil sie eine Frau ist, hat sie sich durchgesetzt", sagt Ditko, "und nichts ist nun mal erfolgreicher als der Erfolg."
Worte und Orte
Während Ditko über sie spricht, streicht Merkel mit einem Bleistift konzentriert die von ihren Mitarbeitern gefertigte Rede zusammen und fügt sich einige Stichworte ein. "Wort als Waffe" kritzelt sie ganz oben auf den Computerausdruck und natürlich einen kurzen Hinweis auf das Jubiläum des Rhetorik-Vereins. Zwischendurch sieht sie immer wieder vom Tisch auf und scannt kurz die Anwesenden. Wenn alle pflichtgemäß kurz klatschen, blickt sie auf, klatscht kurz mit, immer auf der Hut, bloß kein falsches Gesicht für die Kameras zu machen. Dass die sich heute kaum für den Preis oder die Gründe für die Wahl Merkels, umso mehr aber für die Preisträgerin an sich interessieren, ist auch ihr klar.
Doch so kraftmeierisch auch Merkels Rhetorik in dem Beitrag für die US-Medien war, so schweigsam ist sie heute. Kein Wort zu der Kritik an ihren Worten gegen die Bundesregierung. Nur Andeutungen. Man müsse mittlerweile aufpassen, dass das "geschriebene Wort keinen Minderheitenschutz" brauche. "In den heutigen Tagen lernt man, dass Worte an einem anderen Ort etwas ganz anderes bewirken können", fügt sie sphinxartig hinzu.
Die Rhetorik des Schweigens
Garniert werden die Worte mit den mittlerweile Merkel-typischen Gesten. Langsam dreht sie ihren Zeigefinger wie in einer Rolle in Richtung Zuschauer oder zählt mit den Fingern ihre Punkte mit. Dann breitet sie die flachen Hände über dem Rednerpult aus wie ein Pfarrer - manchmal so weit, dass die Schulterpolster ihrer Jacke sich nach oben ausbeulen. Am Ende gibt sie noch ein Beispiel für die preisverdächtigen und treffenden Bilder in ihren Reden. "Worte dürfen keine Halbwertzeit haben wie radioaktive Elemente", ruft die gelernte Physikerin in Richtung Bundesregierung, die gerade gegenüber im Reichstag ihr Steuervergünstigungsabbaugesetz durchpeitscht. Aus dem Hintergrund raunt jemand, mit der meist langen Halbwertzeit von Caesium könne man doch ganz gut leben.
Außer Rhetorik sollte jedoch am Freitag nichts laufen. Schnell wird noch ein Foto von Preisträgerin und Gesellschaftschef Ditko arrangiert. Dann eilt die CDU-Chefin davon, nur noch die ARD soll einige Worte von ihr zur bevorstehenden USA-Reise bekommen. Die werden dann allerdings im Separee aufgezeichnet. Auf Nachfragen reagiert Merkel gereizt. "Das hat doch hier keinen Zweck", ruft sie, als mehrere Fernsehreporter sie nach einem Statement zu ihrem Artikel in den USA bitten und ihr Pressesprecher ergänzt dies mit: "Wir machen hier nix." Manchmal ist eine gute Rhetorik eben auch, wenn man zum richtigen Zeitpunkt schweigt.
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