Von Sophie Debus
Berlin - Das Dachgartenrestaurant neben der Glaskuppel im Reichstag kocht neuerdings schwarz-rot-gold. Die gesamte Speisekarte ist eingedeutscht worden: brandenburgisches statt argentinisches Rindfleisch, Äpfel statt Ananas. "Im Deutschen Bundestag soll auch die Gastronomie die Bundesrepublik repräsentieren", erklärt Jan Becker, Einkaufsleiter der Käfer Berlin GmbH. Die Suche nach heimischen Alternativen zu pak-choi-Gemüse und Coq au vin sei zwar aufwendig, aber die Küchenchefs "stellen sich der Herausforderung."
Zwar habe Käfer die kulinarisch-heimatliche Rückbesinnung schon länger "als Marketing-Konzept" in der Planung gehabt, der lautstarke Protest einer Parlamentarierin dürfte aber ein wenig nachgeholfen haben. Die Winzertochter und CDU-Abgeordnete Julia Klöckner hatte sich nach der konstituierenden Sitzung des Bundestages im Oktober vergangenen Jahres bei Käfer und der Bundestagsverwaltung beschwert, dass italienischer Prosecco gereicht wurde - und kein deutscher Perlwein.
"Net, dass das Ding net geschmeckt hätte, aber hier geht’s ums Prinzip", erklärt die blonde Rheinland-Pfälzerin. "Schließlich zahlen unsere deutschen Winzer Steuern, da können sie wohl auch erwarten, dass das Parlament aufgrund des nationalen Selbstverständnisses deutsche Produkte unterstützt." Die Umstellung auf heimische Getränke im Bundestagsgebäude wertet sie als persönlichen Erfolg: "Ich hab mein Missfallen recht vehement zum Ausdruck gebracht."
Der Kanzler reicht Wasser aus Österreich
Nach dem raschen Sieg im Reichstag dreht Klöckner nun richtig auf. Die resolute Chefredakteurin des Magazins "sommelier" hat einen neuen Skandal aufgedeckt: Anfang April hatte der Kanzler den Haushaltsausschuss zum Essen ins Kanzleramt geladen. Auf der Weinkarte fand sich kein einziger deutscher Tropfen! Sogar das Wasser kam aus Österreich. "In Frankreich oder Italien wäre das undenkbar", empört sich die ehemalige deutsche Weinkönigin – und hat damit sicherlich nicht Unrecht.
Klöckner schrieb einen Protestbrief an Herrn Schröder und trommelte ihre rheinlandpfälzischen Kollegen zusammen. Die gründeten den selbsternannten "Untersuchungsausschuss Wein". Und zwar fraktionsübergreifend: "Genuss is net parteiisch", weiß die 30-Jährige.
Nun sollen alle 30 Abgeordneten aus der größten Weinanbau-Region Deutschlands dafür werben, "dass auch deutsche Weine und Sekte bei offiziellen Anlässen gereicht werden." Das Gründungstreffen hat bereits stattgefunden - natürlich im "Lindenlife", einem Restaurant am Berliner Prachtboulevard Unter den Linden, wo ausschließlich Weine aus Rheinland-Pfalz serviert werden. Der ehemalige rheinlandpfälzische Weinbauminister Rainer Brüderle sei allerdings nicht mit von der Partie gewesen. "Der nimmt sich vornehm zurück", sagt Julia Klöckner, die im rosa gemusterten Kostüm mit großen Goldknöpfen und pinkfarbenem Lippenstift eher für Marshmallows als für deutschen Wein werben könnte.
Die Autorin des Buches "Der Wein erfreue des Menschen Herz - Geschichten über den Wein und die Menschen in der Bibel" will die Sache ohnehin nicht so verbissen sehen. "Das ist keine Kampfnummer, wir wollen halt nur ein bisschen sensibilisieren."
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