Von Hans Halter
Berlin - Auf seinem Foto, herausvergrößert aus dem "behelfsmäßigen Personalausweis" (es gibt kein anderes Bild mehr von ihm), sieht Werner Sendsitzky aus, als ahnte er die Finsternis.
Er hatte sich, um einen besseren Überblick zu bekommen, am 17. Juni auf dem Flachdach einer Schrottplatz-Baracke postiert, Chaussee-Ecke Liesenstraße, direkt an der Grenze zwischen französischem und sowjetischem Sektor. Das schien ein sicherer Platz, obwohl am frühen Nachmittag russische Panzer mit Karacho ausgerechnet hier gut 150 Meter ins Gebiet der Franzosen hineingefahren waren. Die jungen Rotarmisten, zum ersten Mal in Berlin, kannten sich eben nicht aus in der geteilten Stadt, und es gab ja noch keine Mauer.
Eigentlich hatte Werner Sendsitzky es eilig, nach Hause zu kommen. Der 17. Juni war sein Geburtstag; im Frühsommer 1953 wurde er 16 Jahre alt. Daheim, Müllerstraße 33 im Berliner Arbeiterbezirk Wedding, warteten in der Zwei-Zimmer-Wohnung die Großmutter, zwei Tanten und vier seiner sechs Geschwister. Alle wollten sie mit dem kleinen Werner feiern, denn er war ihr Liebling. So zuverlässig und so hilfsbereit, noch ohne Freundin, vielleicht ein bisschen zu still.
Am Vormittag war Werner mit den Hennigsdorfer Stahlarbeitern mitgelaufen, die durch seine Müllerstraße Richtung Sowjetsektor marschierten. Die waren so gut gelaunt, es waren so viele, und vormittags schien auch noch die Sonne. Der Junge hatte Zeit, seine Ausbildung zum Tischler sollte erst im Herbst beginnen.
Nachdem der russische Stadtkommandant Generalmajor Dibrowa ab 13 Uhr den Ausnahmezustand über seinen Sektor verhängt hatte, versuchte die Volkspolizei, die Grenzen dicht zu machen. Einen besseren Platz als das ebene, trittsichere Teerpappendach der "Rohproduktenhandlung" konnte Werner nicht finden. Sie waren ein Dutzend Jungs, und er stand ziemlich weit vorn.
Unter ihm tobte der Volksaufstand. Die Hennigsdorfer Arbeiter, wieder auf dem Rückmarsch, skandierten: "Der Spitzbart muss weg!" Gemeint war SED-Chef Walter Ulbricht. Weiter hinten, in Ost-Berlin, hörte man die Motoren der Panzer und das Rasseln ihrer Ketten. Ein Lautsprecherwagen der DDR erinnerte an den Ausnahmezustand. Die Mannschaften der Volkspolizei rückten der Grenze immer näher. Hinter ihnen waren Greiftrupps an der Arbeit. Steine flogen. Die West-Berliner Polizei sperrte vorsichtshalber die Liesenstraße, denn die lief parallel zur Grenze. Franzosen ließen sich nicht blicken.
Werner hat keine Steine in den Ostsektor geschmissen, an seinem Platz, auf dem Dach der Baracke, gab es ja gar keine. Gegen 18 Uhr zogen die Volkspolizisten ihre Pistolen. Sie schossen erst in die Luft, dann gezielt auf Fliehende, die den Westsektor erreichen wollten. Warum ein Polizist den jungen Zuschauer vom Dach herunterschoss, das konnte nie ermittelt werden, auch nicht, wer es war.
Werner fiel vornüber auf die Liesenstraße. Er war nicht mehr bei Bewusstsein. Zwei West-Polizisten setzten den Sterbenden auf den Rücksitz ihres Funkwagens vom Typ VW-Käfer. Bis zum Lazaruskrankenhaus in der Bernauer Straße, auch direkt an der Sektorengrenze, sind es nur 800 Meter. Als er drei Minuten später in der Ambulanz einem Chirurgen auf die Trage gelegt wird, ist Werner Sendsitzky schon tot. Die Kugel gibt es noch.
In der Ambulanz des Lazaruskrankenhauses drängen sich die Verletzten. Zehn Minuten nach Werner wird Rudi Schwander, 14 Jahre alt, eingeliefert. Rudi blutet aus einer Schusswunde in der Stirn. Er lebt noch, ist aber ohne Bewusstsein. Rudi Schwander ist das jüngste Opfer der Revolte, ein Volksschüler, einziger Sohn eines Feinbäckermeisters aus dem Osten. Die Familie wohnt in Berlin-Mitte, Anklamer Straße 26, bis zur Grenze an der Bernauer Straße sind es nur 300 Meter. In der Nachkriegszeit ist diese Demarkationslinie für Kinder und Jugendliche ein symbolischer Strich der Erwachsenen mitten durch ihren großen Abenteuerspielplatz.
Im Osten, vor der Feinbäckerei des Vaters, stand auf dem Arkonaplatz ein Luftschutzbunker aus Hitlers Zeiten. Um die Ecke ging der Junge zur Schule, in einem wilhelminischen Gemäuer, wo heute noch Kinder fürs Leben lernen (wenn auch kein Wort über Rudi Schwander). Jeden Nachmittag zogen die jungen Ost-Berliner Richtung Sektorengrenze. Auf der anderen Seite lagen die schönen alten Kinos "Fox", "Atlantic", "Vineta" und eines, das merkwürdigerweise "Essig" hieß. Man spielte die im Osten verbotenen Wildwest- und Räuberfilme; Eintritt 25 Pfennig (West).
In den Aufruhr des 17. Juni ist Rudi hineingeraten wie in die ungefährlichen Grenzabenteuer seiner Kinderzeit. Ein Zentrum der Unruhen war die Brunnenstraße, die vom Osten in den französischen West-Sektor führte und dabei die Bernauer Straße überquerte. Hier wohnten Tausende von Menschen, zumeist Arbeiter der Großbetriebe, denn Berlin war seinerzeit immer noch die größte Industriestadt Deutschlands. Die Wut der Werktätigen entlud sich genau wie an Werner Sendsitzkys Sterbeplatz in Sprechchören, Geschrei und Steinwürfen. Geplündert wurde nicht.
"Schmeißt die Pistolen weg!" riefen die Demonstranten den Vopos zu. Es waren 12 bis 15 Mann unter dem Kommando eines Offiziers. Diese offene Postenkette trieb die Aufständischen vor sich her. Rudi gehörte zu ihnen, er war auf der Flucht. Die Pistolenkugel traf ihn von hinten. Kameraden schleppten den Sterbenden die letzten Meter bis in den Westsektor. Es regnete.
Sechs Tage später bekommen Werner und Rudi ein Staatsbegräbnis. Ihre Särge stehen, mit denen von fünf anderen Opfern, vor dem schwarz verhangenen Schöneberger Rathaus. West-Berlin hat halbmast geflaggt, vom Rathausturm läutet die Freiheitsglocke. Es sprechen der Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter und andere. Man spielt den Trauermarsch von Frederic Chopin und dann das Lied vom guten Kameraden. Entlang der Strecke zum Friedhof im Wedding bilden mehrere hunderttausend Menschen für Rudi Schwander, Werner Sendsitzky und die anderen ein Ehrenspalier. Polizei und Feuerwehr salutieren.
"Die Toten", sagt Adenauer, "sind Märtyrer der Freiheit. Sie haben Zeugnis dafür abgelegt, dass die Deutschen keine Versklavung mehr ertragen können." Sie werden, versprechen Kanzler, Bürgermeister und die Pfarrer, allen unvergesslich bleiben.
Seither liegen die beiden jüngsten Opfer des Volksaufstandes nebeneinander in einem "Ehrengrab", das inzwischen ziemlich heruntergekommen wirkt. Nirgendwo anders wird der beiden gedacht. Keine Straße oder Schule trägt ihren Namen. Werner Sendsitzky und Rudi Schwander waren eben nur zwei arme Berliner Jungen aus sehr kleinen Verhältnissen. Der Berliner Senat hat nun im April auf ihrem Grab wenigstens ein paar Blümchen pflanzen lassen, Stiefmütterchen.
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