Herr Giordano, Sie unterstützen die Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen", die von der Präsidentin des Vertriebenenbundes, Erika Steinbach, ins Leben gerufen wurde. Kürzlich haben Sie die Laudatio auf den erstmals von der Stiftung vergebenen Franz-Werfel-Preis gehalten. Sind Sie, ein Überlebender des Holocaust, altersmilde geworden?
Ralph Giordano: Nein. Meine erlittenen und erkämpften Kriterien sind die gleichen geblieben. Die Bereitschaft, mich in der Jury zu engagieren, hat eine Vorgeschichte. Es gab in der Vergangenheit bei den Vertriebenenverbänden eine ganz einseitige Klage über deutsches Leid ohne erkennbaren Zusammenhang zu dem von Deutschen verursachten Leid davor. Dieses Bild hatte sich auch bei mir ganz tief eingefressen.
SPIEGEL ONLINE: Was änderte Ihre Haltung?
Giordano: Frau Erika Steinbach. Sie war sozusagen die Initialzündung. Sie rief mich im Frühjahr 2002 an, weil sie sich über einen Artikel von mir zur "Charta der Deutschen Heimatvertriebenen" geärgert hatte. Für mich ein Dokument des damaligen Zeitgeistes, also der Verdrängung. Die Vorgeschichte der Vertreibung, das Leid, das die Deutschen über Europa und die Welt brachten, wird in dieser Charta überhaupt nicht erwähnt. Frau Steinbach hielt an ihrer Kritik fest, ich an meiner - aber wir kamen ins Gespräch.
SPIEGEL ONLINE: Sie befürchten nicht, als Feigenblatt missbraucht zu werden?
Giordano: Wenn ich diesen Eindruck gewinnen würde, würde ich sofort jede Verbindung kappen. Ich habe mich aber in weiteren Telefonaten und persönlichen Begegnungen mit Frau Steinbach davon überzeugt, dass sich tatsächlich etwas im Vertriebenenverband geändert hat.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben keine Angst vor einem Aufrechnen des Leids der Vertriebenen gegen die Verbrechen des Holocaust?
Giordano: Frau Steinbach hat immer wieder erklärt, auch schriftlich, dass weder die Vertreter der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" noch die Mitglieder der Jury des "Franz-Werfel-Menschenrechtspreises" die Einmaligkeit des Holocaust bestreiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass solche deutlichen Worten aus dem Munde eines Vertriebenenvorsitzenden vor der Amtszeit von Frau Steinbach gefallen wären. Da wurde bei mir ein altes Feindbild eingerissen durch Selbsteinriss.
SPIEGEL ONLINE: Nun gibt es Vorbehalte gegen das Zentrum. Manche befürchten, es würde am Ende zu sehr auf die deutsche Vertreibung blicken. Eine Gegeninitiative plädiert für ein Europäisches Zentrum gegen Vertreibungen, unter anderem gefördert durch den SPD-Politiker Markus Meckel.
Giordano: Ich habe dieses Projekt mit Interesse zur Kenntnis genommen. Man kann gar nichts dagegen einwenden. Nur: der Vorwurf, das "Zentrum gegen Vertreibungen" würde zu sehr auf die Vertreibung der Deutschen abzielen, ist schlichtweg falsch. Der Titel ist ganz bewusst im Plural gehalten und heißt "Zentrum gegen Vertreibungen", wird also Vertreibungen auf der ganzen Welt dokumentieren.
SPIEGEL ONLINE: Ist die Gegeninitiative nicht auch Ausdruck der tiefen Furcht in Deutschland, die Geschichte könnte durch ein von Vertriebenenverbänden unterstütztes Zentrum relativiert werden?
Giordano: Natürlich gibt es diese Ängste. Die Schwierigkeit besteht darin, dass das alte, von den Vertriebenen selbst geschaffene Bild, nur schwer zu korrigieren ist. Sie haben selbst dazu beigetragen, dass ihnen lange Zeit mit Misstrauen begegnet wurde.
SPIEGEL ONLINE: Also haben Sie Verständnis für Vorbehalte unter Politikern der rot-grünen Koalition, die gegen eine Zusammenarbeit mit Vertriebenenvertretern sind?
Giordano: Die hatte ich ja selbst. Aber diese Vorbehalte sollten nun geprüft werden. Ich kann den Vertretern von Rot-Grün nur raten, sich mit dem Programm der Stiftung auseinander zu setzen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben früher ja auch anders über die Vertriebenen gedacht.
Giordano: Keine Frage. Ich hatte lange Zeit den Opfern der Vertreibung gegenüber nicht das gleiche Gefühl der Trauer und des Schmerzes wie gegenüber denen, die im KZ, in den Vernichtungslagern oder im Widerstand umgekommen sind. Mag diese Unterscheidung aus meiner Biografie heraus vielleicht nicht unverständlich sein, so hat sie mir im Laufe der Zeit mehr und mehr zugesetzt. Ich will über das Leid, das den Deutschen angetan worden ist, genau so erschüttert sein wie über das Leid, das von Deutschen über andere gebracht worden ist.
SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Schlussfolgerung?
Giordano: Die Humanitas ist unteilbar - mein Credo! Das heißt: Die Vorgeschichte der Vertreibung rechtfertigt kein einziges Verbrechen, keine einzige Menschenrechtsverletzung an den Vertriebenen. Aber ohne die Vorgeschichte der Vertreibung hätte es kein einziges Verbrechen an Vertriebenen, keine einzige Menschenrechtsverletzung, keine Geschichte der Vertreibung gegeben. Wer die Vorgeschichte der Vertreibung verdrängt, verstößt gegen die Unteilbarkeit der Humanitas, wie der, der die Nachgeschichte ausblendet. Das ist meine "Charta", auf deren Chronologie und Kausalität ich bestehe.
Das Interview führte Severin Weiland
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