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29.07.2003
 

Imagewandel

Das neue Gesicht des Vertriebenen-Bundes

Von Severin Weiland

Im Alleingang krempelt eine Frau das Image der Vertriebenen um: Erika Steinbach bricht endgültig mit den alten Denkweisen. Für ihren Kampf um ein "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin konnte die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen sogar den scharfzüngigen Holocaust-Überlebenden Ralph Giordano gewinnen.

 Vertriebenenvorsitzende Steinbach: Neue Töne, neue Gefährten
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Vertriebenenvorsitzende Steinbach: Neue Töne, neue Gefährten



Berlin - Es war eine Geste, undenkbar noch vor Jahren: Ralph Giordano umarmte Erika Steinbach. Er, der Überlebende des Holocaust, der scharfzüngige Kritiker bundesdeutscher Zustände und sie, die CDU-Politikerin und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, gemeinsam und einträchtig auf einer Veranstaltung. Das war Ende Juni, nachdem Giordano die Laudatio auf den "Franz-Werfel-Menschenrechtspreis" gehalten hatte. Einen Preis, den die von Steinbach mit ins Leben gerufene "Stiftung gegen Vertreibungen" erstmals verlieh.

Dass die Christdemokratin den großen Mann der deutschen Publizistik auch für ihr Projekt eines "Zentrums gegen Vertreibungen" gewinnen konnte, zeigt, wie sich alte Fronten aufzulösen beginnen. Noch vor gut einem Jahrzehnt straften sich die linksliberale Öffentlichkeit und die Vertreter der Vertriebenen mit gegenseitiger Verachtung. Dabei waren einst viele Vertriebenenfunktionäre mit der SPD verbunden - bis im Zuge der neuen Ostpolitik des Kanzlers Willy Brandt der öffentliche Bruch vollzogen wurde.

Vielleicht bedurfte es erst der resoluten Informatikerin aus Hessen und eines zeitlichen Abstands von fast 30 Jahren, um den Brückenschlag zu wagen. Die vor drei Jahren gegründete Stiftung symbolisiert den neuen Versuch. Steinbach, die 1943 in Westpreußen zur Welt kam, steht ihr zusammen mit Peter Glotz vor.

Die Konservative und der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer - kann das gut gehen? Glotz, 1939 im böhmischen Eger geboren, engagiert sich für das Projekt eines "Zentrums gegen Vertreibungen", weil er die Veränderungen anerkennt, die sich im Verband unter der Vorsitzenden Steinbach vollzogen haben. "Da hat sich wirklich was getan, und das muss man auch honorieren", erklärte er jüngst in der "Süddeutschen Zeitung".

Zum Hörer gegriffen

 Publizist Giordano: Von der Wandlung überzeugt
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Publizist Giordano: Von der Wandlung überzeugt

Es ist vor allem Steinbachs offene Art, mit der sie einstige Kritiker gewann. Um Giordano warb die charmante Frau, nachdem sie sich im Frühjahr 2002 über einen seiner kritischen Artikel zur "Charta der Deutschen Heimatvertriebenen" geärgert hatte. "Ich habe überlegt, schreibst du ihm oder rufst du an - da habe ich dann angerufen", erzählt sie. Eine Stunde dauerte das Gespräch.

Am nächsten Tag erhielt sie einen Brief von Giordano. Was folgte waren weitere Telefonate, persönliche Begegnungen. Mit Giordano habe sich ein "lebendiger Dialog" entwickelt, wie sie es nennt. "Mich hat fasziniert", sagt Steinbach, "dass ein 80-jähriger Mann in der Lage ist, noch einmal seine Position zu überprüfen." Steinbach, erklärte Ralph Giordano im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sei die "Initialzündung gewesen". Vor allem ihr Bekenntnis zur Einmaligkeit des Holocaust habe ihn beeindruckt: "Da wurde ein altes Feindbild eingerissen durch Selbsteinriss."

Doch Erika Steinbachs Werben verfängt nicht überall. Der Streit, ob ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin oder nicht besser woanders angesiedelt werden soll, geht mitten durch alle Parteien. Markus Meckel, SPD-Bundestagsabgeordneter und letzter Außenminister der DDR, legte kürzlich einen Appell für ein "Europäisches Zentrum gegen Vertreibungen" vor - unter den Unterzeichnenden sind der SPD-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Günter Grass und die CDU-Politikerin Rita Süssmuth. Der Bund der Vertriebenen rufe mit "diesem nationalen Projekt das Misstrauen der Nachbarn hervor", so ihr Vorwurf.

Versuch der Pluralität

 Sudetendeutsche auf der Flucht: Von vielen lange ignoriert
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DER SPIEGEL

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Steinbach ärgert die Initiative Meckels. Ihm gehe es nicht um das Projekt an sich, sondern darum, den Vertriebenenverband "außen vor zu lassen", vermutet sie. Es gebe eine "latente Furcht" der Kritiker, dass das von ihr gewünschte Zentrum "am Ende nicht eine internationale Ausrichtung hat." Dabei, sagt sie, sei die "Stiftungssatzung doch so aufgebaut, dass man nur schwer Nein sagen kann." Den von der Stiftung verliehenen "Werfel-Menschenrechts-Preis" etwa erhielten Initiatoren eines "Kreuzes der Versöhnung" in Tschechien - und der Forscher Mihran Dabag, der sich vor allem mit dem Völkermord der Türken an den Armeniern 1914/15 widmet.

Die begeisterte Violinspielerin setzte von Anbeginn darauf, das "Zentrum gegen Vertreibungen" nicht nur auf die Geschichte von Flucht und Vertreibung der Deutschen, ob in den früheren Ostgebieten, im Sudetenland oder im Wolgagebiet zu beschränken. So wären ihre Vorgänger im Amt vorgegangen - und hätten damit die alten Positionskämpfe wieder heraufbeschworen. Ihr Motto, sagt sie, laute: "Die Zahl der Freunde mehren, nicht die der Gegner".

Doch noch ist Steinbach nicht so weit. Dass sie für Berlin als Sitz des Zentrums plädiert, stößt bei ihren Kritikern auf Unbehagen. Wiederholt wurde in der jüngsten öffentlichen Debatte Breslau als Standort eines Zentrums genannt, ebenso Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze. Doch dagegen ist Steinbach - nicht zuletzt, weil ein Ort wie Breslau im heutigen Polen eine "Verkürzung der Vertreibungsgeschichte auf das deutsch-polnische Verhältnis" bedeuten würde.

Schily als Unterstützer

 Unterstützer Glotz: Gewandeltes Verhältnis zu den Vertriebenenverbänden
DPA

Unterstützer Glotz: Gewandeltes Verhältnis zu den Vertriebenenverbänden

In der Bundesregierung kann Steinbach auf einen wortgewaltigen Befürworter hoffen: Otto Schily. Der Bundesinnenminister, der sich seit fast vier Jahren für das "Zentrum gegen Vertreibungen" einsetzt, sei der "politische Türöffner für die politische Linke gewesen", sagt Steinbach. Schily ist es, der offene Worte sprach, als er anmerkte, die Linke habe "zeitweise über die Vertreibungsverbrechen, über das millionenfache Leid, das den Vertriebenen zugefügt wurde, hinweggesehen". Schily bekam aber auch zu spüren, dass in den Vertriebenenverbänden noch nicht alle so denken wie Erika Steinbach. Als er im vergangenen Jahr auf dem Sudetendeutschen Tag das "verbrecherische Hitler-Regime" als Mitverursacher für die Vertreibungen nannte, schallten ihm empörte Buhrufe entgegen.

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